Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

[ Artikel diskutieren und weiterverbreiten? Infos zum Copyright ]
[ Druckversion dieses Artikels ]

Datum: 12.12.05 überarbeitet 11.01.06

12 Argumente für die Windkraft im Binnenland

Mit Fakten gegen Vorurteile

von Eberhard Waffenschmidt

Die Entwicklung der Windkraft in den letzten Jahren ist ein beispielhafter Erfolg für den Ausbau erneuerbarer Energien. Innerhalb weniger Jahre hat der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung den der Wasserkraft überholt. Das Stromeinspeisungsgesetz von 1991 mit seinem Nachfolger, dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, hat bewirkt, dass die Windkraft einen soliden Grundbestandteil aus erneuerbaren Energien unserer elektrischen Energieversorgung darstellt. Inzwischen werden über 6% des deutschen Stromes aus Windkraft hergestellt.

Während jedoch noch vor wenigen Jahren die Windkraft euphorisch als sauber und effizient gepriesen wurde, scheint sich in der Wahrnehmung der Bevölkerung das Blatt zu wenden. Kritiklos werden verdrehte Tatsachen, absurde Behauptungen oder gar regelrechte Lügen verbreitet. Die Aachener Zeitung konnte sogar kürzlich in einer Liste von Themen für die geplante Große Koalition die Frage aufnehmen: "Werden die Windkrafträder jetzt alle wieder abgebaut?" Die Antwort lautete zum Glück "nein", denn alle Parteien hätten ihren Nutzen eingesehen, aber vor ein oder zwei Jahren wäre sicherlich allein eine solche Frage schon absurd gewesen. Sie zeigt, wie weit es gekommen ist.

Tatsächlich kommen Windenergiegegnern häufig mit Halb- und Unwahrheiten, was vor allem bei technischen Dingen, bei denen ein normalgebildeter Bürger sachlich nicht mithalten kann, leicht fällt. Aber das muss ja nicht so bleiben.

 

1. Behauptung:
"Windenergie und überhaupt erneuerbare Energien werden zu hoch subventioniert und kosten uns zuviel!"

Richtig ist stattdessen: Windkraft wird nur aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes durch festgelegte Preise für Windstrom unterstützt, und Strom aus erneuerbarer Energie kostet einen durchschnittlichen 3-Personenhaushalt gerade mal 1,50 Euro zusätzlich pro Monat.

Windräder werden nicht von den Steuerzahlern, sondern von den Eigentümern bezahlt. Der Betrieb rentiert sich, weil die Energieversorger für den Windstrom etwa 0,6 Cent mehr bezahlen müssen, als Strom durchschnittlich kostet. Diese sogenannte "kostendeckende Vergütung" wird nicht aus der Staatskasse finanziert, sondern auf die Verbraucher von Strom umgelegt. Der Betrieb rentiert sich, weil die Energieversorger für den Windstrom etwas mehr bezahlen müssen, als Strom durchschnittlich kostet. Diese sogenannte "kostendeckende Vergütung" wird nicht aus der Staatskasse finanziert, sondern auf die Verbraucher von Strom mit etwa 0.6 Cent pro kWh umgelegt. So zahlen nur die viel, die auch viel Strom verbrauchen.

Neben dieser Vergütung für gelieferten Windstrom gibt es nach Wissen des Autors keine Subventionen im eigentlichen Sinne. In der umfangreichen Broschüre "Geld vom Staat - für Energiesparen und erneuerbare Energien", herausgegeben vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, in der über 100 Förderprogramme aufgelistet sind, finden sich außer einem kleinen Förderprogramm der Stadt Bremen und einem Teilprogramm im Saarland, keine Hinweise auf Förderungen vom Staat für den Bau von Windanlagen.

