Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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Datum: 31.03.2006

Stürmisches Klima

So viele heftige Hurrikane wie im Jahr 2005 gab es noch nie: Und die globale Erwärmung hat wahrscheinlich dazu beigetragen. Aber das Klimaproblem ist lösbar.

von Stefan Rahmstorf
mit einem anschließenden Kommentar von Wolf von Fabeck: Das Kassandra-Problem

Ein solches Hurrikan-Jahr hat es seit Menschengedenken nicht gegeben. Reihenweise fielen die Rekorde: Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1851 gab es im Atlantik so viele tropische Wirbelstürme (27), nie wuchsen so viele zur vollen Hurrikanstärke heran (15) und niemals gab es gleich drei Hurrikane der schlimmsten Kategorie 5. Nie zuvor wurde ein derart intensiver Hurrikan gemessen wie Wilma, mit nur 882 mb Zentraldruck am 19. Oktober. Und mit Vince entstand erstmals ein Tropensturm nahe an Europa. Er entwickelte sich bei Madeira am 9. Oktober zum Hurrikan und traf, zum Glück in abgeschwächter Form, in Spanien auf Land.

Bereits im Jahr 2004 waren ungewöhnliche Dinge geschehen. Nicht nur suchten erstmals vier Hurrikane in einem Jahr Florida heim und wurde Japan erstmals von zehn Taifunen getroffen, wie die Hurrikane im Pazifik genannt werden. Für die Klimatologen noch interessanter war im März 2004 die Tatsache, dass erstmals im Südatlantik ein Hurrikan erschien: Catarina. Er entstand in einem Gebiet, dem vom britischen Hadley Centre die Entstehung künftiger Hurrikane durch die globale Erwärmung vorhergesagt worden war [1].

Doch Hurrikane waren nicht die einzigen Extreme des Jahres 2005. Im Juli wüteten ausgedehnte Waldbrände in Portugal und Spanien. Im August führten Rekordniederschläge in den Alpen zu Überschwemmungen - der Schweizer Wetterdienst sprach von einem "Jahrhundertereignis". Im September meldete die NASA, dass die Eisdecke der Arktis so klein war wie nie zuvor seit die Satelliten sie beobachten [2]. Seit 1979 ist die arktische Meereisfläche um 20 % geschrumpft. Neueste Satellitenmessungen belegen auch einen globalen Anstieg des Meeresspiegels um 3 cm pro Jahrzehnt - schneller als erwartet. Und 2005 ist auf dem besten Wege, das weltweit wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen vor 150 Jahren zu werden. Die bislang wärmsten Jahre waren 1998, 2002, 2003, 2004 und 2001.

 

Ursachen der Erwärmung

Haben die warmen Temperaturen etwas mit den extremen Stürmen, Dürren und Überschwemmungen zu tun? Und sind die warmen Temperaturen vom Menschen verursacht?

Betrachten wir zunächst die zweite und einfachere der Fragen. Auf sie hat die Wissenschaft eine gut gesicherte Antwort: Für die derzeit ablaufende globale Erwärmung ist überwiegend der Mensch verantwortlich. Zu diesem Schluss sind alle fachlichen Gremien gekommen, die sich in den letzten Jahren mit dieser Frage beschäftigt haben. Das Wichtigste ist das von den Vereinten Nationen eingerichtete Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das alle fünf bis sieben Jahre den Stand der Fachliteratur in einem ausführlichen Bericht zusammenfasst [3]. Doch auch viele andere Organisationen, etwa die American Geophysical Union, die World Meteorological Organisation oder die wissenschaftlichen Akademien aller G8-Staaten kommen zum gleichen Schluss [4]. In der Fachwelt ist also die Diskussion um die Ursache der globalen Erwärmung vorbei - nur in den Medien versuchen noch einige Außenseiter, sie immer wieder aufzuwärmen.

