Eine Demonstration. Ein Schulstreik. Unglaublich viele Leute. Empowerment. Tausende Menschen gehen für dieselbe Sache auf die Straße: Klimagerechtigkeit. Seit über 3 Jahren steht Fridays for Future regelmäßig auf der Straße und in den Medien. Aber was hat sich eigentlich verändert? Wenn wir ehrlich sind: kaum etwas. Auf jeden Fall: Viel zu wenig.

Als ich im Juni 2019 zusammen mit meinen Freund*innen den ersten globalen Streiktag von Fridays for Future organisiert habe, war der notwendige Wandel zum Greifen nah. Die Medien stürzten sich auf die neue Bewegung und in der Gesellschaft wurde eifrig diskutiert. Greta Thunberg war nicht nur allen Jugendlichen mehr als bekannt. Im SoWi-Unterricht besprachen wir eine Instagram-Story über zivilen Ungehorsam, die ich am Tag vorher für FFF gepostet hatte.

Damals hatte ich nicht nur Hoffnung, ich war mir sicher, dass wir den notwendigen Wandel schaffen. Damals dachte ich, wir müssten die Menschen nur aufwecken, damit sie bemerken, dass sie gerade den gesamten Planeten vor die Wand fahren. Dass dann zwingenderweise alle rechtzeitig handeln würden. Doch weder meinen Freund*innen noch mir war damals bewusst, wie tief sich ausbeuterische Systeme, besonders Kolonialismus und Kapitalismus, in unserer Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft verwurzelt haben.

Profitgier und Gewinnmaximierung verhindern hier in Deutschland seit Jahren effektiven Klimaschutz und töten besonders im globalen Süden bereits Millionen Menschen. Nach drei Jahren Demonstrationen wird vielleicht viel über die Klimakrise gesprochen, aber das notwendige Handeln bleibt dabei so gut wie komplett aus. Vielmehr driftet der gesellschaftliche und politische Diskurs in eine falsche Richtung ab. Der Kapitalismus gaukelt den Leuten vor, dass der Markt ihnen die Wahl gibt, das Klima zu retten. Tatsächlich befinden wir uns aktuell in einer Situation, in der sich Menschen E-Autos kaufen, sich vegan ernähren und denken, dass damit das Klima gerettet werden könnte. Klar, auf den eigenen Konsum zu achten ist richtig, und weniger Fleischkonsum tut dem Klima gut, aber eigentlich müsste die gesamte Aufmerksamkeit auf den Großkonzernen liegen, die unser Klima für ihre eigenen Profite zerstören. Nach drei Jahren hat das auch FFF noch nicht begriffen. Die Chefs von RWE, Shell und Co. haben von Seiten der Politik nichts zu befürchten, und eine Demonstration mit tausenden Kindern vor einem ihrer Kohlekraftwerke interessiert sie nicht.

Profitgier und Gewinnmaximierung verhindern hier in Deutschland seit Jahren effektiven Klimaschutz und töten besonders im globalen Süden bereits Millionen Menschen.

Simon H.

Der Schulstreik und die Großdemonstrationen waren sinnvoll, um das Thema auf die gesellschaftliche Agenda zu setzen. Um einen tatsächlichen Wandel zu erzielen, muss allerdings eine neue Strategie her!

Neben einer neuen Strategie müssen außerdem dringend interne Probleme angegangen und gelöst werden. Die mehrheitlich weiße Klimabewegung kommt zu großen Teilen aus der oberen Mittelschicht, oft mit akademisch gebildeten Eltern und Unterstützung durch Verwandte oder Bekannte. Von Anfang an konnte nicht die gesamte Jugend abgeholt werden. Migrantische und antirassistische Perspektiven kommen in der Bewegung immer noch viel zu kurz. Rassistische Vorfälle in bundesweiten Strukturen gehören leider auch fast zur Tagesordnung. Solange die Klimagerechtigkeitsbewegung nicht intern verstanden hat, für was für eine Gerechtigkeit sie eigentlich international kämpft, kommen wir nicht weiter.

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Obwohl FFF die größte Klimagruppe in Deutschland ist, erzielen gerade andere, deutlich kleinere Gruppen bessere Erfolge. So lässt sich beispielsweise durchaus über die Aktionen der „Letzten Generation” streiten, aber sie trauen sich etwas und sind aktiv im Kampf für Klimagerechtigkeit. FFF ist mittlerweile, im Vergleich dazu, zu einer trägen NGO geworden, die oft nur noch auf Ereignisse reagiert und sich von Wahl zu Wahl hangelt (als könne Klimagerechtigkeit gewählt werden).

Mit dem Narrativ der “Klimawahl” wird den Leuten vorgegaukelt, dass Klimagerechtigkeit wählbar wäre. Aber welche Partei steht denn bitte für Klimagerechtigkeit? Die CDU, AfD, SPD und FDP sicher nicht. Viele würden jetzt sagen: Na, natürlich die Grünen.

Die Grünen, die Klimaaktivist*innen von den Bäumen prügelten, um eine Autobahn durch einen Wald und ein Wasserschutzgebiet zu bauen? Die Grünen, die den vollen Ernst der Lage offensichtlich nicht verstanden haben und mit dem Koalitionsvertrag eine weitere Eskalation der Klimakatastrophe in Kauf nehmen. Klimagerechtigkeit ist nicht wählbar, sondern muss von unten und auf der Straße erkämpft werden!

Trotz all der Kritik an der Klimabewegung muss selbstverständlich anerkannt werden, dass FFF oft Unglaubliches geleistet hat und einen großen Teil der Jugend in kurzer Zeit positiv politisiert hat. Und auch wenn es innerhalb der Klimabewegung viele Probleme gibt, die aufgearbeitet werden müssen, darf die Bewegung nicht die Hoffnung und den Kampfgeist verlieren

Ob bei Fridays for Future, Ende Gelände oder in einer anderen Klimagruppe, organisiert euch! 

Für globale Klimagerechtigkeit!

Abb.1 — Globaler Streiktag am 24.09.2021 in Aachen mit drei Demozügen und über 5000 Teilnehmer*innen. Der Streiktag stand unter dem Motto: "Uproot the System". Foto: Simon Herholz •

Abb. 2 — Großdemo am 21.06.2019 mit über 40.000 Teilnehmer:innen aus über 17 Ländern in Aachen - Foto: Jakob Voerkelius •