Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 02.07.2008, aktualisiert am 05.07.2008, Georg Engelhard:

Argumentenaustausch zur Photovoltaik

Welchen Stellenwert haben die Argumente zur Absenkung der Solarstromvergütung?

Kürzlich hat der Bundestag beschlossen, die Einspeisevergütung für Solarstrom stärker zu reduzieren, als das im EEG bisher vorgesehen war. Diese Maßnahme ist im Vorfeld bei Vertretern der Erneuerbaren Energien auf erstaunlich wenig Widerstand gestoßen. Der SFV hatte hingegen eindringlich davor gewarnt, dass die Entwicklung der Photovoltaik in Deutschland erheblichen Schaden nehmen könnte. Auch von wohlmeinender Seite ist dem SFV deshalb einige Kritik zuteil geworden. Auf die wichtigsten Kritikpunkte wollen wir hier eingehen.

Verschwörungstheorien

Der SFV hat darauf hingewiesen, dass etliche Studien oder Vorschläge zur Verminderung der Solarstromvergütung vom Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) stammen. Der SFV weist weiter darauf hin, dass die Finanzierung des RWI teilweise über die Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI erfolgt. Präsident der Gesellschaft ist Dr. Rolf Pohlig, Finanzvorstand der RWE AG [1].
Diese Hinweise werden bisweilen als "Verschwörungstheorie" lächerlich gemacht. Noch beliebter ist die Krankheitsbezeichnung Paranoia.

Tatsächlich bedarf es gar keiner "Verschwörungstheorien" um eine unterschwellige Einflussnahme durch dem RWE nahestehende Leute zu vermuten. Möglicherweise halten sich die Mitarbeiter des RWI für so objektiv, wie wir uns als Verein für unabhängig halten. Es wird keine Aufforderung von Herrn Kuhnt geben "Schreibt was gegen die PV, dann bekommt ihr Geld". Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass Politik und Medien das RWI für objektiv halten, obwohl es das definitiv nicht sein kann - auch wenn keine böse Absicht von Seiten der RWI-Mitarbeiter vorliegt. Die finanziellen und personellen Verflechtungen zwischen Unternehmen und Instituten bzw. der Politik aufzudecken, und die damit einhergehende unvermeidliche Voreingenommenheit zu berücksichtigen, wäre die Aufgabe unabhängiger Journalisten.

Photovoltaik sei ein Geschäft, in dem hohe Gewinne gemacht werden

Die Photovoltaik-Industrie startete, wie viele Zukunftsbranchen, klein, vielleicht auch getrieben von einigem Idealismus. Mittlerweile ist sie den Kinderschuhen entwachsen. Die Manager der Branche fahren ebenso hochmotorisierte Autos wie die von DAX-Unternehmen. Zunehmend investiert "großes" Kapital in Solarenergieunternehmen. Die Branche verfügt über eine schlagkräftige Lobby, ebenso wie andere Branchen. Photovoltaik ist ein Geschäft!

Der SFV hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich genau das wünscht: die PV als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ohne Gewinnaussichten wird kein großer Industriezweig aufgebaut. Ob die Manager der Branche ihr verdientes Geld in hochmotorisierte Autos stecken, sollte nicht diskussionswürdiger sein als in anderen Branchen. Jedenfalls taugt es nicht als Argument pro oder contra niedrigere Einspeisevergütungen.

Leider sieht es nicht in allen Bereichen der Photovoltaik-Branche wirtschaftlich so gut aus: Das Solarhandwerk in Deutschland - also die Firmen, die die fertigen Solarmodule auf den Dächern und an den Fassaden montieren - macht vergleichsweise geringe Gewinne, weil es schon bisher gezwungen war, seine Preisangebote jedes Jahr um 5 Prozent zu verringern, obwohl die Solarmodulpreise keineswegs dermaßen schnell im Preis heruntergingen und das Preis- und Lohnniveau eher sogar anstieg.

