Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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10.09.2015, Petra Hörstmann-Jungemann, Rüdiger Haude:

Bericht vom Branchentag Photovoltaik NRW

Der 6. „Branchentag Photovoltaik NRW“ fand am 9. September in Düsseldorf statt, ausgerichtet wurde er von der EnergieAgentur.NRW. Der Photovoltaik-(PV)-Branche in NRW sollten Hilfestellung und Anregungen gegeben werden, um sich in der derzeit schwierigen Situation am Markt zu behaupten.

Frank-Michael Baumann, Geschäftsführer EnergieAgentur.NRW stellte in seiner Begrüßung fest, dass der jährliche Zubau an PV-Anlagen stark zurückgegangen sei. So waren es 2014 nur noch 1,9 GW, für 2015 erwarte er nur noch einen Zubau von ca. 1,3 GW (Anmerkung: 2012 wurden noch 7,6 GW zugebaut). Die Vorreiterrolle Deutschlands hinsichtlich der Energiewende sei „angekratzt“. Dabei steige die weltweite Nachfrage nach PV-Anlagen.

Rückhalt für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien sah Baumann in der deutschen Bevölkerung: 93 Prozent halten ihn für wichtig bis außerordentlich wichtig. Dies ergab eine aktuelle repräsentative Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE).

Was ist zu tun? In NRW, betonte Baumann, müsse die Bevölkerung bzw. auch Hausbesitzer besser aufgeklärt und informiert werden, z.B. über die Systeme Photovoltaik und Wärmepumpe oder PV plus Speicher. Hier sah er auch die Installateure in der Pflicht.

Plenarvorträge

Nachhaltigkeit und Renditesicherung bei PV-Anlagen durch marktgerechte Qualitätssicherung

Willi Vaaßen, TÜV Rheinland Energie und Umwelt GmbH (Chairman)

Die Qualität sei ein wichtiger Baustein für die Nachhaltigkeit von PV-Anlagen, berichtete Willi Vaaßen vom TÜV Rheinland Energie und Umwelt GmbH. Denn Ertragseinbußen gefährden die Rentabilität der Anlagen. Würde eine 100 MWp-Anlage nur ein Prozent Ertragsverlust aufweisen, rechnete Vaaßen vor, könnte sich über 20 Jahre schon ein Mindererlös von mehr als 3 Mio. Euro ergeben. Die gewählte Referenzgröße wird man allerdings schon als untypisch bezeichnen dürfen – selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Vaaßens Beitrag sich hauptsächlich an die Errichter großer PV-Anlagen richtete.

Vaaßen stützte seine Aussagen auf das Ergebnis einer Überprüfung von mehr als 100 PV-Anlagen (zwischen 100 kWp und 30 MWp, Installation ab 2011): Bei 30 % der überprüften Anlagen hätten sich schwerwiegende Fehler ergeben. Davon waren über 50 % Installationsfehler, 25 % Planungs- und Dokumentations-, sowie 9 % Produktfehler.

Die Qualität der installierten Module sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Neben den Moduldefekten wie z.B. Mikrozellbrüche oder Delamination hätten sich durch potenzialinduzierte Degradation (PID) (Erklärung s. Kasten) zum Teil hohe Ertragseinbußen ergeben. Bei Kenntnis der PID-Sensibilität von PV-Modulen im Planungsstadium ließen sich Ertragseinbußen vermeiden.

Die Auswahl der geeigneten Modultypen für den vorgesehenen Standort sei wichtig, fuhr Vaaßen fort. Der TÜV Rheinland entwickele gerade ein Label für Module, das Energy Yield Rating Label, welches die Installateure bei ihrer Auswahl unterstützen soll. Aspekte wie z.B. Temperaturverhalten, Verhalten bei geringer Einstrahlung, Standortfaktoren (Einstrahlung, Verschmutzung), aber auch die Häufigkeit des Auftretens von Hagel, beeinflussen die Erträge der Module und damit die Rentabilität und sollen deshalb bei der Vergabe des Labels berücksichtigt werden.

Weitere wichtige Maßnahmen zur Renditesicherung seien, betonte Vaaßen, eine „präzise Leistungsmessung“ und Wartung während des Betriebs.

Als Strategie empfahl er zukünftigen Investoren großer PV-Anlagen, schon im Vorfeld Maßnahmen zur Qualitätssicherung (Auswahl der Komponenten, Überwachung der Planung ...) einzubinden, um Risiken zu vermindern. Dies könne auch ein wichtiger Aspekt für Versicherer sein. Beim Bau kleinerer Anlagen solle auf zertifizierte Installateure zurückgegriffen werden. Das gelte ebenfalls für die Kontrolle der Erträge bzw. Wartung der Anlagen.

