Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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Umweltschutz contra Fremdenfeindlichkeit

vom 11.08.2000


Sehr geehrte Solarfreunde,

auch dieses Jahr wieder wird die Mitgliederversammlung des SFV von einem interessanten Rahmenprogramm der Bischöflichen Akademie (10.
bis 12. November 2000) begleitet. Diesmal geht es um den Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und erneuerbaren Energien. *)
Besondere Aktualität gewinnt das Thema durch die Tatsache, daß die Öffentlichkeit mit wachsender Besorgnis nach Rezepten gegen fremdenfeindliche Umtriebe sucht und hier möglicherweise ein Beitrag zu erwarten ist.

Fremdenfeindlichkeit wuchert bekanntlich in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit. Die von Entlassung betroffenen oder bedrohten Belegschaften suchen instinktiv einen Verantwortlichen. Da sich "der Verantwortliche" aber ihrer Wahrnehmung entzieht, richtet sich der Haß, die Angst und die Verzweiflung nach uralter Menschheitstradition auf das Fremde, den Fremden.

Die eigentliche Ursache der Bedrohung wird nicht erkannt.
Lassen Sie mich das etwas ausführlicher erläutern:

Unternehmer haben weitgehend die Wahl zwischen den Geschäftsfeldern. Ob ein Unternehmen Elektrogeräte REPARIERT, oder neue Elektrogeräte in Serie HERSTELLT, ist den Kapitalgebern gleichgültig, wichtig ist ihnen lediglich, daß die Rendite hoch ist. Unglücklicherweise wirft die Herstellung neuer Geräte heutzutage einen höheren Gewinn ab als die Reparatur defekter Geräte.
Der Grund: Die Reparatur ist ein arbeitsplatzintensives Geschäftsfeld und Arbeitskräfte sind teuer. Die automatisierte Serienproduktion neuer Geräte dagegen ist energieintensiv, und Energie ist billig.

Die Tatsache, daß Automaten nicht besonders viel Energie verbrauchen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß bereits zur Herstellung der verwendeten Werkstoffe, Stahl, Glas, Aluminium ein hoher Energieaufwand betrieben wurde.
Mit der Energie z.B., die zur Produktion eines Aluminiumbauteiles aufgewandt wurde, könnte man das gleiche Teil fast 5000 mal von Meereshöhe bis auf Zugspitzniveau anheben **)
Wenn ein Unternehmer eine arbeitsplatzintensive Abteilung ersatzlos schließt, z.B. die Reparaturwerkstatt, und stattdessen eine andere Abteilung eröffnet, in der er mit Hilfe von Automaten höhere Gewinne erzielt, so wird dies von der Belegschaft als unabwendbares Schicksal hingenommen. Würden die gleichen Arbeitsplätze durch Ausländer, möglicherweise sogar noch durch dunkelhäutige Ausländer belegt, so wäre der Aufstand vorprogrammiert.

Die Tatsache, daß hier der Produktionsfaktor Energie als "Billigarbeiter" dem teuren Produktionsfaktor Arbeit vorgezogen wird, wird von der Belegschaft überhaupt nicht wahrgenommen. (Wie sollte sie es aber auch, nicht einmal Marx kannte den Produktionsfaktor Energie!)


Es gibt eingehende Untersuchungen darüber, wieviel höher die Gewinne sind, wenn der Unternehmer arbeitsintensive Abteilungen schließt und durch energie-intensive Abteilungen ersetzt ***).
Doch es liegt natürlich weder im Interesse der Kapitaleigner, noch im Interesse der Energiewirtschaft, solche Untersuchungen öffentlich bekanntzumachen. Gewerkschaften dagegen und die betroffenen Arbeiter haben bisher nur wenig Notiz von diesen Zusammenhängen genommen. Der Feind wird von ihnen nicht oder nur undeutlich wahrgenommen.

