Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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20.09.2008, Wolf von Fabeck:

Joschka Fischer will Kohlekraftwerk Moorburg - Stellungnahme des SFV

Fischer macht sich Sorgen um den Einfluss der Grünen - zu Recht!

Stellungnahme des SFV zu einem Interview mit Joschka Fischer

Das vollständige Interview findet sich in der Zeitschrift Zeo2 unter Joschka Fischer und die neue Welt-Energie-Ordnung
Hier nur ein Ausschnitt:

(...)

Zeo2 fragt:

Das heißt, wir müssen dem Ölpreis dankbar sein, weil er als schmerzhafte Heilkur die Energierevolution in Gang bringen kann?

Antwort Joschka Fischer:

Sie können sicher sein, er wird sie in Gang bringen. Er wird neue Technologien anstoßen. Wir werden die Erneuerbaren Energien perspektivisch auch für die Grundlast bekommen zum Beispiel durch
Offshore-Windkraft. Wir werden aber als Übergangstechnologie auch weiter Kohle einsetzen müssen, wenn wir nicht wieder bei den mehr als zweifelhaften Segnungen der Atomkraft landen wollen. Es wäre ein Riesenfehler von Grünen und Umweltbewegung, wenn sie an diesem Punkt unrealistisch sind. Ich sehe die Probleme der Kohle und beschönige nichts, aber für den Übergang kommen wir nicht ohne sie aus.

(...)

Zeo2:

Kohlekraftwerke sind Investitionen für Jahrzehnte, da werden gewaltige Klima-Emissionen langfristig zementiert.

Fischer:

Das ist ein starkes Argument, ich weiß. Aber man hat nachträglich auch entstickt und entschwefelt. Warum nicht Kohlekraftwerke unter dem Vorbehalt genehmigen, dass sie nachgerüstet werden müssen, sobald die Technologie des CO2-Abscheidens oder Vergleichbares verfügbar ist?

Kommentar des Solarenergie-Fördervereins Deutschland

Wir widersprechen ungern einem Politiker mit den Verdiensten von Joschka Fischer, doch hier liegt er in technischer und politischer Hinsicht gleich mehrfach daneben. So sehr wir seinen Warnungen vor dem
Wiedereinstieg in die Atomenergie zustimmen, müssen wir seine unangemessenen Zweifel an den Erneuerbaren Energien doch in aller Form zurückweisen. Offensichtlich ist Fischer nicht ausreichend informiert:

In einer von Erneuerbaren Energien getragenen zukünftigen Stromwirtschaft brauchen wir keine Grundlastkraftwerke! Es ist auch nicht nötig, "perspektivisch", d.h. bis zum Sankt Nimmerleins Tag darauf
zu warten. Stattdessen brauchen wir einen landesweit verteilten Mix von Erneuerbaren Energien, die sich gegenseitig ergänzen und wir brauchen einen gezielten Ausbau landesweit verteilter Stromspeicher, die an sonnigen und windigen Tagen den überschüssigen Solar- und Windstrom für Tage ohne Wind und Sonne speichern.

Off-shore Windenergie kann entgegen Fischers Vermutung keine Grundlast liefern und braucht das, wie gesagt, auch nicht. Grundlastkraftwerke sind Kraftwerke, die mit praktisch unveränderter Leistung unabhängig vom Wetter rund um die Uhr Strom erzeugen. Das kann Windkraft keinesfalls - auch nicht die von Joschka Fischer genannten Off-shore Windanlagen. Wenn über Nord- und Ostsee Windstille herrscht, dann bleiben auch die Off-shore Windräder stehen. Dafür weht dann aber vielleicht in
Süddeutschland der Wind oder es scheint in Ostdeutschland die Sonne.
Deshalb müssen wir ALLE Erneuerbaren Energien in ALLEN Landesteilen ausbauen.
UND wir müssen uns auch auf die seltenen Tage einstellen, an denen im ganzen Land weder Wind weht noch die Sonne scheint. Dafür müssen dann landesweit dezentralisierte Stromspeicher errichtet werden.
Nein, keine großen Pumpspeicherkraftwerke - dafür gibt es kaum noch geeignete Standorte! Aber es gibt andere Möglichkeiten. Stromspeicher haben in jüngster Zeit eine rasante Entwicklung durchgemacht: Schon gibt es Batterien, mit denen ein Elektroauto über 300 km weit fahren kann. Und Platz für solche Batterien gibt es in jedem Keller.

Wie man den Ausbau der Stromspeicher mit marktwirtschaftlichen Mitteln - ganz ohne Steuergelder - vorantreiben kann, beschreiben wir unter Ein Stromspeichergesetz könnte marktwirtschaftliche Anreize zum Ausbau der nationalen Stromspeicherkapazitäten liefern
UND außerdem müssen wir alle dafür geeigneten Wasser-, Biomasse- und Geothermiekraftwerke so umrüsten, dass sie an Tagen mit überschüssigem Sonnen- und Windstrom Pause machen können und Energie für die Tage ohne Sonne und Wind ansammeln. Es gibt also noch genug zu tun.

In dieser Richtung ist ein politischer Einsatz notwendig. Dazu gehört es, dass man in der Öffentlichkeit seine Planungen erläutert und nach Verbündeten sucht (aber nicht nach Verbündeten, die eine Unterstützung für den Ausbau der Kohleenergie benötigen!).

Fischer macht sich Sorgen um die weitere Einflussmöglichkeit der Grünen auf die Energiepolitik. Wir meinen zu Recht (aber aus einem anderen Grund als Fischer meint)!

Wer volkswirtschaftliches Vermögen in den Bau neuer klimaschädlicher Kohlekraftwerke und den Import ausländischer Kohle stecken will, die er selber nur als Übergangstechnologie erkannt hat, enttäuscht die
Hoffnungen und Erwartungen derjenigen Wähler, die sich um den Klimawandel und die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten Gedanken machen.
Es fehlt die klare Positionierung nach dem Motto: "Wir brauchen weder Atomenergie noch Erdöl, Erdgas oder Kohle, sondern wir brauchen den vollen uneingeschränkten politischen Einsatz für den Ausbau der Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare Energien."

Zu Recht mahnt die Zeitschrift Zeo2: Sie vergessen die Erneuerbaren.

Noch ein Nachtrag

Fischer irrt auch in anderer entscheidender Hinsicht: Ein Kraftwerk, wie das in Moorburg geplante, kann aus hunderterlei technischen Gründen nicht zur CO2-Abscheidung "nachgerüstet" werden. Man müsste dann praktisch ein völlig neues Kraftwerk in einer bisher noch unerprobten Technik bauen, und das wäre erheblich teurer als das geplante Kraftwerk.
Eine ausführlichere Stellungnahme des SFV zur CO2-Abscheidung finden Sie unter CO2-freie fossile Kraftwerke - Zu unsicher, nicht nachhaltig, insbesondere aber: zu spät



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