Die Menschheit hat, vor allem durch Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre bislang um ein Drittel erhöht: von 280 ppm auf 380 ppm (parts per million). Eisbohrungen aus der Antarktis belegen, dass derart hohe Werte seit mindestens 650.000 Jahren nicht aufgetreten sind. Kohlendioxid ist - neben Wasserdampf, dessen Konzentration wir nicht direkt beeinflussen können - das wichtigste Treibhausgas. Seine Wirkung auf das Klima ist seit dem 19. Jahrhundert bekannte Physik. Und sie ist vielfach belegt -- durch Messungen im Labor und auf der Erde, und nicht zuletzt durch die Klimageschichte vieler Jahrmillionen, in denen Phasen hoher Kohlendioxidkonzentration mit dem Fehlen von Eismassen einhergehen.

Die Aufheizung des Klimas der letzten Jahrzehnte ist auch in ihrem Ausmaß problemlos durch die erhöhte Konzentration der Treibhausgase erklärbar. Die Temperaturen der Nordhalbkugel sind inzwischen sehr wahrscheinlich höher als je zuvor im vergangenen Jahrtausend. Dies zeigen zahlreiche Rekonstruktionen übereinstimmend. Eine halbwegs plausible alternative Erklärung für die Erwärmung gibt es nicht: Alle natürlichen Faktoren, die in der Erdgeschichte zu Klimaschwankungen geführt haben, scheiden mangels Trend in den letzten Jahrzehnten aus. Dies gilt etwa für die Sonnenaktivität, die seit 1940 nicht zugenommen hat.

 

Hitze, Dürre und Fluten

Hat die zunehmende Dürre im Mittelmeerraum, die dort schon zu schweren Waldbränden führt, etwas mit der globalen Erwärmung zu tun? Solche regionalen Phänomene, besonders wenn sie Niederschläge betreffen, können wesentlich komplexere Ursachen haben und sind daher weniger leicht zu verstehen als das Verhalten der globalen Mitteltemperatur. Daher ist die Antwort hier weniger gut gesichert. Dennoch ist wachsende Trockenheit im Mittelmeerraum eine der robusten, in Simulationsrechnungen mit Klimamodellen immer wieder auftauchenden Folgen der Erderwärmung, wie kürzlich eine EU-Studie ergab [5].

Ähnliches gilt für die Niederschlagsrekorde, wie sie im Alpenraum in letzter Zeit immer häufiger auftreten -- etwa vor der Elbflut vom August 2002. Es gibt einen einfachen physikalischen Grund dafür, dass ein wärmeres Klima stärkere Extremniederschläge mit sich bringt: mit jedem Grad Erwärmung kann die Luft 7% mehr Wasser halten -- und abregnen. Ähnlich wie bei der Dürre gilt hier: Ein Zusammenhang mit der globalen Erwärmung ist wissenschaftlich zwar nicht gesichert, aber zumindest wahrscheinlich.

Ein weiteres Extrem sind Hitzewellen - hier wird schon der Laie mit Recht vermuten, dass heiße Sommertemperaturen - etwa 35 ºC - in einem wärmeren Klima häufiger überschritten werden. Niemand hätte jedoch bereits heute einen derart extremen Sommer wie 2003 erwartet, der in Europa etwa 30.000 Menschenleben forderte und damit hier die schwerste Naturkatastrophe seit Menschengedenken war [6]. Der bislang aufgetretene Erwärmungstrend um rund 1 ºC in der betroffenen Region kann einen derartigen "Ausreißer" nur teilweise erklären -- das Beispiel ist eine Warnung, dass das Klimasystem auch für Überraschungen gut ist. Nicht alle Folgen der globalen Erwärmung sind vorhersehbar. Manch ein Klimaforscher fragt sich in stillen Stunden, ob wir die Folgen bislang noch unterschätzen.