Es gibt Mittel für die Erforschung der Windenergie, sie sind jedoch nicht höher als für andere Zukunftstechnologien und werden praktisch nur an Universitäten und Forschungseinrichtungen vergeben. Windkraftunternehmen und Betreiber bekommen davon nichts. Andere Erneuerbare Energien wie Biomasse, Geothermie und zum Teil auch Solarenergie (zum Heizen und zur Warmwasserbereitstellung) werden subventioniert. Das wird immer wieder schon mal in Zeitungsartikeln und Diskussionen fälschlich mit der Windenergie in einen Topf geworfen.

Aber wie sieht das mit Steuervorteilen für Investoren von Windrädern aus?

Nach Auskunft der Bundesregierung in der schon genannten "Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage Mehrfachförderung von Windkraftanlagen", Drucksache 15/4547, gilt: "Mit Ausnahme der Stromsteuerbefreiung (Anmerkung des Autors: Des Stroms zum Eigenverbrauch!) erhalten Betreiber von Windenergieanlagen keine speziellen Steuervergünstigungen, die von anderen gewerblichen Bereichen nicht auch in Anspruch genommen werden können".

In dem Zusammenhang ist es durchaus erwähnenswert, dass die Bundesregierung 4,7 Milliarden Euro Steuergelder pro Jahr für Braun- und Steinkohlesubventionen ausgibt, wie Greenpeace auf ihrer Website mitteilt Demnach arbeiten derzeit im Kohlebergbau und in den Kraftwerken insgesamt noch 93.000 Menschen. Gleichzeitig stellen die erneuerbaren Energien (wobei die Windkraft einen erheblichen Anteil hat) schon heute 130.000 Arbeitsplätze. Macht es wirklich Sinn, Mittel in dieser Größenordnung zu verwenden, um den Klimawandel zu sponsern?

Übrigens, wie Herr Dr. Knüfer aus Jülich in einem Leserbrief in der Aachener Zeitung am 15.10.05 bemerkt: "Die maßlosen Jahresbezüge für 2004 allein des RWE-Vorstandsvorsitzenden von rund 31.000 Euro pro Tag (!) müssen ebenfalls vom Stromkunden bezahlt werden."

 

2. Behauptung:
"Windräder im Binnenland erzeugen lange nicht so viel Energie wie an der Küste. Wir können daher darauf verzichten."

Richtig ist stattdessen: Die Hälfte der Windenergie wird in Binnenländern erzeugt. In NRW wird mehr Windstrom als in Mecklenburg-Vorpommern erzeugt, worauf wir nicht verzichten wollen.

Diese Antwort und die folgende stützen sich auf die Zahlen, die das Deutsche Windenergie-Institut (DEWI) in Wilhelmshaven veröffentlicht. Unter www.dewi.de finden sich Pressemitteilungen dazu. Aus den dort veröffentlichten Zahlen zur Windenergieerzeugung sind die Graphiken in Bild 1 und Bild 2 erstellt worden.

Bild 1 :
Erzeugte Energie aus Windkraft im Jahr 2004, nach Bundesländern geordnet.
Das Binnenland NRW (weiß) kann bei der Windenergieerzeugung gut mit den Künstenländern (hellgrau) mithalten.

 

Das Bild 1 zeigt deutlich, dass 2004 im Binnenland Nordrhein-Westfalen (NRW) mehr Windstrom als im Küstenland Mecklenburg-Vorpommern und fast soviel wie in Schleswig-Holstein erzeugt wurde. Insgesamt wurde in den Binnenländern die Hälfte der gesamten Windenergie erzeugt. Es wäre demnach ein herber Verlust, würde man die Windräder im Binnenland abbauen.

Ein weiterer Grund für Windräder im Binnenland ist eine damit zu erzielende gleichmäßige Grundenergieerzeugung. Stünden alle Windräder nur in einer Region, wäre die Windenergieerzeugung durch die starken Schwankungen der dortigen lokalen Wetterverhältnisse bestimmt. Wichtig für eine gute Grundversorgung ist daher nicht nur, dass Windräder da stehen, wo viel Wind weht. Fast noch wichtiger ist - und das wird in der Diskussion fast nie berücksichtigt - dass die Windräder gut verteilt stehen, sodass immer ein Teil in Betrieb ist, wenn anderswo gerade Flaute ist. Auch daher brauchen wir die Windräder im Binnenland dringend.