PID Potential Induced Degradation, engl. für Spannungsinduzierte Degradation in der Photovoltaik: „ist eine spannungsbedingte Leistungsdegradation bei kristallinen Photovoltaik(PV)-Modulen, hervorgerufen durch sogenannte Leckströme. Dieser negative Effekt kann Leistungsverluste von bis zu 30 % verursachen....
Ursache für die schädlichen Leckströme ist neben dem Aufbau der Solarzelle die Spannungslage der einzelnen PV-Module gegenüber dem Erdpotential – bei den meisten ungeerdeten PV-Systemen sind die PV-Module einer positiven oder negativen Spannung ausgesetzt. PID tritt meistens bei negativen Spannung gegenüber Erdpotential auf (Ausnahme: gewisse kristalline Hochleistungsmodule) und wird durch hohe Systemspannungen, hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit beschleunigt.“

(Quelle: Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Solarmodul#Spannungsinduzierte_Degradation)

Möglichkeiten der Abschätzung verschiedener Kombinationen mit PV

Andrea Klimek, Geschäftsführerin Rheinland Solar GmbH & Co. KG im Interview mit Heiko Schwarzburger, Chefredakteur Zeitschrift photovoltaik

In dem moderierten Gespräch mit Heiko Schwarzburger berichtete Andrea Klimek, dass derzeit in ihrem Unternehmen die Wartung von PV-Anlagen im Vordergrund stehe, statt der Bau von PV-Neuanlagen. Sie stimmte dem Vorredner Willi Vaaßen zu, dass Investitionswillige für Planung und Qualität mehr Geld ausgeben sollten. Heiko Schwarzberger vertrat die Ansicht, dass die Qualität der PV-Anlagen in den letzten Jahren stark vom Fördersystem bestimmt worden sei.

Der zukünftige PV-Markt werde sich vom Einspeisemarkt vor allem zum „gebäudetechnischen Markt“ entwickeln. Im Vordergrund werde der Solarstromeigenverbrauch mit Speicher stehen, in Kombination mit der Elektromobilität und/oder einer Wärmepumpe. Nicht zu vernachlässigen sei auch die solare Kühlung.

Um wieder mehr Dynamik in den PV-Markt zu bringen, könnten die Kommunen offensiver sein, eigene Gebäude mit PV ausstatten und die Zusammenarbeit von Stadtwerken, Installateuren und Wohnungsbaugesellschaften forcieren. Die Energiewende setze sich vermutlich zuerst in den Städten durch, so die Einschätzung von Heiko Schwarzburger.

Praxisbeispiel: Kombinationen mit Photovoltaik (Villa Media)

Jörg Heynkes, Geschäftsführer Villa Media

Jörg Heynkes zeigte in seinem Beitrag auf, dass die vom Vorredner skizzierten Einsatzmöglichkeiten für die Photovoltaik von seinem Unternehmen Villa Media (Medien- und Dienstleistungsstandort in Wuppertal) zum großen Teil schon umgesetzt seien: sechs eigene Photovoltaikanlagen, ein Blockheizkraftwerk und eine innovative Brennstoffzelle liefern im Verbund für sein Unternehmen schon einen großen Teil der Energie in Form von Strom und Wärme. In Planung sei der Bau eines Stromspeichers zur bidirektionalen Ladung, um auf einen Versorgungsgrad von ca. 90 Prozent zu kommen. Zusätzlich gibt es auf dem Gelände mehrere Elektrotankstellen.

Nach diesen Plenarveranstaltungen des Vormittags fanden am Nachmittag zwei parallele Blöcke statt. Im ersten Block kamen die folgenden zwei Themen zur Sprache:

Green City Freiburg

Per Klabundt, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes 100 Prozent Erneuerbare Energien Region Freiburg

Von einer der deutschen 100-Prozent-Regionen berichtete einer ihrer zentralen Akteure, Per Klabundt. In dem Wirtschaftsverband, dessen Geschäftsführer er ist, haben sich Unternehmen aus der Region Freiburg (Breisgau) zusammengeschlossen, die an einem Umbau der Energieversorgung hin zu sauberen Energien interessiert sind. In Freiburg und Umgebung, so berichtete Klabundt, kommen eine Reihe begünstigender Faktoren zusammen: Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE) ist in der Stadt angesiedelt, die einen Grünen als Oberbürgermeister hat. Nicht zuletzt ist die für deutsche Verhältnisse beträchtliche Sonneneinstrahlung hilfreich.