 

Hurrikane und Erderwärmung

Die extremen Hurrikane in diesem Sommer haben viele Menschen aufgerüttelt. Ein Zusammenhang zwischen der Stärke der Hurrikane und der globalen Erwärmung ist wahrscheinlich. Dass wärmere Meerestemperaturen zu stärkeren Hurrikanen führen, ist vielfach sehr gut belegt und wird bei der Vorhersage routinemäßig berücksichtigt - dies ist Konsens unter den Hurrikan-Experten. Dass andererseits die globale Erwärmung auch vor den Ozeanen nicht Halt macht, ist Konsens unter den Klimaforschern - die Meerestemperaturen sind im Mittel um ein halbes Grad gestiegen, in den Tropen ebenso wie im globalen Durchschnitt. Messdaten zeigen einen Anstieg der Hurrikanenergie weltweit, parallel zur Erhöhung der Meerestemperatur [7]. Und die Hurrikan-Prognosemodelle sagen in Szenarien mit globaler Erwärmung einen Anstieg der Hurrikanstärke voraus. Die Zahl der Hurrikane der Kategorie 5 verdreifacht sich dort [8].

Dennoch gibt es in den USA einige Hurrikan-Forscher, die das extreme Jahr 2005 auf einen natürlichen Zyklus zurückführen, und zwar auf eine Schwankung der Atlantikströmung. Dieser Zyklus könnte -- zusätzlich zur globalen Erwärmung -- in der Tat im Atlantik zum schlimmen Jahr 2005 beigetragen haben. Ein solcher Zyklus kann aber weder erklären, weshalb die Temperaturen jetzt höher sind als je zuvor seit Beginn der Messungen (und als im letzten Maximum dieses Zyklus um 1950), noch kann er den Anstieg im Pazifik erklären. Auch dort, wo die Mehrzahl der Tropenstürme auftritt, zeigt ihre Energie seit Jahrzehnten einen klaren Aufwärtstrend.

 

Was tun? Das 2-Grad-Ziel

Das Klimaproblem ist lösbar. Zwar lässt sich der Klimawandel nicht sofort stoppen. Realistisch und ohne größere wirtschaftliche Einbußen erreichbar ist jedoch die Begrenzung der globalen Erwärmung auf insgesamt 2 ºC - also rund das Dreifache des bereits in den abgelaufenen hundert Jahren Erlebten. Damit ließe sich der Klimawandel in Grenzen halten, bei denen die Folgen bei geeigneten Anpassungsmaßnahmen hoffentlich noch beherrschbar blieben. Dieses 2º - Ziel hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung 1995 in einem Sondergutachten begründet [9]. Es ist seit dem Luxemburger Ratstreffen vom Juni 1996 das offizielle (und seither mehrfach bekräftigte) Klimaschutzziel der EU.

Dieses Ziel ist eine Gratwanderung: Auf der einen Seite versucht es, zu rasche und drastische Einschnitte bei den Emissionen zu vermeiden. Auf der anderen Seite will es der Gefahr drastischer Klimaschäden begegnen. Der Grat ist recht schmal: Eine Begrenzung der Erwärmung auf deutlich unter 2 ºC erscheint kaum noch möglich. Eine Erwärmung deutlich über 2 ºC zuzulassen, birgt dagegen große Gefahren. Den Pfad zum 2 º- Ziel jetzt konsequent zu verfolgen, erhält die Handlungsoptionen für die Zukunft: Die Anstrengungen können in 10 oder 20 Jahren im Lichte neuer Kenntnis überdacht werden. Mit jedem Jahr des Nichtstuns schließt sich dagegen die Tür zur Erreichung des 2 º - Ziels immer weiter. Und es wächst die Gefahr, künftig entweder schlimme Klimaschäden zu erleiden oder drastische und kostspielige Gegenmaßnahmen einleiten zu müssen.

