Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 22.06.2008, aktualisiert am 04.07.2008, Wolf von Fabeck:

Zugeschüttet mit Geld - Die ZEIT vom 12.06.08

Stellungnahme des SFV zu einem Beitrag von Fritz Vorholz

Solarfreunde trauten ihren Augen nicht, als sie kürzlich einen Beitrag des in Kreisen des Umwelt- und Klimaschutzes durchaus geschätzten Publizisten Fritz Vorholz fanden, in dem dieser die drastisch gekürzte Solarstromvergütung im neuen EEG 2009 als immer noch zu hoch darstellte.
Im Wesentlichen speist sich dieser Beitrag aus irreführenden Argumenten und Informationen der Zeitschrift Photon. Diese verbreitet nach Recherchen der Solarpraxis AG und eigenen Beobachtungen seit dem 31. Mai 2006 die destruktiven Vorschläge des Rheinisch Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) zur Zurückdrängung der Photovoltaik.

Ein Hinweis hier noch zur Interessenlage des RWI: Dr. Rolf Pohlig, Finanzvorstand der RWE AG, ist jetzt Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Essen, und diese unterstützt das RWI finanziell. Siehe hierzu den Nachtrag vom 17.07.08 [1]

Der eingangs genannte Beitrag in der ZEIT geht von unzutreffenden Tatsachen aus, übersieht marktwirtschaftliche Zusammenhänge, hat die Rolle der Photovoltaik bei einem Umstieg auf Erneuerbare Energien nicht verstanden und vergisst die globalen Aspekte beim Kampf gegen den Klimawandel. Da wir von mehreren Solarfreunden um eine Stellungnahme gebeten wurden, gehen wir nachfolgend auf die gravierendsten Fehlinformationen und Irrtümer ein.

 

Die ZEIT: Hierzulande werde Solarstrom so großzügig subventioniert wie in keinem Land der Erde.

SFV: Schon dieser erste Kritikpunkt ist sachlich falsch. In Frankreich z.B. gibt es für Solarstrom aus Fassadenanlagen 55,00 Cent/kWh, in Deutschland aber nur 51,75 Cent/kWh. Und in fast 40 Ländern gab es bereits im Jahr 2006 Fördergesetze, die sich an das deutsche EEG anlehnen (siehe Solarbrief 4/06).
Außerdem verwahren wir uns gegen den suggestiven Gebrauch des verpönten Begriffs „Subvention“, der die Solarstromgewinnung von vornherein diskreditiert. Es handelt sich vielmehr um die amtliche Festlegung von Mindestpreisen, die den Betreibern einen wirtschaftlichen Betrieb von Anlagen ermöglichen, damit aus Klimaschutzgründen - also im Interesse der Allgemeinheit - eine Markteinführung der Solartechnik erfolgt! Eine großzügige Förderung von Solarstrom ist also kein Grund zur Kritik, sondern im Gegenteil eine vorausschauende politische Entscheidung.

 

Die ZEIT: Der Markt sei stürmischer gewachsen, als selbst notorische Optimisten für möglich gehalten hätten.

SFV: Das Gegenteil ist richtig. Im Jahr 2006 sind in Deutschland weniger Solaranlagen auf die Dächer gebracht worden als im Jahr 2005. Und für das Jahr 2007 ist sogar ein weiterer Rückgang zu befürchten, zumindest kein besonderes Wachstum (siehe dazu die eigenen Recherchen des SFV, Solarbrief 1/08, Seite 6, „Das Ende des PV-Booms in Deutschland“). Die übertriebenen Wachstumsprognosen stammen von der Zeitschrift PHOTON. Zu ihrer Strategie gehört es, der Öffentlichkeit zuerst ein stürmisches Wachstum der deutschen PV-Neuinstallationen zu suggerieren und Befürchtungen über die daraus entstehenden angeblich zu hohen Kosten zu wecken. Diese Befürchtungen tragen dann mit dazu bei, dass die Einspeisevergütung gesenkt wird. Anschließend nimmt PHOTON seine überhöhten Wachstumsprognosen möglichst unauffällig wieder zurück. So behauptete z.B. Anne Kreutzmann, Chefredakteurin von PHOTON, Anfang März 2008 in Staffelstein vor den versammelten Branchenvertretern und Vertretern des Umweltministeriums, im Jahr 2007 seien in Deutschland neue PV-Anlagen mit einer Leistung von etwa 1.600 Megawatt neu montiert worden. (Anmerkung des SFV: Das wäre knapp eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr).
In der Juni-Ausgabe der Zeitschrift heißt es dann aber, PHOTON rechne anhand der Verkaufszahlen von Wechselrichtern für 2007 mit ungefähr 1.350 Megawatt. Keine Rede ist mehr davon, dass die 1.600 Megawatt-Wachstums-Behauptung vom März zu der Entscheidung beigetragen hat, die Einspeisevergütung für Solarstrom stärker abzusenken als bisher. Die Zeitschrift verschweigt in ihrem ausführlichen Rückblick, dass die 1.600 Megawatt überhaupt je genannt wurden. (Quelle: „Frühstart auf der Statistik-Rennbahn“, PHOTON Juni 2008, S. 23 u. 24)

 

Die ZEIT: Die Solarstromvergütung sei fünfmal höher als die Großhandelspreise der Strombörse.

