Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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20.06.2007, Susanne Jung:

Ökologischer Freibrief
für Erneuerbare Energien?

Dringend notwendige Umstrukturierung der Energiewirtschaft als Chance für mehr Ökologie begreifen

Wer den Klimawandel als Bedrohung erkannt und damit die Deckung des weltweit steigenden Energiebedarfs durch fossile Energien als fahrlässig entlarvt, wird ohne Zweifel einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien zustimmen. Nur so haben wir eine Chance, den weltweiten Ausstoß an Klimagasen zügig zu reduzieren und der Katastrophe noch zu entrinnen.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie viel Natur- und Landschaftsschutz wir uns bei dieser dringend notwendigen Umstrukturierung unserer Energieversorgung noch leisten können. Sollten wir ein Auge zudrücken, wenn durch Solarstrom-Freiflächenanlagen Naturraum beeinträchtigt wird, ertragssichere Gentechnik-Rapspflanzen unter Risiko angebaut werden, Dünger- und Pestizidgaben Mehrerträge ermöglichen aber das Grundwasser beeinträchtigen, der Ausbau der Wasserkraft die Ökologie von Fließgewässern verändert oder die Errichtung von Windparks in Landschaftsschutzgebieten diskutiert wird?

Weder pauschale Absagen noch eine „Augen-zu-und-durch“-Mentalität führt zu nachhaltigen Lösungen. Jede Problematik erfordert eine eigenständige Betrachtung. Dabei sind Lösungsansätze gefragt, die den Ausbau Erneuerbarer Energien und trotzdem ökologisch nachhaltige Strukturen auf den Weg bringen.
Um die Vielschichtigkeit der dabei auftretenden Probleme zu verdeutlichen, hier einige Beispiele.

Solarstrom-Freiflächen-Anlage?

Weit über 100 Freiflächenanlagen existieren derzeit in Deutschland, und der Investitionswille reißt weiterhin nicht ab. Noch immer locken Renditeversprechungen zahlreiche Investoren. Trotz einer jährlicher Reduzierung der EEG-Einspeisevergütung von 6,5 % kann man anscheinend mit Solarstrom-Freiflächenanlagen noch genügend Geld verdienen. Jüngstes Beispiel: Im Jahr 2008 soll bei Leipzig eine 40 Megawatt-Solarstromanlage auf 220 Hektar (ca. 200 Fußballfelder!) eines stillgelegten Militärflughafens entstehen.

Ganz klar - jede erzeugte Kilowattstunde Solarstrom verdrängt fossile und atomare Stromerzeugungstechniken. Trotzdem bleibt zu beklagen, dass unnötigerweise Flächen industrialisiert, technisiert oder sogar versiegelt werden. Unnötigerweise, denn es gibt einfache Alternativen: Dach- und Fassadenflächen auf Privathäusern, Industriegebäuden, öffentlichen Einrichtungen, Einkaufszentren, Stadien und Lärmschutzwänden liefern hinreichend Platz, Solarstrom zu erzeugen - und dies, ohne in Konkurrenz zum Naturschutz zu treten.

Leider werden Investoren noch immer Steine in den Weg geworfen, wenn es um größere Solarinstallationen auf fremden Dächern, auf städtischen Gebäuden und Industriehallen im Außenbereich geht. Probleme beim Netzanschluss, bei der Vereinbarung einer 20-jährigen Mietsicherheit und bei der Stromeinspeisung in ausgedehnte Hausnetze schrecken ab und führen letztendlich dazu, dass Dächer frei bleiben und Freiflächen belegt werden. Hier sind vor allem kommunale Entscheidungsträger in der Verantwortung, Investoren zu begleiten, damit große Dachflächen mit Solartechnik belegt werden.

Genmanipulierte Pflanzen?

Ginge es nach dem Willen der Gentechnik-Industrie, wäre genmanipulierter Pflanzenbau längst die Regel. Gen-Pflanzen hätten damit die Chance, sich unkontrolliert in der Natur auszubreiten. Für dieses Jahr wurden bereits über 3500 Hektar Genmais beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) angemeldet. Die meisten Flächen befinden sich in den neuen Bundesländern. Dabei häufen sich die Beispiele dafür, dass diese Risikotechnologie Gefahren für unsere Gesundheit und Umwelt mit sich bringt: Fremde Gene können neue Giftstoffe hervorbringen und Allergien verursachen. Der Anbau von Gen-Pflanzen gefährdet die biologische Vielfalt und führt zu einem vermehrten Pestizideinsatz. Die leuchtende Seite der Medaille sind höhere Erträge und Schädlingsresistenzen. Diesen Verlockungen widersteht sicher auch der Energiepflanzenbau nicht. Es sollte uns deshalb ein besonderes Anliegen sein, auf die Gentechnik-Risiken aufmerksam zu machen und alternative Anbauverfahren im Energiepflanzenbau zu bevorzugen.