Die von manchen geführte Diskussion um "Anpassung statt Vermeidung" erweist sich bei näherem Hinsehen rasch als Scheinalternative. In Wahrheit ist beides unerlässlich. Würde es global 3, 4 oder gar 5 ºC wärmer, würden wir Temperaturen erreichen, wie sie es seit Jahrmillionen auf der Erde nicht gegeben hat. Die Grenzen der Anpassungsfähigkeit würden nicht nur für viele Ökosysteme überschritten. Im Pliozän, vor drei Millionen Jahren, war die globale Temperatur 2 bis 3 ºC höher als heute - und der Meeresspiegel wegen der kleineren Eisschilde 15 bis 25 Meter höher als derzeit. Um das Grönland-Eis zu erhalten und einen Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter zu verhindern (und damit unsere historisch gewachsenen Küstenstädte zu retten), müsste man vermutlich die Temperatur langfristig (im nächsten Jahrhundert) sogar wieder deutlich unter die 2 º-Grenze absinken lassen.

Wie kann das 2 º-Ziel erreicht werden? Der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre muss dazu bei etwa 450 ppm gestoppt werden. Bei einem ungebremsten "weiter so" würde dieser Wert schon in 25 bis 30 Jahren überschritten. Um dies zu verhindern, müssen wir die Emissionen in den kommenden 50 Jahren weltweit um rund die Hälfte senken, also jedes Jahr um etwa einen Prozentpunkt [10]. Technisch-wirtschaftlich ist dies ein nicht unbedingt leicht, aber doch ohne größere Probleme erreichbares Ziel.

Schwieriger ist es allerdings, ein gemeinsames Vorgehen zum Klimaschutz politisch zu organisieren. Die größten Verursacher und Nutznießer der Kohlendioxidemissionen bekämpfen vehement die notwendigen Maßnahmen. Teile der fossilen Energiewirtschaft versuchen, eine Energiewende hin zu dezentralen, erneuerbaren Energiequellen zu verhindern. Die USA, die sowohl pro Kopf als auch absolut die höchsten Emissionen verursachen, wollen sich nicht an Vereinbarungen wie das Kyoto-Protokoll halten. Hier sollte eine "Koalition der Freiwilligen" unter Führung der EU nicht auf Einsicht der USA warten, sondern konsequent voranschreiten. Zeit für weiteres Abwarten gibt es nicht.

Fußnoten:
(1) www.metoffice.com/sec2/sec2cyclone/catarina.html
(2) www.nasa.gov/centers/goddard/news/topstory/2005/arcticice_decline.html
(3) www.ipcc.ch
(4) www.nationalacademies.org/onpi/06072005.pdf
(5) www.cru.uea.ac.uk/cru/projects/mice/FINAL_VERSION_MICE_REPORT.pdf
(6) Schär, C. and Jendritzky G., "Hot news from summer 2003", Nature, 2004. 432: S. 559-560.
(7) Emanuel, K., "Increasing Destructiveness of Tropical Cyclones Over the Past 30 Years", Nature, 2005.
(8) Knutson, T. R. and Tuleya R. E., "Impact of CO2-Induced Warming on Simulated Hurricane Intensity and Precipitation", Journal of Climate, 2004, 17, S. 3477-3495.
(9) www.wbgu.de
(10) www.umweltbundesamt.org/fpdf-k/2962.pdf


 

Stefan Rahmstorf:
Stefan Rahmstorf ist Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Dort erforscht er vor allem die Rolle der Meeresströmungen bei Klimaänderungen. Seit 2000 lehrt er außerdem als Professor im Fach Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Rahmstorf ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) und im amerikanischen Panel on Abrupt Climate Change.
Mehr zum Thema auf der Homepage des Autors: www.ozean-klima.de
Link zur Seite www.pik-potsdam.de

 