 

3. Behauptung:
"Aber man braucht im Binnenland wesentlich mehr Windräder für dieselbe Windenergie."

Richtig ist stattdessen: Windräder in Binnenland bringen mehr als 90% der Leistung von Windrädern an der Küste. Es werden darum kaum mehr Windräder für die selbe Leistung gebraucht.

Auch hier helfen die Zahlen vom DEWI weiter. Das Bild 2 zeigt den Ausnutzungsgrad von Windrädern in verschiedenen Bundesländern.


Bild 2 :
Ausnutzungsgrad von Windkraftanlagen im Jahr 2004, nach Bundesländern geordnet.
Der Ausnutzungsgrad beschreibt, wie groß die tatsächliche mittlere Leistung einer Windkraftanlage in Bezug auf ihre installierte Leistung ist. Anlagen im Binnenland NRW (weiß) sind genau so gut ausgenutzt wie die in Küstenländern (Hellgrau).

 

Der Ausnutzungsgrad beschreibt, wie groß die tatsächliche mittlere (Jahres) Leistung einer Windkraftanlage in Bezug auf ihre installierte Leistung ist. Im Mittel beträgt der Ausnutzungsgrad für alle Binnenländer 20,9 % und für alle Küstenländer 23,0 %, d. h. ein Windrad im Binnenland bringt im Durchschnitt 91 % der Energie wie eines in einem Küstenland. Wie kommt das, wo doch jeder weiß, dass an der Küste der Wind stärker weht? Der Grund ist, dass seit geraumer Zeit Windanlagen im Binnenland speziell für die dort vorherrschenden schwächeren Windverhältnisse entworfen werden. Vereinfacht gesagt, haben sie größere Rotorblätter. Solche Windräder würden an der Küste bei stärkerem Wind dauernd abschalten und hätten dort einen schlechten Ausnutzungsgrad. Weiterhin hat natürlich jeder Windradeigentümer ein ureigenstes Interesse, ein Windrad nur dort aufzubauen, wo auch genügend Wind weht. Seine Anlage finanziert sich ja ausschließlich über den erzeugten Windstrom.

 

4. Behauptung:
"Windenergie ist unzuverlässig, denn der Wind weht ja nicht immer."

Richtig ist stattdessen: etwa 40% der im Mittel erzeugten Leistung aus Windgeneratoren, zählt als "statistisch garantierte Leistung", bei einem Niveau der Versorgungssicherheit von 99 %.

In einer Studie der Deutschen Energieagentur (DENA) von Anfang 2004 zur Zukunft der Windenergie in Deutschland wurde unter anderem untersucht, wie zuverlässig Windenergie vorhanden ist und sein wird. Mitglieder der Projektsteuerungsgruppe dieser Studie waren Netzbetreiber wie RWE, E.ON oder Vattenvall Europe, Verbände der Energiewirtschaft und Windkraftbetreiber. Details zu dieser "DENA-Netzstudie" sind im Internet unter www.deutsche-energie-agentur.de zu finden.

Wie die Tabelle in Bild 3 zeigt, kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2003 je nach Jahreszeit 889 MW bis 1245 MW als "statistisch garantierte Leistung" (etwa 40% der durchschnittlich erzeugten Leistung) aus Windgeneratoren zur Verfügung stand. Es könnten dafür sogar entsprechend konventionelle Kraftwerke abgerissen werden.

Bild 3 :
Tabelle gesicherte Leistung aus der DENA Studie

 

Der Grund dafür ist, dass irgendwo immer der Wind weht. Wichtig für eine gute Grundversorgung ist daher nicht nur, dass Windräder da stehen, wo viel Wind weht. Fast noch wichtiger ist - und das wird in der Diskussion fast nie berücksichtigt - dass die Windräder gut verteilt stehen, sodass immer ein Teil in Betrieb ist, wenn anderswo gerade Flaute ist. Daher brauchen wir die Windräder im Binnenland dringend.

