Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 17.01.2007, aktualisiert am 22.01.2007, Wolf von Fabeck:

100% Erneuerbare Energien - Warum das Kostenargument kein Kriterium sein darf

Eine Auseinandersetzung mit dem Argument der angeblich fehlenden Wirtschaftlichkeit und der angeblich unbezahlbaren Versorgungssicherheit

Die Erneuerbaren Energien hätten nicht das "wirtschaftliche Potential", die konventionellen Energien zu ersetzen und deshalb könne man nicht auf fossile Energien und Atomenergie verzichten. Insbesondere könnten die Erneuerbaren Energien keine Versorgungssicherheit gewährleisten. Mit diesem Argument wollen wir uns heute auseinandersetzen.

Die Energiewirtschaft muss immer häufiger der Öffentlichkeit begründen, warum ein Umstieg auf die Erneuerbaren Energien nicht möglich sei, obwohl doch deren Potential unerschöpflich und um ein Vielfaches größer ist als der Energiebedarf der gesamten Weltbevölkerung und Weltwirtschaft. Üblicherweise kontert die Energiewirtschaft mit folgendem Gedankengang:

1. Die Erneuerbaren Energien hätten zwar ein überwältigend hohes physikalisches Potential
z.B. die Sonnenenergie durch die auf die Erdoberfläche treffende Solarstrahlung.

2. Die Erneuerbaren Energien hätten auch noch ein weit mehr als ausreichendes technisches Potential,
Hier gehen die technischen Wirkungsgrade und die zur Verfügung stehenden Standorte sowie sonstige technische Beschränkungen ein.

3. Die Erneuerbaren Energien hätten allerdings nur ein unzureichendes wirtschaftliches Potential

Das wirtschaftliche Potential der Erneuerbaren Energien enthält nur solche Anwendungsformen der Erneuerbaren Energien, die gegenüber den heute üblichen Energien wirtschaftlich konkurrenzfähig sind oder zumindest in absehbarer Zeit werden könnten. So wird gerne als Beispiel angeführt, dass es für die Photovoltaik ein nicht unbeträchtliches wirtschaftliches Potential in netzfernen Gebieten oder auf Segelbooten gäbe, in denen die Solarstromerzeugung im Wettbewerb zu Strom aus Dieselgeneratoren steht. Es wird allerdings bestritten, dass Solarstrom oder auch die anderen Erneuerbaren Energien in einem Industriestaat mit hohem Energiebedarf und einem ausgebauten Stromnetz ein wirtschaftliches Potential hätten. Da sich dort die Erneuerbaren Energien nur mit der "Krücke des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes" einen kleinen Anteil am Stromverbrauch verschaffen konnten, ist nach Meinung der Energiewirtschaft bewiesen, dass ihnen das erforderliche wirtschaftliche Potential fehlt - sonst hätten sie sich ja bereits von selber - ohne staatlichen Eingriff - durchgesetzt. Völlig ausgeschlossen sei es insbesondere, die Versorgungssicherheit herzustellen zu Zeiten, an denen weder Sonne noch Wind Energie liefern. Die dafür notwendigen Speicher seien geradezu unbezahlbar und damit verkleinere sich das wirtschaftliche Potential weiter.

Wer sich für einen völligen Umstieg auf Erneuerbare Energien einsetzt, darf sich jedoch durch rein wirtschaftliche Argumente nicht vom sachgerechten Handeln abbringen lassen. Wir befinden uns am Beginn einer weltweiten Katastrophe. Die weitere Verwendung fossiler Brennstoffe wird Klimaschäden hervorrufen, die nach den Warnungen der Wissenschaft unkalkulierbar sein werden.

Externe Kosten geben nur einen geringen Wert an

Auch Wirtschaftswissenschaftler setzen sich mit den Schäden auseinander, die von den fossilen Energien verursacht werden. Sie haben dafür das Instrument der externen Kosten entwickelt. Die externen Kosten sollen alle Schäden, die nicht von den Energieverbrauchern, sondern von der Allgemeinheit bezahlt werden, zusammenfassen. Ihre Höhe der so ermittelten externen Kosten ist allerdings nicht überzeugend. Hier liegt ein erheblicher Widerspruch zwischen den Betrachtungen der Klimatologen und der Wirtschaftswissenschaftler vor.

Selbst Volkswirtschaftlern wird bewusst, dass wirtschaftliche Überlegungen der Lage nicht mehr gerecht werden. Der im Auftrag der britischen Regierung erstellte Report des ehemaligen Chefökonoms der Weltbank Sir Nicholas Stern vergleicht die Höhe der zu erwartenden Schäden nicht nur mit dem Bruttoinlandsprodukt (er nennt Schadenshöhen zwischen 5 und 20 Prozent des BIP), sondern er führt eine andere Form der Bewertung ein. Er vergleicht die zu erwartenden Schäden mit den Schäden der letzten beiden Weltkriege und spricht vom Versagen der Marktwirtschaft.

Vermutlich ist dem gelernten Wirtschaftswissenschaftler Sir Nicholas Stern die Fragwürdigkeit der rein wirtschaftlichen Beurteilung großer Katastrophen schmerzhaft bewusst geworden.

Wir wollen dieser Fragwürdigkeit von Kostenberechnungen noch weiter nachgehen.