SFV: Der Vergleich der Solarstromvergütung im Niederspannungsnetz mit den Großhandelspreisen der Strombörse im Hochspannungsnetz bringt leider keine sachliche Aufklärung, sondern ist eher in der Rubrik Stimmungsmache einzuordnen: Die Großhandelspreise der Strombörse gelten für die Spannungsebene der Hoch- und Höchstspannungsnetze. Dort kostet der konventionell erzeugte Strom nur wenige Cent. Dem Endverbraucher wird der gleiche Strom zum mehrfachen Preis weiterverkauft, denn es kommen Verteilkosten, Durchleitungskosten usw. hinzu. Solarstrom hingegen wird direkt in der Spannungsebene der Endverbraucher eingespeist (Niederspannung oder Mittelspannung), und da er ausschließlich tagsüber, d.h. zur Hochtarifzeit, eingespeist wird, zu einer Zeit also, in der mehr Strom benötigt wird - und mehr für Strom bezahlt wird - als nachts, vermindert er sogar die Stromeinkaufskosten der Versorgungsnetzbetreiber. Er wird dann in unmittelbarer Nachbarschaft an den nächstgelegenen
Stromverbraucher geliefert. Sein Preis bzw. die für ihn bezahlte Vergütung darf deshalb fairer Weise
nur mit den im Niederspannungsnetz üblichen Preisen verglichen werden. Dann zeigt sich, dass Solarstrom für den Endverbraucher nicht fünfmal, sondern zur Zeit nur noch etwa doppelt so teuer ist wie konventionell erzeugter Strom.
Und konventionell erzeugter Strom verteuert sich ständig weiter, da die Energiekosten rasant steigen.
Solarstrom dagegen wird von Jahr zu Jahr billiger.
Schließlich aber - und das ist der entscheidende Punkt - ist die Herstellung von Solarstrom nicht klimaschädlich und erzeugt fast gar keine externen Kosten, während die externen Kosten für konventionelle Energieversorgung, wenn man die neuesten Erkenntnisse der Klimaforschung zugrundelegt, sich als immer unbezahlbarer herausstellen.

 

Die ZEIT: Die gesetzlich garantierte Vergütung sei so opulent, dass jede Solarzelle, die irgendwo auf der Erde produziert worden ist, aber nirgendwo anders abgesetzt werden kann, in Deutschland noch einen Käufer findet.

SFV: Der Vorwurf, dass Deutschland den Markt leerkauft, ist fast ein wenig komisch. Die angemessene Lösung ist doch nicht, die Nachfrage zu vermindern, sondern Zahl und Kapazität der Produktionsstätten rasch und nachhaltig weiter zu erhöhen. Die Zahl der derzeit geplanten Produktionsstätten reicht offenbar
noch bei weitem nicht aus, die Photovoltaik weltweit im erforderlichen Umfang auszubauen. Sie ist größenordnungsmäßig noch immer um den Faktor 10 zu gering. Darauf haben wir bereits in unserem Beitrag "Das Ziel im Auge behalten" hingewiesen.

 

Die ZEIT: Die amtliche Großzügigkeit bei der Einspeisevergütung würde zu überhöhten Preisen führen und damit die Verbreitung der Technik eher bremsen.

SFV: Dieser Gedankengang ist nicht zu Ende gedacht. Seine logische Umkehrung besagt, dass eine Absenkung der Einspeisevergütung die Ausbreitung der Solartechnik befördert. Das ist Nonsens. Woher soll dann der Anreiz zum Bau neuer Solarsilizium- und Solarzellenfabriken kommen?
Niedrige Einspeisevergütungen hatten wir lange genug in den Jahren von 1990 bis 1999. Damals unter dem alten Stromeinspeisungsgesetz gab es für Solarstrom nur 17 Pfennig pro Kilowattstunde. Das beeindruckende Wachstum der PV begann aber erst nach der Erhöhung der Einspeisevergütung im Jahr 2000.

 

Die ZEIT: In Deutschland hätten sich die Preise des Solarstroms von den Kosten abgekoppelt. Die deutsche Nachfrage triebe die Preise in die Höhe.