Zusätzlich zu der sicheren Grundlast korreliert ein nicht unerheblicher Teil der erzeugten Windstromerzeugung mit der Last. So weht im Winterhalbjahr, wenn mehr Strom gebraucht wird, der Wind stärker. Oft ist der Wind tagsüber und besonders Mittags wegen der erhöhten Thermik durch Sonneneinstrahlung passend zum Stromverbrauch am stärksten.

 

5. Behauptung
"Es müssen immer konventionelle Kraftwerke mitlaufen, damit bei Flauten Strom da ist. Darum sparen Windräder keinen Krümel Kohle ein."

 

Richtig ist stattdessen: Die vielen Windparks in Deutschland reagieren in der Summe so langsam, dass man im Bedarfsfall bequem Reservekraftwerke hochfahren kann. Darum brauchen sie nicht dauernd mit zu laufen.

Die Behauptung enthält gleich vier Fehler.

Erstens treten keine "plötzlichen" Leistungsausfälle durch Windmangel auf. Das mag noch für ein einzelnes Windrad gelten, das Reaktionszeiten auf Windänderungen von einigen Sekunden aufweist. Aber schon für einen kleinen Windpark - wie z. B. in Aachen Vetschau, siehe Bild 4 - gleichen sich die Leistungsschwankungen der einzelnen Windräder teilweise aus. Die Reaktionszeit verlängert sich dadurch schon auf ein bis zwei Minuten. Noch wesentlich freundlicher sieht das für eine ganze vernetzte Region wie z.B. das Rheinland aus. Hier ist mit Reaktionszeiten im Ein-Stundenbereich zu rechnen. Für ganz Deutschland gleichen sich die Anteile der Regionen sogar so stark aus, dass 40% der im Mittel erzeugten Windleistung immer vorhanden sind. Es bleibt also reichlich Zeit, auch träge Kraftwerke zu- und abzuschalten, um die Stromversorgung stabil zu halten.

Bild 4 :
Windpark in Aachen Vetschau

 

Zweitens lassen sich die mittleren Windgeschwindigkeiten in größeren Regionen gut vorhersagen, so dass man das Zu- oder Wegschalten von Kraftwerken sogar im Voraus planen kann.

Drittens ist es falsch, dass die mit verminderter Leistung mitlaufenden Kraftwerke für den Ausfall von Windanlagen bereitgehalten werden. Ihr Hauptzweck ist es, einzuspringen, wenn sich mal wieder ein Kernkraftwerk wegen eines Störfalls von einer Sekunde zur nächsten vom Netz verabschiedet. Viertens ist es eine Fehlinformation, dass die "gedrosselt mitlaufenden" Kraftwerke genau so viel Brennstoff benötigen wie bei Volllast. Eine Halbierung der Kraftwerksleistung bedeutet nahezu auch eine Halbierung des Brennstoffverbrauchs, denn der Wirkungsgrad der Kraftwerke verringert sich im "gedrosselten" Betrieb lediglich um etwa 1%-Punkt. Im übrigen können konventionelle Kraftwerke aus dem Teillastbetrieb innerhalb von Sekunden von halber Kraft auf "Vollgas hochgefahren" werden, wenn es nötig sein sollte. Siehe auch http://www.sfv.de/lokal/mails/wvf/windunoe.htm.

 

6. Behauptung:
"Windenergie ist eh nur ein 'Tropfen auf den heißen Stein'"

Richtig ist stattdessen: Es wird soviel Windstrom erzeugt, wie mehrere Bundesländer, z. B. Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, zusammen an Strom verbrauchen.

Der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung betrug 6,17 % im Jahre 2004, siehe Jahrespressekonferenz 2004 DEWI im Internet. Hier gibt es auch Zahlen für den Stromverbrauch der Länder (Bild 5), leider nur für 2001, aber seitdem hat sich der Stromverbrauch nicht grundlegend erhöht.