Es sei unerklärlich, warum der SFV, der die Interessen der Käufer von Solaranlagen vertritt, sich für hohe Solarmodulpreise einsetzt.

Der SFV streitet nicht für dauerhaft hohe Preise, sondern für eine möglichst schnelle Ausweitung der Produktion im Interesse langfristig(!) niedrigerer Preise. Was wir ablehnen, ist eine Reduktion der Einspeisevergütung, die die Gewinne der Produzenten so weit verringert, dass diese ihr Interesse an einer Ausweitung der Produktionskapazitäten verlieren.

Wenn sich herausstellt, dass die Solarstromproduktion zu teuer gefördert wird, könne die gesamte Förderung erneuerbarer Energie in Misskredit geraten.

Sollte die PV "zu teuer" gefördert werden, wäre das natürlich ein Grund sie zu reduzieren. Schließlich steckt das in dem Wort "zu" bereits drin, dass man etwas ändern sollte. Darüber kann es keine sinnvolle Diskussion geben.

Hier wird jedoch mit anderen Worten gesagt: "Es könnte sein, dass die PV zu teuer gefördert wird.", und aus diesem bloßen Verdacht wird die Notwendigkeit abgeleitet, die Förderung zu reduzieren, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer angenommenen, zukünftigen Volksmeinung, die aber gerade durch die Veröffentlichung des Verdachtes angeheizt wird.

Man kann nur an die Verantwortung von Journalisten und Politikern erinnern. Damit ihre Arbeit nicht zu reiner Meinungsmache gegen die Photovoltaik ausartet, sollten sie zunächst einmal verlässlich feststellen, ob(!) die PV zu teuer gefördert wird - und zwar bevor sie eine Senkung der Vergütungssätze fordern.

Laut einer Nachhaltigkeitsstudie der Bank Sarasin vom November 2007 betrage das weltweite Marktwachstum zwischen 2005 und 2010 jährlich 50 Prozent; Deutschland sei aktuell und bliebe auch perspektivisch der größte Absatzmarkt mit durchschnittlichen jährlichen Zuwachsraten von 25 Prozent.

Zunächst einmal ist das ein Widerspruch in sich. Wenn die Welt um 50% jährlich wächst, kann Deutschland mit 25% "perspektivisch" nicht der größte Markt bleiben.

Davon abgesehen basieren alle Schätzungen über die zukünftige Entwicklung auf der Annahme, dass es in den letzten Jahren einen "Boom" bei der Installation von Solaranlagen gegeben habe. Für das Jahr 2005 stimmt das sogar noch. Aber bereits im Jahr 2006 gab es überhaupt keinen Zuwachs mehr, sondern gemäß Bundesnetzagentur ein Schrumpfen von 928 MW (2005) auf 854 MW (2006).
Über die weitere Entwicklung im Jahr 2007 gibt es nur Schätzungen. Diese liegen zwischen 1600 MW (Anne Kreutzmann, Chefredakteurin von Photon)[2] und ca. 900 MW (SFV). Also zwischen Stagnation und Boom.
Politik und öffentliche Wahrnehmung gehen wie selbstverständlich von einem anhaltenden Boom aus, obwohl es dafür bis heute keinerlei Belege gibt. Die Zahlen der Energieversorger, die der SFV ausgewertet hat, sprechen eher für Stagnation. Auch unsere Annahme ist nicht beweisbar. Aber wir werfen der Politik vor, eine weitreichende Entscheidung auf Basis purer Mutmaßungen gefällt zu haben, anstatt die Energieversorger zu verpflichten, beizeiten belastbare Daten zur Verfügung zu stellen.

