Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 31.10.2007, aktualisiert am 12.12.2007, Susanne Jung:

BMU überschätzt Potential der Bioenergien

Kommentar zum Sondergutachten "Klimaschutz durch Biomasse" des BMU-Sachverständigenrates

Im jüngsten Sondergutachten des BMU-Sachverständigenrates für Umweltfragen wird den Bioenergien in einem Energiemix aus Erneuerbaren Energien eine entscheidende Rolle zugesprochen. Im Jahr 2005 wurden durch Bioenergien der Hauptanteil – nämlich 68 % - der Erneuerbaren Energien bereitgestellt. Der Sachverständigenrat stützt nun sein neuerliches Gutachten "Klimaschutz durch Biomasse" auf die Annahme, dass „der Anteil von Biomasse am erneuerbaren Energiemix auch zukünftig (bei einem Betrachtungszeitraum bis 2030) in etwa gleich (SFV: also weiterhin bei 68 % der Erneuerbaren) bleiben wird."

Diese Prognose läuft darauf hinaus, dass für Bioenergien ein ständig wachsender Ausbau angenommen wird. Dem muss aus folgenden Gründen entschieden widersprochen werden.

Bioenergien nur begrenzt verfügbar

Derzeit werden in Deutschland bereits auf ca. 2,9 Mio ha Energiepflanzen angebaut. Dies geschieht hauptsächlich auf konventionelle Art - also mit hohen, energieaufwändig hergestellten Dünger- und Pestizidgaben. Eine Steigerung der Erträge pro Fläche ist nur dann zu erwarten, wenn energieaufwändig hergestellte Düngemittel, ökologisch problematische Pestizide und gentechnisch veränderte Saat- und Pflanzgute vermehrt zum Einsatz kommen. Eine solche Bewirtschaftung der Flächen geht jedoch zu Lasten der Natur, der Umwelt und des Klimaschutzes.

Nur ca. 6 Prozent unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche werden derzeit von Ökolandwirten bewirtschaftet, die vor allem Nahrungs- und Futtermittel ohne synthetische Dünger- und Schadstoffeinträge umwelt- und klimafreundlich anbauen. Die Forderung nach Ökologie und Klimaschutz im Landbau muss in den nächsten Jahren zunehmen, so dass Mindererträge im Ökolandbau durch Flächenverschiebungen vom Energiepflanzenanbau zum Nahrungspflanzenanbau ausgeglichen werden müssen. Somit ist es unrealistisch, weiterhin 2,9 Mio ha Ackerfläche zur Produktion von Bioenergie zu nutzen. Nach Schätzungen des SFV zum Bioenergie-Potential gehen wir höchstens von einer Fläche von 2,5 Mio ha aus. Bedingung hierfür ist eine Reduzierung der Tierbestände um ein Viertel.

In den Berechnungen zum BMU-Sachverständigengutachten ging man möglicherweise noch davon aus, dass weitere 1,2 Mio ha Stilllegungsfläche für den Energiepflanzenanbau genutzt werden könnten. Die EU-Agrarminister beschlossen jedoch Ende September 2007, die für die Landwirte obligatorische Flächenstillegung für 2007/2008 von bisherige 10% radikal auf 0 % zu setzen. Das ungewöhnlich trockene und heiße Wetter im April, gefolgt von ungünstigen Witterungsverhältnissen in den westlichen Mitgliedsstaaten und einer Trockenperiode und Hitzewellen im Südosten Europas erbrachte eine zu niedrige Getreideernte in der EU. Nun steht eine Generalüberprüfung durch die EU-Agrarminister an, ob die Flächenstilllegung nach 2008 überhaupt noch als geeignetes Instrument zur Anbau- und Preisregulierung auf dem Agrarmarkt angesehen werden kann.

Der besonderen Rolle der Biomasse in der stofflichen Verwertung wird im Gutachten nur unzureichend Rechnung getragen. Da „die Kraft-Wärme-Nutzung generell zu höheren Energiepotenzialen als die Kraftstoffnutzung“ führt, solle man nach Meinung der Gutachter die energetische Verwertung von Holz gefördert werden. Dabei wird übersehen, dass man das über viele Jahre im Holz gespeicherte CO2 eher stofflich verwerten sollte (z. B. in Holzmöbel als Ersatz von Kunststoffprodukten, in Holzhäusern und Holz-Eisenbahnschwellen als Ersatz von Beton), als es innerhalb kürzester Zeit durch Verbrennung wieder an die Atmosphäre abzugeben.