Bild 5:
Jahresstromverbrauch in den einzelnen Bundesländern in 2001 und gesamte in Deutschland 2004 erzeugte Windenergie (weiß). Es gibt mehrere Bundesländer, die man jeweils allein mit Windenergie versorgen könnte (hellgrau). Der Stromverbrauch hat sich seit 2001 nicht wesentlich geändert.

 

Wenn die gesamte Stromerzeugung eine Literflasche darstellt, ist der Anteil der Windenergie immerhin ein großes Schnapsglas (ca. 60 ml) voll. Das ist mehr als nur ein Schluck, und auf jeden Fall mehr als ein kleiner Tropfen.

 

7. Behauptung:
"Wir sollten das Geld für die Windräder besser in effizientere Kohlekraftwerke investieren, das bringt eine größere Entlastung der Umwelt."

Richtig ist stattdessen: Soviel Energie, wie in absehbarer Zukunft mit Windenergie erzeugt wird, lässt sich nicht mit Effizienzsteigerungen von konventionellen Kraftwerken einsparen.

Schon jetzt beträgt der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung über 6 %. In Kürze, wenn die sich in der schon konkreten Planung befindlichen Off-Shore-Windparks ans Netz gehen werden, wird der Anteil auf über 10% steigen. Durch weiteren Ausbau und den Ersatz von Altanlagen durch größere Neuanlagen (Repowering) kann und wird der Anteil auch in Zukunft noch weiter steigen. Der Anteil fossiler Energieerzeugung an der Gesamtstromerzeugung liegt dann bei etwa 75%. 10% Windenergie gegenüber 75% Fossilenergie sind etwa 14 %. Die Windenergie spart also ca. 14 % der fossilen Brennstoffe in der Stromerzeugung ein. Angenommen, wir wollten diese 14 % Brennstoffreduktion durch eine Wirkungsgrad-Verbesserung erzielen. Bei einem jetzigen typischen Wirkungsgrad von 40 % von fossilen Kraftwerken müsste der Wirkungsgrad um etwa 7 %-Punkte auf 47% gesteigert werden, und zwar für alle Kraftwerke. Wenn man bedenkt, dass Wirkungsgradsteigerungen von 5 % heutzutage schon als technische Wunderleistung gehandelt werden, ist eine Steigerung, wie sie notwendig wäre, insbesondere für den gesamten Kraftwerkspark, technisch illusorisch und finanziell mit Sicherheit teurer als Windenergie.

Außerdem verbauen uns große Investitionen in fossile Kraftwerke den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft und betonieren für weitere 30 Jahre den Verbrauch an fossilen Energieträgern.

 

8. Behauptung:
"Die Stromnetze sind jetzt schon durch Windenergie überlastet und ihr Ausbau ist unbezahlbar."

Richtig ist stattdessen: Der Ausbau der Netze wird mit höchstens 0, 05 Cent je kWh zu Buche schlagen.

Muss Windenergie tatsächlich einmal über eine Region hinaus transportiert werden, so existiert ein gut ausgebautes "Rückgrat" an Leitungen von Norden nach Süden quer durch die Republik. Ein Teil davon im Norden wurde unter anderem angelegt, um das Kernkraftwerk Stade bei Hamburg anzuschließen und um die Stadt Hamburg bei einem plötzlichen Ausfall des Kraftwerkes weiterhin versorgen zu können. Davon können jetzt Windparks in Ost- und Nordfriesland profitieren.