Pestizide und Düngemittel?

Die Chemieindustrie verdient jährlich Milliarden an dem Verkauf von Düngemitteln und Pestiziden. Konventionelle Landwirte nutzen Chemie-Cocktails unterschiedlichster Zusammensetzung, um ihre Erträge zu steigern. Grundwasser-Beeinträchtigungen und Gesundheitsrisiken für Mensch, Tier und Pflanzen werden dabei in Kauf genommen. Biologische Pflanzenschutzmaßnahmen dümpeln auf niedrigem Niveau. Weniger als 1/20 der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird von Ökolandwirten bewirtschaftet. Sicher ist der Anteil in den letzten Jahren auf Grund immer neuer Schreckensmeldungen der Warentester gestiegen, der große Durchbruch ist bis heute jedoch ausgeblieben.

Hervorragende Beispiele ökologischer Energiepflanzen-Produktion sind z.B. die Zwischenfruchtsaat von Leindotter zur Pflanzenölproduktion. Dabei wird in den Zwischenreihen der Getreide- oder Leguminosen-Kulturen Leindotter eingesät, der die Hauptfrucht nicht nur ertragssteigernd begleitet, sondern mit Hektarerträgen von ca. 150 Liter Pflanzenöl einen nicht unwesentlichen Bioenergie-Beitrag liefern kann. (Nähere Informationen hierzu unter Interessengemeinschaft Mischfruchtanbau, Frau Margret Stephan, Erlenstr. 29b, 85416 Langenbach oder im Internet unter www.mischfruchtanbau.de) Aber auch Hauptfrüchte wie Mais, Zuckerrüben und Sonnenblumen können ökologisch nachhaltig angebaut werden.

Bei der Abschätzung unseres Bioenergie-Potentials sollten deshalb ökologisch vertretbare und nachhaltige Erzeugerstrukturen betrachtet werden. Der umweltschädlichen Produktion sollte langfristig eine Absage erteilt werden. Darüber hinaus hätte die Erhöhung der Energiesteuer (Ökologische Steuer- und Finanzreform ) auch in diesem Bereich ökologische Vorteile. Die Verteuerung von energieintensiv hergestellten Produkten wie Düngemitteln und Pestiziden wird zu einer Reduzierung des Einsatzes führen.

Noch mehr Windkraftanlagen?

Windkraftanlagen haben den unschätzbaren Vorteil, bei geringstem Flächenverbrauch viel Strom zu erzeugen. Trotzdem stehen viele Bürger der Windkrafttechnik noch immer mit großer Skepsis gegenüber. Eine Technik, die jedoch keine breite Akzeptanz findet, kann sich nur schwer durchsetzen. Noch immer gibt es viele Regionen, wo keine Windkraftanlagen installiert werden. Um den Ausbau der Windenergie so weit wie möglich mit den Ansprüchen der Menschen an ein ungestörtes Lebensumfeld in Einklang zu bringen, müssen z.B. sinnvolle Regelungen zum Lärmschutz und zur Vermeidung von Schattenwürfen eingehalten werden. Dabei ist es erforderlich, die Bevölkerung bereits im Vorfeld über die Planungen zu informieren und Vorurteile abzubauen.

Wenn zukünftig auch auf Binnenstandorten der Weg zur Windkrafterzeugung freigemacht werden würde und ein Repowering bestehender Anlagen vorangetrieben würde, könnte die Errichtung von Windkraftanlagen in Wald- und Erholungsgebieten umgangen werden. Auf Freiflächen haben übrigens Windkraftanlagen gegenüber Freiflächen-Solaranlagen einen entscheidenen Vorteil: Sie belegen bei größerer Leistung die geringsten Flächen und behindern weder den Anbau von Nahrungs- oder Energiepflanzen noch die Renaturierung der Flächen.

Umstrukturierung der Energieversorgung als Chance für mehr Ökologie begreifen

Auch wenn die Zeit drängt: Eine Energieversorgung auf Basis 100 Prozent Erneuerbarer Energien kann ökologisch nachhaltig gestaltet werden. Wir haben die Chance, Umweltzerstörung zu vermeiden und ökologisch nachhaltige Strukturen aufzubauen. Der Akzeptanz der Bevölkerung für diesen Umstrukturierungsprozess könnten wir uns dann mehr denn je sicher sein.



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