Die Fragwürdigkeit von Kostenberechnungen bei der Ermittlung der externen Kosten

Der Wert eines Menschenlebens

Wirtschaftler beziffern den Wert eines Menschenlebens danach, wieviel das betroffene Individuum oder die sich betroffen fühlende Gemeinschaft bereit ist, für die Erhaltung des Menschenlebens auszugeben. Damit wird klar, dass das Leben eines Milliardärs (aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaften) teurer ist als das eines Bettlers und insbesondere wird klar, warum der Wert von Menschen die an den von Überschwemmung bedrohten Küsten des armen Staates Bangladeschs leben, so erstaunlich gering eingeschätzt wird. Schon aus ethischer Sicht stimmen wir dem nicht zu.

Mangelnde Sensibilität der Wirtschaftswissenschaft für zukünftige Katastrophen

Die Wirtschaftswissenschaft kann nicht auf zukünftige Katastrophen reagieren, weil sie an der Gegenwart ausgerichtet ist. Die Tatsache, dass zukünftige Ereignisse aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht nur gering bewertet werden, wird mit dem Ausdruck "Gegenwartspräferenz" bezeichnet. Sie ergibt sich unter anderem auch aus der Abzinsung zukünftiger Kosten. Ein Schaden, z.B. der in 90 Jahren unsere Enkel mit 50 Millionen trifft, schlägt bei einem angenommenen Zinssatz von 4,5 % heute nur mit 1 Million zu Buch. Die Wirtschaftswissenschaft kann deshalb auch berechtigten Alarmsignalen keine adäquate Kosten zuordnen.

Das Bruttoinlandsprodukt ist kein Indikator für das Wohlergehen der Bevölkerung

Abgesehen davon, dass das Bruttoinlandsprodukt keine Aussage darüber macht, wie die Wertschöpfung in der Bevölkerung verteilt wird, kann man das Bruttoinlandprodukt auch nicht als Indikator dafür sehen, ob die Wertschöpfung zur Schaffung positiv einzuschätzender neuer Werte oder aus unerfreulichem Anlass erfolgt. Das Bruttoinlandsprodukt ergibt sich aus der Addition der Verkaufserlöse aller Produkte und Dienstleistungen eines Jahres. Dabei wird kein Unterschied gemacht, um was für Produkte und Dienstleistungen es sich handelt. So geht bei einer Überschwemmungskatastrophe auch der Wert verkaufter Sandsäcke, verkaufter Särge, verkaufter Arztbehandlungen und verkaufter Aufräumarbeiten noch in das Bruttoinlandsprodukt mit ein. Selbst in der Katastrophe wird mit deren geordneter Beseitigung noch Geld verdient. Erst wenn das Wirtschaftsleben zusammenbricht, Hilfeleistungen nicht mehr bezahlt werden können und Menschen ihren bezahlten Tätigkeiten nicht mehr nachkommen können, weil sie umgekommen oder mit unbezahlter Selbst- oder Nachbarschaftshilfe befasst sind, bricht das Bruttoinlandsprodukt ein.

Die Wirtschaftswissenschaften können also keine Hilfestellung geben, wenn es um die Abwehr zukünftiger Katastrophen geht. Es genügt nicht, erst dann tätig zu werden, wenn das Bruttoinlandsprodukt bedroht ist.

Das Technisch Machbare tun!

Es geht in unserer Lage nicht mehr nur um das Vermeiden hoher Kosten, sondern um das Überleben für Millionen von Menschen und um den Bestand der Zivilisation. Wer begriffen hat, was hier auf dem Spiel steht, wird alles daransetzen, das Eintreten der vorhersehbaren Katastrophe zu verhindern, bzw. sie so weit wie möglich abzumildern. Die Beschränkung aller Überlegungen auf rein marktwirtschaftliche Betrachtungsweisen ist fehl am Platz, wenn es um ökologische Notwendigkeiten geht. Der Solarenergie-Förderverein erkennt das Argument des fehlenden wirtschaftlichen Potentials nicht an, nicht weil es falsch ist, sondern weil die bloße marktwirtschaftliche Betrachtung der Kosten dem Problem nicht gerecht wird.

Technisch machbar ist der vollständige Umstieg auf Erneuerbare Energien allemal.
Die anspruchsvollste Aufgabe dabei ist das Füllen der Lücken, die sich bei längerem Ausbleiben von Sonne und Wind ergeben. Aber auch mit den heute vorhandenen Speichertechniken ist dies schon möglich, selbst wenn man deren hohe Energieverluste mit einkalkuliert. Das technische Potential der Erneuerbaren Energien in Deutschland ist - über das Jahr bilanziert - deutlich größer als der vorhersehbare Jahresbedarf. Würde man für diese Zukunftsaufgabe unsere heute bekannten Speicher nehmen, so wäre der Aufwand allerdings enorm.

Glücklicherweise haben wir bis dahin noch etwas Zeit, denn die Aufgabe des Speicherns wird sich erst dann ergeben, wenn der Umstieg zu mehr als 50 Prozent geschafft ist, wenn die Erneuerbaren Energien die konventionellen Energien bereits überholt haben. Da dies schon heute absehbar ist, tun wir gut daran, so früh wie möglich bessere Energiespeicher zu entwickeln und dafür die geeigneten wirtschaftlichen Anreize zu geben. Auch für Energiespeicher gilt - wie für alle technischen Geräte - die Erfahrung, dass ihre Herstellung mit wachsender Erfahrung beim Einstieg in die Massenproduktion immer günstiger wird.

Die Welt braucht die Erneuerbaren Energien und wir können sie voranbringen.



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