Trotzdem ist ein Ausbau des Leitungsnetzes notwendig, um den weitern Ausbau der Windenergie insbesondere durch Off-Shore Windparks nicht zu blockieren. In der Studie der Deutschen Energieagentur (DENA) von Anfang 2004 zur Zukunft der Windenergie in Deutschland wurde dies ausführlich untersucht. Sie kommt zu dem Schluss: "Durch die notwendigen Netzneubaumaßnahmen bis zum Jahr 2015 wird das bereits bestehende Höchstspannungsübertragungsnetz um insgesamt 850 km erweitert. Das entspricht einem Anteil von 5% bezogen auf die bereits vorhandenen Höchstspannungstrassen." Dabei müssen insbesondere Lücken in der Verbindung zwischen West- und Ostdeutschland geschlossen und die schwach erschlossene Region Ostfriesland besser angebunden werden.

Dieser Ausbau soll im Wesentlichen durch die Netzbetreiber finanziert werden, die die Kosten an ihre Kunden weitergeben. Insgesamt ergeben sich jedoch für einen normalen Endkunden vernachlässigbare Aufschläge auf den Strompreis. Laut DENA-Studie "steigen gegenüber dem Jahr 2003 die Netznutzungsentgelte nur durch die Netzausbaukosten bis zum Jahr 2007 um 0,05 Cent je kWh, bis zum Jahr 2010 um 0,015 Cent je kWh und bis zum Jahr 2015 um 0,025 Cent je kWh."

Dass die Netze im Hinblick auf die stärkere Nutzung Erneuerbarer Energien ausgebaut werden müssen, hat auch die neue Bundesregierung erkannt und im Koalitionsvertrag (www.erneuerbare-energien.de/inhalt/36266/4590/) beschlossen, für die Erneuerbaren Energien "die Rahmenbedingungen (zum Beispiel Ausbau der Stromnetze) [zu] verbessern".

Im Übrigen stellt die DENA-Studie fest: "Der größere Verdichtungsgrad des Höchstspannungsübertragungsnetzes könnte in Zukunft auch für zusätzliche Aktivitäten im Stromhandel genutzt werden." Damit profitieren nicht nur Windenergieerzeuger von einem ausgebauten Netz, sondern auch große Stromkonzerne, die dadurch beispielsweise besser billige Wasserkraft aus Skandinavien in Deutschland verteilen können.

 

9. Behauptung:
"Die vielen Windräder tragen mit ihren Fundamenten erheblich zur Bodenversiegelung bei."

Richtig ist stattdessen: Großkraftwerke benötigen ein Mehrfaches an Grundfläche im Vergleich zu Windrädern mit der gleichen Leistung.

Es gab Ende 2004 16543 Windräder in Deutschland. Bei einer Grundfläche von schätzungsweise 5 m x 5 m ergibt das einen Verbrauch an Grundfläche von 41,4 ha. Das entspricht einem Feld mit einer Kantenlänge von etwa 650 m x 650 m. Allein das Braunkohle-Großkraftwerk in Eschweiler-Weisweiler ist mit einer Grundfläche von geschätzten 0,5 km x 1 km etwa so groß. Dabei sind die grob geschätzten insgesamt über 100 km² (=10.000 ha) für die Braunkohletagebaue noch gar nicht mitgerechnet.

 

10. Behauptung:
"Windräder sind lebensgefährlich. Wegen der vielen Unfälle gehören sie abgeschafft."

Richtig ist stattdessen: Außer geringfügigen Sachschäden haben bisher keine Unbeteiligten unmittelbar durch Windräder körperlichen Schaden erlitten.

Es passieren tatsächlich immer wieder mal Unfälle an Windrädern. Blitzschläge, Brände durch heißgelaufene Lager oder Generatoren, abgerissene Rotorblätter und vor allem Eisschlag sorgen für spektakuläre Zeitungsberichte. Es gibt auch vereinzelt Unfälle mit Personenschäden, sogar mit tödlichem Ausgang, jedoch waren davon immer nur direkt Beteiligte der Windkraftfirmen betroffen, z. B. bei Reparaturen oder Installationsarbeiten. Unfälle, bei denen unbeteiligte Personen körperlich geschädigt wurden, sind auf der genannten Webseite nicht zu finden.