Ebenso sind alle Rest- und Abfallstoffe zur energetischen Verwertung auch nur begrenzt verfügbar. Der Abfallminimierung und dem Recyclen von Reststoffen muss immer ein Vorrang eingeräumt werden. Viele landwirtschaftliche Reststoffe wie z.B. Stroh, Rübenblatt sollten aus ökologischen Gründen auf dem Acker verbleiben, um Nährstoffkreisläufe zu schließen. Energetische Nutzungen sind deshalb nicht in jedem Fall anzuraten. Um den Ausstoß des klimaschädlichen Gases Methan zu reduzieren, sollten zusätzlich Tierbestände reduziert werden. Dies würde gleichzeitig zu einer Verringerung des Reststoffpotentials - hier zum Rückgang des Gülleaufkommens - führen.

Die EU hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 10 Prozent der Kraftstoffe durch Bioenergien zu ersetzen (Deutschland verpflichtete sich sogar zu 17 Prozent!). Diese ambitionierten Ziele sind nach Meinung der Gutachter nur dann zu erreichen, wenn der Importaufwand erheblich erhöht, Ertragssteigerungen in der Pflanzenproduktion forciert und großtechnisch einsetzbare Biokraftstoffe wie BtL und Ethanol aus Lignozellulose (z.B. Holz) zum Einsatz kommen. Die damit verbundenen Risiken und Folgen - möglicherweise sogar bis zur Abholzung von Urwald mit dem Ziel, neue Anbauflächen zu erschließen - blieben im Gutachten zwar weitestgehend unerwähnt. Die Verfasser der Studie geben jedoch zu Bedenken, dass „die Biomassenutzung einer deutlichen Begrenzung durch das verfügbare Potenzial unterliege“. Daher seien sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene konkrete Standards erforderlich, um negative Auswirkungen bei Ausbau und Nutzung von Biomasse zu vermeiden.
Zertifizierungen müssen jedoch auch in solchen Staaten zuverlässig und praktikabel sein, in denen soziale Missstände auf der Tagesordnung stehen.

Außerdem - die erzielbar hohen Preise für zertifizierte Bioenergien üben in den Lieferländern einen Anreiz zur Vergrößerung der Energiepflanzen-Anbauflächen aus. Woher sollen diese Flächen kommen? Urwald könnte wegen der Zertifizierung dafür nicht gerodet werden. Damit könnte nicht ausgeschlossen werden, dass Flächen, die bisher für Nahrungsmittelanbau vorgesehen waren, für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden. Das geerntete Pflanzenöl oder das produzierte Ethanol wird zertifiziert. Die Verminderung der Flächen für Nahrungsmittelanbau könnte ihrerseits zur Suche nach neuen Anbauflächen führen. Da die Schaffung neuer Anbauflächen nicht durch die strengen Standards der Zertifizierung kontrolliert wird, besteht hier letztendlich doch ein Anreiz zur Urwaldrodung.

Nur dann, wenn es eine weltweite Ächtung der Urwaldrodung beschlossen wäre, hätte eine Zertifizierung nach weiteren ökologischen Kriterien - z.B. dem Ökolandbau - einen Sinn.

Nationale Vollversorgung nur mit ALLEN Erneuerbaren möglich

Bioenergien werden in einem künftigen Mix aus Erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle spielen. Aber auch die Ausbaupotentiale der anderen Erneuerbaren Energien Wind, Sonne, Geothermie und Wasserkraft sollten nicht - wie bisher - unterschätzt werden. Bereits bei der BMU-Studie: „Vergütungszahlungen und Differenzkosten durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz" vom Dezember 2005 hat der SFV die unnötige Zurückhaltung bei den Prognosen für Solaranlagen und Onshore-Windanlagen beanstandet. Für Solarenergie galt in der BMU-Studie, dass bis zum Jahr 2020 in jedem Jahr immer dieselbe Menge - nämlich maximal 600 MW - Solaranlagen zugebaut werden könnten. Der SFV machte in einer Stellungnahme vom März 2006 darauf aufmerksam, dass das prognostizierte Nullwachstum im BMU-Gutachten dazu führen kann, den dringend notwendigen Ausbau der Photovoltaik mit allen Vorteilen für Klimaschutz, für neue Arbeitsplätze, die Verringerung der Importabhängigkeit, der Entwicklung einer Exportbranche, der Verringerung der Umweltbelastung stagnieren zu lassen. (http://www.sfv.de/lokal/mails/wvf/zuwachsz.htm ).

Aber auch für den Ausbau der Windenergie wurden im BMU-Gutachten Einschränkungen formuliert: Bis 2014 sollte der Zubau von Windanlagen im Binnenland immer mehr zurückgehen. Offensichtlich ging man davon aus, dass bereits ein Großteil der Windstandorte belegt seien und zunehmend eher Offshore-Anlagen installiert werden sollten. Man übersieht, dass es auch im Binnenland ein vielversprechendes Windenergie-Potential gibt.

Um den Ausbau der Erneuerbaren Energien schnellstmöglich voranzubringen, brauchen wir jedoch erheblich mehr Solar- und Windanlagen.



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