Verschiedene Umstellungskonzepte konkurrieren in Freiburg miteinander, so Klabundt. Neben der regional aufgestellten Planung, bis 2035 auf 100 Prozent Erneuerbare zu kommen, gebe es auch eine städtische Planung, bis zum Jahr 2050 „CO2-neutral“ zu werden; Klabundt bezeichnete die letztere Zielmarke als die realistischere.

Als Faktum postulierte er, bei der Installation von PV-Anlagen stelle die Netzeinspeisung die „Vergangenheit“ dar, während die „Zukunft“ der Eigenstromnutzung mit Speichern gehöre.

Handlungsfeld Energie in Unternehmen – Nutzung von Photovoltaik

Dr. Erich Bauch (Essener Wirtschaftsförderung GmbH) und Wilhelm Schröder (Netzwerk Photovoltaik, EnergieAgentur.NRW)

In einem Dialog über die Einsatzchancen von Photovoltaik in Unternehmen gelangten der Essener Wirtschaftsförderer Bauch und sein Gesprächspartner Schröder von der Energieagentur zu einer ähnlichen Einschätzung wie zuvor Klabundt mit Augenmerk auf private Nutzer. Schröder fasste das in die Worte: „Das alte EEG ist Geschichte, jetzt geht es darum, den Strom selbst zu erzeugen.“ Bauch erläuterte Umsetzungsbeispiele solcher Konzepte, etwa bei einer größeren Bäckereikette im Ruhrgebiet.

Parallel zu diesen Vorträgen wurden im zweiten Nachmittagsblock folgende weitere Themen angesprochen:

Mehrfamilienhäuser als Zielgruppe

Dr. Maria Hustavova, Justiziarin, naturstrom AG

Mieter von Wohnungen können häufig nur wenig zur Verbreitung von PV-Anlagen beitragen bzw. nur selten Strom aus Erneuerbaren Energien nutzen. Dies möchte z.B. die naturstrom AG mit ihrem Mieterstrommodell ändern. Maria Hustavova stellte dieses Konzept vor und zeigte, wie Mieter auch den auf den Dächern „ihrer“ Gebäude (Mehrfamilienhäuser, Gewerbehöfe) produzierten Strom nutzen können. Der auf dem Dach produzierte Solarstrom und BHKW-Strom wird mit „Reststrom“ aus dem Netz gemischt und dem Mieter zum Kauf angeboten.
Messtechnisch sei dies kein Problem: gemäß KWKG werde ein Summenzählermodell zur rechtssicheren Abwicklung eingesetzt. Naturstrom AG wird so zum Stromlieferanten und ggf. auch zum Messstellenbetreiber.
Möglich seien viele verschiedene Konstrukte, durch Pacht der Dächer und Bau der PV-Anlagen bis zur Übernahme des Messstellenbetriebs für den Kunden. Dieses Konzept sei auch eine Chance für Energiegenossenschaften und Bürgersolarstromanlagen.

Erfahrung mit der Freiflächenausschreibung

Manfred Bächler, Geschäftsführer PerVorm GmbH

Nach dem neuen EEG 2014 soll die Förderung der Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf ein Ausschreibungsverfahren umgestellt werden. Vorgebliches Ziel ist es, dass die Photovoltaik sich zunehmend im Wettbewerb behaupten und ihr weiterer Zubau planbarer erfolgen soll. Das Prozedere ist in der Freiflächenausschreibungsverordnung (FFAV) geregelt. Sie ist gültig für Freiflächen-Anlagen ab 100 kWp. Im Jahr 2015 sollen 500 MWp über dieses System vergeben werden.

Getestet wurden 2015 bereits zwei verschiedene Vergabeverfahren: Price as Bid („Zuschlag zu dem im jeweiligen Gebot angegebenen anzulegenden Gebotswert“, April 2015) und Uniform Pricing ( Ermittlung des anzulegenden Werts ist „der Gebotswert des letzten bezuschlagten Gebots“, August 2015)

Bei einer ersten Auswertung der Ergebnisse stellte Manfred Bächler vom Unternehmen PerVorm GmbH in seinem Vortrag folgendes fest:

  • Die Nachfrage war wesentlich höher als das Zuschlagsvolumen.
  • Ca 95 % der Angebote stammte von Kapitalgesellschaften. Eine Akteuersvielfalt sei nicht zu erkennen
  • Die Angebotsmenge für den Bau auf Konversionsflächen nahm ab, sie nahm für solche auf Randstreifen zu. Nach Meinung des Referenten könnten in der ersten Ausschreibungsrunde im Jahr 2016 auch Angebote für max. 10 PV-Anlagen auf benachteiligten Ackerflächen möglich sein.
  • bei dem System Uniform Pricing lag die Zuschlaghöhe für alle Angebote bei 8,49 Cent/kWh, also unter dem EEG-Preis von ca. 8,93 Cent. Bisher sei noch keine Anlage aus dem Ausschreibungsverfahren realisiert worden, die einen Zuschlag erhalten hatte. Die geringe Vergütung könnte einen Einfluss auf die Qualität der PV-Anlagen haben.

Zum Abschluss fasste der Referent zusammen, wer noch eine Chance auf diesem stark umkämpften Markt habe: „Multi-Projektanbieter „mit tiefen Taschen“ seien deutlich im Vorteil (z.B. Staffelung von Angeboten). Verstärkt werde die Problematik auch noch durch die Verringerung des Ausschreibungsvolumen auf 400 MW in 2016. Es gebe auch schon Ideen, das Ausschreibungssystem auf Dachanlagen auszuweiten.

Auslandsmärkte erschließen als Zukunftschance

Sabine Reinkober, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Frau Reinkober stellt in ihrem Vortrag die vielfältigen Möglichkeiten von PV-Unternehmen vor, in Schwellen- und Entwicklungsländer am Aufbau einer Erneuerbaren-Energienstruktur mitzuwirken. Die Nachfrage hierfür sei vorhanden.
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Entwicklungs- und Schwellenländern diene dem Klimaschutz, verringere die Abhängigkeit von Energieimporten, ermögliche den Aufbau einer stabilen Energieversorgung usw.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fördert vielfältige Projekten. Besteht Interesse eines Unternehmens an Projekte teilzunehmen, kann es sich an einen EZ-Scout wenden. Als Bindeglied zwischen Ministerium und Wirtschaft sind sie Ansprechpartner bei Informationen zu Fördermitteln, Vermittlung von Kontakten in den entsprechenden Ländern, Beratung bei der Auswahl der Ansprechpartner vor Ort, Unterstützung bei der Projektkonzeption, usw.. Angesiedelt sind sie z.B. bei den Industrie- und Handelskammern, den Auslandhandelskammern oder dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau.

Einschätzung

Der Trend der vergangenen Jahre, dass PV nicht mehr zur Netzeinspeisung, sondern zunehmend zur Eigennutzung verwendet wird, wurde auf dieser Tagung nicht bloß konstatiert, sondern als Selbstverständlichkeit betrachtet und teilweise sogar zur Forderung erhoben. Auch der nordrheinwestfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), der nach der Kaffeepause noch ein Grußwort an die Anwesenden richtete, nannte als Politik seiner Regierung, die Eigenstromnutzung von PV-Anlagenbetreibern „auf 40 Prozent zu steigern“. Dieses Statement eines Politikers verweist darauf, dass die Bedingungen, die gegen eine Netzeinspeisung von PV-Strom wirken, politisch gemacht sind.

Dann muss man allerdings untersuchen, ob eine solche Optimierung auf Eigenstromversorgung wirklich gesellschaftlich wünschenswert ist. Nach unserer Überzeugung ist sie es nicht. So erfreulich eine 100-Prozent-Modellregion wie Freiburg ist, oder ein weitgehend energieautarker Haushalt, oder ein ebensolches mittelständisches Unternehmen – die Aufgabe, vor der wir gesellschaftlich stehen, ist die Vollversorgung unserer Volkswirtschaft mit Erneuerbarem Strom, inklusive der Metropolen und der energiehungrigen industriellen Strom-Großverbraucher. Eine solche Versorgung ist mit dezentral erzeugtem Strom aus Wind und Sonne möglich – aber nicht, wenn jeder Nutzer nur den Eigenverbrauch optimiert. Wir brauchen daher gesetzliche Rahmenbedingungen, die Anreize für eine Anlagenoptimierung auf die Netzeinspeisung wiederherstellen. Wir brauchen viele Haushalte, viele Regionen, die mehr als 100 Prozent ihres Eigenbedarfs an Strom produzieren.

Vom nächsten Branchentag Photovoltaik NRW würden wir uns wünschen, dass diese Problematik adressiert und entsprechende Forderungen an die Politik gerichtet werden.




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