Als Schlussfolgerung aus den 57 Ereignissen zwischen 2003 und 2005 mag man durchaus der Forderung nach einer besseren technischen Überprüfung von Windrädern zustimmen, aber damit die Windkraft insgesamt zu verdammen, steht jenseits aller Relation.

Man vergleiche nur die Anzahl und die Wirkung der "Ereignisse" mit denen in konventionellen Kraftwerken oder von Kernkraftwerken, die ja ohne Windräder als Alternative in Frage kämen. Neben der technischen Wirkung - bei einem Störfall in einem Kraftwerk liegen unmittelbar hunderte Megawatt still, beim Ausfall eines Windrades laufen alle anderen weiter - ist die gesundheitliche Auswirkung eines einzigen Störfalls in einem Kernkraftwerk unkalkulierbar für tausende oder möglicherweise millionen betroffene Bürger.

 

11. Behauptung:
"Der von Windkraftanlagen verursachte Infraschall ist gesundheitsschädlich"

Richtig ist stattdessen: Ausführliche Untersuchungen haben keine gesundheitliche Beeinträchtigung durch Infraschall nachweisen können.

Windenergiegegner benutzen gelegentlich das Thema "Infraschall", um bei der Bevölkerung Ängste vor Winden ergieanlagen zu schüren. Der den meisten Menschen nicht geläufige Begriff ist hierzu besonders geeignet, da Unbekanntes sehr leicht Furcht und Misstrauen erregt. Daher zunächst die Erklärung des ungewöhnlichen Begriffes, der ein ganz gewöhnliches Phänomen bezeichnet:
Als Infraschall bezeichnet man Luftschallwellen unterhalb des menschlichen Hörbereiches. Der menschliche Hörbereich liegt zwischen einer Schallfrequenz von 20 (sehr tiefe Töne) und 20000 Hertz (sehr hohe Töne). Infraschall wird durch eine große Anzahl natürlicher wie auch künstlicher Geräuschquellen erzeugt. Eine allgegenwärtige natürliche Infraschallquelle ist z. B. der Wind. Vereinfacht kann man sagen, dass nahezu jede Geräuschquelle auch Infraschall erzeugt. Einige Tierarten kommunizieren sogar mit Hilfe der für Menschen unhörbaren und energiearmen Infraschallwellen. Menschen können Infraschall nicht mit den Ohren wahrnehmen. Sehr starker Infraschall kann aber körperlich, z. B. mit dem Brustkorb gespürt werden. Infraschallwellen zeigen keine Wechselwirkung mit lebendem Gewebe und können damit auch keine physiologische Wirkung auf Organismen ausüben, genauso wenig, wie das normale Schallwellen können.

Eine psychologische Wirkung kann natürlich nur auftreten, wenn der Infraschall wahrgenommen wird. Es besteht also kein Grund, sich vor unhörbarem Infraschall zu fürchten. Der von Windanlagen erzeugte Infraschall bleibt aber selbst in nächster Nähe unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und nimmt außerdem stark mit der Entfernung weiter ab.

Die ständige Präsenz von Infraschallwellen im menschlichen Lebensbereich führte schon früh zu einer Untersuchung durch das Bundesgesundheitsamt. Auch beschäftigte sich die Berufsgenossenschaft für Feinmechanik und Elektronik mit den Auswirkungen von Infraschall auf den Menschen. Fazit: "Von einer unterschwelligen, gesundheitsschädlichen Gefährdung durch Infraschall ist nicht auszugehen." (Quelle: Bundesgesundheitsamt 1982, Zeitschrift für Lärmbekämpfung 1999). Speziell auf Infraschall von Windanlagen geht die Veröffentlichung "Sachinformationen zu Geräuschemissionen und -imissionen" ein (zu finden u. a. auf der Website der Windkraftanlage Ewiger Fuhrmann, von der auch Teile dieses Kapitels übernommen sind). Sie enthält eine weitere umfangreiche Untersuchung des Landesumweltamtes des Landes NRW zum Thema Schall und Infraschall von Windenergieanlagen. Auch diese Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass von dem Infraschall einer Windenergieanlage keinerlei Gefahr oder Beeinträchtigung ausgeht.