Das Kassandra-Problem


Kommentar von Wolf von Fabeck

In der griechischen Ilias, der Sage um den Kampf um Troja, tritt auch die Priesterin Kassandra auf, die die Gabe der Vorhersehung hatte und die dazu verflucht war, dass die Verantwortlichen ihre Vorhersagen nicht glaubten.
Stefan Rahmstorf - einer der großen Warner vor der kommenden Klimakatastrophe - sieht sich offenbar vor dem selben Problem wie Kassandra. Wir haben auf den vorhergehenden Seiten einen seiner neuesten Artikel abgedruckt. Liest man den ersten Teil seines Artikels, so kann es einem eiskalt den Rücken runterlaufen, doch dann versteht man den zweiten Teil seines Artikels nicht mehr. Dort wirbt Rahmstorf dafür, die CO2-Emissionen weltweit so zu begrenzen, dass die Temperaturen nur noch um zwei Grad Celsius ansteigen, "also rund das Dreifache des bereits in den abgelaufenen hundert Jahren Erlebten". Logisch ist da ein Bruch. Wenn bereits die bisher erlebte Temperaturerhöhung zu Katastrophen mit Hunderttausenden von Toten geführt hat, wie kann Rahmstorf dann schreiben, dass sich bei einer dreifachen Temperaturerhöhung der "Klimawandel in Grenzen halten wird, bei denen die Folgen bei geeigneten Anpassungsmaßnahmen hoffentlich noch beherrschbar bleiben"?

Will Rahmstorf vielleicht dem Schicksal der Kassandra dadurch entgehen, dass er seine Forderungen so weit zurückschraubt, wie er glaubt international vielleicht erreichen zu können? Dass es durch internationale Verhandlungen zu keiner   W I R K S A M E R E N   CO2-Reduzierung kommen wird, darin geben wir ihm beim Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) ja gerne Recht. Aber wir sehen einen anderen Weg, der Klimakatastrophe und damit dem Kassandra-Schicksal zu entgehen. Wir werben für eine Vorreiterrolle Deutschlands. Dazu ein konkretes Beispiel: Wenn hierzulande durch politische Unterstützung eine wirkliche Massenproduktion von Solarmodulen in Gang kommt, dann werden deutsche Solarmodule so preiswert, dass sie nicht nur in Deutschland das CO2-Problem verringern, sondern insbesondere in den südlichen Entwicklungsländern die unsäglichen Dieselgeneratoren verdrängen können. Die Einwohner dort werden die deutschen Solarmodule nicht deshalb kaufen, weil ihr Staat eine internationale vertragliche Verpflichtung eingegangen ist, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Solarmodule billigeren Strom liefern. Oder wenn in Deutschland aufgrund energisch steigender Energiesteuern die Bevölkerung nur noch energiesparende Autos verlangt und die großen Automobilfirmen endlich ihre längst entwickelten Dreiliterautos in die Massenproduktion bringen, dann werden - auch wenn ihr Land das Kyoto-Protokoll immer noch nicht unterschrieben hat - die US-Bürger angesichts steigender Ölpreise vermehrt auf deutsche Dreiliterautos umsteigen. Hier könnte dann endlich einmal der globalisierte freie Handel einen Vorteil im Sinne des Klimaschutzes darstellen. Deutschland kann dann seine beiden Trümpfe, den guten Willen der Bevölkerung und seine entwickelte Umwelttechnik ausspielen. Das alte Greenpeace-Motto: Taten statt Warten!

Ein Vorreiter fragt nicht, wieviel Lasten er unbedingt schultern muss, um einer Gefahr zu entgehen. Er strebt einem begehrenswertem Ziel zu und sucht mit aller Kraft und List nach Möglichkeiten, möglichst rasch voranzukommen. Er diskutiert nicht über Prozentzahlen, die er erfüllen muss, sondern er sucht nach der wirkungsvollsten Methode, möglichst viel zu erreichen. Ein Vorreiter schaut auch nicht darauf, ob die Anderen das Ihrige tun. Im Gegenteil, er freut sich über jeden Vorsprung, den er erzielt. Ein Vorreiter muss sich nicht gegen den Vorwurf der Panikmache verteidigen. Allenfalls wird er insgeheim bewundert.
Und wie bringen wir unser Land dazu, zum Vorreiter zu werden? Die Voraussetzungen sind gut, denn die Bevölkerung wünscht sich sehnlichst eine Vorreiterrolle, wie Umfragen belegen. Und was können wir dafür tun, dass Deutschland die ihm mögliche Vorreiterrolle annimmt? Das größte politische Hemmnis für den raschen Umstieg auf die Erneuerbaren Energien ist die Kombination zweier Vorurteile, gegen die wir angehen müssen.