Warum ist Arbeit so teuer? Es gibt dafür verschiedene Gründe, vermeidbare und unvermeidbare. Unvermeidbar sind soziale Gründe, wie Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebensstandards, Absicherung bei Arbeitsunfähigkeit und dgl.
Vermeidbar ist dagegen der zweite Grund: Traditionell wird vom Staat der Produktionsfaktor Arbeit besteuert. Merkwürdigerweise wurde diese Tradition in unserer Gesellschaft jedoch nie in Frage gestellt.

Und warum ist im Gegensatz zur menschlichen Arbeitskraft die Energie so billig? Auch dies läßt sich historisch erklären. Die Bereitstellung konventioneller Energien wurde vom Staat in jeder Hinsicht gefördert. Der Gedanke spielte damals eine wichtige Rolle, daß nur durch billige Energie die Großindustrie aufblühen könne, und daß die Produkte der Großindustrie einen Staat wehrhaft machen und ihm internationale Anerkennung verschaffen. Erteilung von Abbaurechten für Stein- und Braunkohle gab es damals nahezu ohne Gegenleistung, Befreiung von voller Haftpflicht- versicherungspflicht für Atomkraftwerke setzte bis in jüngerer Vergangenheit diese Tradition fort.

Außerdem werden auf Energie bisher kaum Steuern erhoben.

So wurde durch staatliches Handeln das Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Produktionsfaktoren noch verstärkt.

Konsequenterweise müßte nun der Staat den Faktor Arbeit steuerlich entlasten und stattdessen den Faktor Energie durch Steuern belasten. Dies ist das Konzept der Ökosteuer.

Leider ist aber durch unpräzise und durch bewußt einseitige Darstellung die Ökosteuer in Verruf geraten, bevor sie richtig verstanden wurde. Mit der isolierten Diskussion eines einzigen Teilproblem in der 5-DM-pro-Liter-Diskussion ist es den Gegnern gelungen, die öffentliche Meinung gegen ein gut durchdachtes Konzept zu mobilisieren. Natürlich wäre es schlimm, wenn die Benzinpreise auf 5 DM steigen würden und alles andere so bleiben würde wie es ist. Aber tatsächlich würde eben nichts so bleiben wie es ist, denn es geht um ein gesellschaftliches Gesamtkonzept.
Ein langsamer aber kontinuierlicher Anstieg der Benzinpreise bei gleichzeitigem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und Produktion von benzinsparenden Autos und vielen anderen Maßnahmen (die aus Platzgründen hier nicht weiter dargestellt werden können) wäre keinesfalls ein soziales Unglück und hätte viele positive Auswirkungen...

Wenn die Energiepreise durch die Ökosteuer steigen, können durch diese Mehreinnahmen die Lohnnebenkosten gesenkt werden. Der oben erwähnte Unternehmer wird also dann eher eine Reparaturwerkstatt für defekte Geräte eröffnen, als eine Abteilung zur Produktion neuer Geräte. Damit wird einerseits die Umwelt entlastet (nicht nur der Energieverbrauch, sondern auch die Millionen geringfügig defekter Geräte, die z.Zt. die Müllberge vergrößern) und andererseits wird die Arbeitslosigkeit verringert. Eine der Ursachen für Ausländerfeindlichkeit wird verringert.


Und genau hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen Abbau der Fremdenfeindlichkeit und Umweltschutz.

Ich würde mich freuen, wenn dieses Thema Ihr Interesse findet.

Mit freundlichen Grüßen
Wolf von Fabeck


*) Nachfragen, Anmeldungen und Zimmerbestellungen bitte direkt an die bischöfliche Akademie des Bistums Aachen, Fax 0241- 4799610
**) In einem kg Aluminium stecken ca. 50 kWh.

***) Professor Dr. Reiner Kümmel von der Universität Würzburg hat ein mathematisches Modell entwickelt, welches diese Zusammenhänge mit hoher Treffsicherheit aufzeigt.
Professor Kümmel wird im Rahmen der Tagung am 12.11. ab 9.30 Uhr zum Thema sprechen: "Energie und Kreativität - Arbeitsplatzsicherung durch Energiesteuern?"




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