 

12. Behauptung:
"Windräder verspargeln die Landschaft. Wie sieht das denn aus? Ich möchte so ein Ding nicht vor der Türe stehen haben."

Deutschland ist seit Jahrhunderten eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft und das Landschaftsbild ist Gewöhnungssache.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich trefflich streiten. Aber man sollte doch die folgenden Dinge bedenken:

Zuerst: Keiner bekommt "So ein Ding vor die Türe" gesetzt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Erlasse der Landesregierungen schreiben einen Mindestabstand von mindesten einem halben Kilometer zu Siedlungen vor, um Licht- und Lärmbelästigungen zu vermeiden. Notfalls muss ein Windrad sogar zu bestimmten Zeiten stillgelegt werden, um den "Discoeffekt" durch Schattenwurf zu vermeiden. Es gibt beispielsweise im Windpark Aachen-Vetschau ein Windrad, das an einigen Wintertagen in den frühen Abendstunden, wenn die Sonne tief steht, abgeschaltet wird, damit die Anwohner nicht von dem oszillierenden Schattenwurf genervt werden.

Des Weiteren: Deutschland ist eine Kulturlandschaft. Seit Jahrhunderten wächst hier kein Hälmchen, ohne dass Menschen es zulassen. Wälder wurden gerodet, Städte erbaut, Straßen und Autobahnen asphaltiert, Fabriken errichtet, Halden aufgeschüttet und Hochspannungsleitungen gezogen. Ich zum Beispiel finde im Vergleich dazu die schlanken, eleganten, sich majestätisch drehenden Windräder regelrecht ästhetisch. In den benachbarten Niederlanden standen bis vor wenigen Jahrzehnten in einer ähnlichen Dichte Wind-"Mühlen", eigentlich Windpumpen, zum Entwässern des unter dem Meeresspiegel liegenden Landes. Heute jubeln die Touristen über jede einzelne Windmühle. Es ist vermutlich vor allem eine Gewöhnungssache, ob uns Windräder schön vorkommen. In ein paar Jahren werden Windräder genauso selbstverständlich zur Landschaft "gehören" wie heute Überlandleitungen, Fabrikschornsteine, Autobahnbrücken oder Bauernhöfe. Wann mögen wohl bei uns die ersten Windräder unter Denkmalschutz gestellt werden? Vielleicht können wir dann auch den ersten Offshore-Windpark als "Kulturdenkmal der Menschheit" von der UNESCO schützen lassen, ähnlich wie das alte Stahlwerk "Dillinger-Hütte" im Saarland.

Und zu guter Letzt: Wie sieht denn die Alternative aus? Ist ein Großkraftwerk, das dem benachbarten Ort mit seinen Kühldampfwolken den größten Teil des Jahres die Sonne vorenthält, angenehmer? Sind an die 100km² durch Braunkohletagebau weggebaggerte Landschaft schöner? Die Hochspannungsleitungen? Die Fördertürme der Zechen? Was ist mit den verstrahlten Menschen im Uranbergbau? Wetterkapriolen, Versteppung und Meeresspiegelerhöhung durch den Klimawandel, der durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe angeheizt wird?

Vielleicht ist das alles weit genug weg und zum Glück nicht vor meiner Haustüre, und der Strom kommt bei mir immer aus der Steckdose.

Aber, ehrlich gesagt, mir ist wohler ums Herz, wenn ich vom Dreiländereck bei Aachen an die hundert Windräder zählen kann, als wenn ich das Braunkohlekraftwerk Weisweiler passiere.

Weitere (und auch ähnliche) Fragen samt Antworten zur Windenergie sind leicht verständlich auf einer Webseite des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) aufgelistet:
Diese Seite ist durchaus empfehlenswert.

 


Dieser Artikel wurde einsortiert unter ....