Im Widerspruch zu der oben genannten Studie aus dem selben Bankhaus bestätigten die Sarasin-Nachhaltigkeits-Analysten in ihrer sieben Monate vorher veröffentlichten vierten Solar-Studie vom April 2007 "Licht- und Schattenseiten einer boomenden Industrie" die Warnung des SFV. Dort heißt es wörtlich: "So haben vor allem in Deutschland die hohen Preise und die reduzierte Einspeisevergütung zu einer geringeren Nachfrage geführt" [3]

Bereits in der vorangegangenen dritten Solarstudie von Sarasin war prognostiziert worden, dass der Anteil Deutschlands an der weltweit installierten Photovoltaikleistung von heute (4.11.2005) 43 Prozent auf sechs Prozent im Jahr 2020 abnehmen wird [4].

Wer die anfangs erwähnte optimistische Nachhaltigkeitsstudie von Sarasin [5] allerdings bis zum Ende durchliest, findet auf Seite 57 dann eine alarmierende Aussage:

"(...) Wegen technischen Fortschritten und <<Economics of Scale>> werden die Kosten für PV-Anlagen in Zukunft deutlich sinken. Wir gehen von einer durchschnittlichen jährlichen Kostenreduktionsrate von 5% bis 2020 aus, was der momentanen Abnahme der deutschen Einspeisevergütung entspricht. Danach sinkt die jährliche Kostenreduktion auf 4%. (...)"

Also Sarasin sieht die bisher gültige Degression der Vergütung von 5% im Einklang mit der Kostenentwicklung. Wenn wir die Ergebnisse dieser Studie Ernst nehmen, bedeutet das, dass sich Deutschland mit seiner gerade beschlossenenen 8% - oder 9% Degression der Solarstromvergütung aus der Photovoltaik verabschiedet.

Selbst diejenigen, die unter Berufung auf die Nachhaltigkeitsstudie die bisherige Solarstromvergütung für zu hoch gehalten haben, müssten dann konsequenter Weise wieder eine Verminderung der Degression fordern.

Die CO2-Vermeidungskosten lägen jenseits von Gut und Böse

Wir halten das für eine kurzsichtige Betrachtungsweise. Klimapolitisch brauchen wir die Photovoltaik weltweit. Sie ist in einem zukünftigen Energiesystem unverzichtbar. Die Vorstellung, wir könnten uns für die nächsten 10 oder 20 Jahre auf "billigere" Möglichkeiten der CO2-Reduktion beschränken, ignoriert die Dringlichkeit des Klimawandels. Die Entwicklung der Photovoltaik muss heute energisch vorangetrieben werden, damit sie morgen in großem Maßstab zur Verfügung steht. Das ist eine Frage der Zukunftsvorsorge. Da der freie Markt keine Zukunftsvorsorge leisten kann, benötigt die Photovoltaik eine Markteinführung mit dem mittelfristigen Ziel, sie durch Anregung der Massenproduktion preisgünstiger und damit konkurrenzfähig zu machen. Bis dahin kostet die Markteinführung zusätzliches Geld.

Fußnoten

[1] In der ursprünglichen Fassung dieses Beitrages wurde hier der ehemalige Vorstandsvorsitzende der RWE AG, Dr. Dietmar Kuhnt, genannt. Nachtrag vom 18.07.2008: Nachfolger von Dietmar Kuhnt in seiner Funktion als Präsident der Freunde und Förderer des RWI ist nunmehr Dr. Rolf Pohlig, Finanzvorstand der RWE AG. Er wurde zugleich zum stellvertretenden Vorsitzenden des RWI-Verwaltungsrats gewählt. Die Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Essen hat Herrn Pohlig zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Pressemitteilung des RWI vom 4.6.2008
[2] Vortrag von Anne Kreutzmann beim Photovoltaik-Symposium in Staffelstein am 5. März
[3] http://www.sarasin.de/internet/iede/index_iede/private_clients_iede/sarstainable_april_2007.pdf
[4] http://www.solarcontact.de/content/news/detail.php4?id=934
[5] Bankhaus Sarasin, Nachhaltigkeitsstudie Solarstudie 2007_DEU.pdf



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