Vorurteil Nr. 1: Erneuerbare seien teurer als konventionelle Energien.
Vorurteil Nr. 2: Billige Energie sei Voraussetzung für Wohlstand.

    Zuerst Vorurteil Nr. 1: Nachdem die Energiewirtschaft noch 1993 allen Ernstes in ganzseitigen Zeitungsanzeigen bestritten hat, dass die Erneuerbaren Energien jemals mehr als 4 Prozent des Strombedarfs erzeugen könnten - www.sfv.de/briefe/brief97_1/sob97135.htm - warnt sie heute vor dem Anstieg der Strompreise durch die ungebremste Zunahme der Erneuerbaren, die im Stromnetz bereits 11 Prozent des Jahresbedarfs decken. Und auch diese Warnungen verlieren an Glaubwürdigkeit. Immerhin hat der Vattenfall-Konzern zu Jahresbeginn mitgeteilt, dass die Preise für konventionell erzeugten Strom im vergangenen Jahr schneller gestiegen sind als die für Strom aus Erneuerbaren Energien. Trotzdem räumt die Politik den konventionellen Energien erhebliche Privilegien ein, z. B. die Möglichkeit, Grund und Boden zu enteignen, unter dem Braunkohle abgebaut werden kann, vereinfachte Genehmigungsverfahren für den Neubau konventioneller Kraftwerke usw. Der Bau von Windanlagen dagegen wird durch administrative Hemmnisse erschwert. Dies alles geschieht, obwohl konventionelle Neubauten Fehlinvestitionen für 40 weitere Jahre sind. Wir können schon jetzt auf Erneuerbarer Energien umsteigen. 40 Mrd. für fossile Neubauten (s. S. 30) sind 40 Mrd. zu viel.

    Nun zu Vorurteil 2: Niedrige Energiekosten sind keineswegs die Voraussetzung für Wohlstand. Im Gegenteil: Unser größtes soziales Problem - die Arbeitslosigkeit - wird durch zu billige Energie verursacht. Ausführliche Beiträge dazu finden Sie unter in unserer Sonderausgabe Energiesteuern. Hier nur eine Andeutung: Arbeitgeber, die viel Personal beschäftigen, sind mit hohen Sozialabgaben belastet. Wenn Energie sehr billig ist, lohnt sich für die Unternehmen der Ersatz von Personal durch Maschinen (Entlassungen!). Deshalb plädieren wir für eine Finanzierung des bisherigen Arbeitgeberanteils der Sozialversicherung durch eine drastische Anhebung der Energiesteuern. Unser Vorschlag würde zu einem starken Anstieg der Energiekosten führen und das stellt den besten Anreiz zur Verbesserung der Energieeffizienz dar. Persönliche Mehrbelastungen im privaten Energieverbrauch werden nach unserem Vorschlag durch ein Energiegeld ausgeglichen.

Wichtig ist deshalb, dass zuerst die Rahmenbedingungen geändert werden. Das ist Aufgabe des Bundestages und der Regierung. Die verantwortlichen Politiker müssen sich gegen die einflussreiche Lobby der konventionellen Energiewirtschaft durchsetzen. Dazu muss ihnen die Dramatik der Klimaentwicklung verdeutlicht werden. Deshalb sind gerade die klimafachlichen Aussagen im ersten Teil des Artikels von Rahmstorf unersetzlich! Die Aussagen im zweiten Teil dagegen sehen wir als wenig hilfreich an. Wir würden uns wünschen, dass Stefan Rahmstorf nicht nolens volens 2 Grad Temperaturerhöhung akzeptiert, sondern dass er die Konsequenzen weiterer Temperaturerhöhungen deutlicher herausstellt. Sowohl Stefan Rahmstorf als auch die Solarbriefredaktion freut sich auf Leserbriefe zu dieser Strategie-Kontroverse.

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