SFV: Dies ist nur ein Teil der Wahrheit. Es ist die - glücklicherweise - weltweit wachsende Nachfrage nach mehr Solaranlagen, die den Preis in die Höhe treibt. Und dieser Preisanstieg ist unvermeidlich! Er ist die übliche Reaktion der Marktwirtschaft auf eine schnell steigende Nachfrage nach einem knappen - nicht rasch vermehrbaren - Gut. Die Preise richten sich in diesem Fall nun einmal nicht nach den Kosten, sondern nach Angebot und Nachfrage.
Die hohen Preise ergeben sich aus der Knappheit des Angebots. Das System Marktwirtschaft reagiert darauf als „selbstregelndes“ System! Die erzielbaren höheren Preise bedeuten höhere Gewinne für die Hersteller. Die höheren Gewinne sind dann ein Anreiz zur Errichtung weiterer Produktionskapazitäten.
Und dadurch wird schließlich die Knappheit im Angebot beseitigt. Wer davon ausgeht, dass Solarstrom einen entscheidenden Platz in der zukünftigen Weltenergieversorgung einnehmen soll, dass also die Zahl der Produktionsstätten noch vergrößert werden muss, der muss den vorübergehenden Preisanstieg
akzeptieren. Er muss dafür sorgen, dass eine stabile und möglichst gleichmäßig wachsende Nachfrage aufgebaut wird, die einen zuverlässigen Anreiz zum Bau weiterer Produktionsstätten bietet.

Und die angeblich überhöhten Gewinne? Es ist völlig natürlich, dass in dynamisch sich entwickelnden Wachstumsbranchen höhere Gewinne, vor allem in Form von Innovationsgewinnen auftreten, als in eher saturierten Märkten mit nur noch geringem Expansionspotential und gemächlichem technischen Fortschritt; sie sind gerade die wesentliche Triebfeder dieser Dynamik, wie etwa die stürmische Entwicklung der Computertechnologie zeigt, die uns zudem vorführt, dass hohe Gewinne und rasante Kostenreduktion sich nicht gegenseitig ausschließen, sich vielmehr in gewissem Umfang sogar gegenseitig bedingen.

Die Forderung, die deutsche Nachfrage durch eine Senkung der Einspeisevergütung zu drosseln, ist deshalb unsinnig, weil sie den Anpassungsvorgang verzögert.

 

Die ZEIT: Deutschland werde nie ein bevorzugter Standort für Solarenergie werden. Energie- und klimapolitisch sei die Förderung deshalb primär nicht vertretbar. Bezahlt würden die Mehrkosten von den
hiesigen Verbrauchern, obwohl Deutschland die Sonnenenergie nie in großem Maßstab nutzen werde.

SFV: Das ist nicht korrekt. Die Photovoltaik kann bei Nutzung von Dächern, Fassaden und Lärmschutzwänden plus den schon bestehenden Freifl ächenanlagen etwa die Hälfte des derzeitigen Strombedarfs erzeugen. Dies ist das Ergebnis eigener Potentialabschätzungen des SFV. Zu einem
ähnlich positiven Ergebnis kam bereits vor 6 Jahren die Enquetekommission „Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und der Liberalisierung“ des 14. Deutschen Bundestages, die die Möglichkeit eines vollständigen Umstieges auf Erneuerbare Energien auf den Seiten 352 ff. ihres Endberichts vom 7.7.2002 eingehend beschrieben hat.

Die Hälfte des gegenwärtigen deutschen Stromverbrauchs (SFV), bzw. 44% des europäischen Stromverbrauchs von 1999 (Enquete-Kommission) - auf dieses Potential können wir bei dem vorhersehbaren Energiemangel nicht verzichten! Noch ein anderer Gesichtspunkt ist wichtig. Die Sonnenenergie ergänzt sich häufig zeitlich mit der Windenergie. Die zeitlichen Lücken im Angebot werden dadurch kürzer. Dadurch wird im Endausbaustand der Bedarf an Stromspeichern verringert. Damit das möglich ist, müssen die Beiträge beider Energieformen allerdings von der Größenordnung her
übereinstimmen.

Was den klimapolitischen Aspekt anbelangt, so fehlt der geäußerten Kritik aus der ZEIT außerdem die globale Sichtweise. Um den Klimawandel zu bremsen, müssen weltweit - nicht nur in Deutschland - die fossilen Energien durch Erneuerbare Energien abgelöst werden. Gerade in den armen und sonnenreichen Staaten des Südens ohne bestehende Stromnetze ist nur die Sonnenenergie in der Lage, die dort üblichen Dieselgeneratoren abzulösen. Dazu muss sie aber noch billiger werden und dazu braucht es weiteres Wachstum und dazu braucht es mehr Nachfrage als die unterentwickelten Länder
leisten können - Nachfrage z.B. auch aus Deutschland. Auch die deutschen Stromverbraucher haben schließlich einen Nutzen davon, wenn der Klimawandel gemildert wird.

 

Die ZEIT: China sei der größte Hersteller, installiere aber kaum eigene Solaranlagen.

SFV: Darüber liegen uns keine Daten vor. Aber die Tatsache, dass China wesentlich durch Nachfrage aus Deutschland zum größten Solarzellenhersteller der Welt aufgestiegen ist, ist ein riesiger Erfolg des deutschen Erneuerbaren-Energien-Gesetzes. Außerdem hat China ein Gesetz zur Förderung der Erneuerbaren Energien erlassen, das sich an unser EEG anlehnt. Wir können darüber glücklich sein, dass China sich mit einer EE-Technik vertraut macht, die es sofort massiv einsetzen kann, wenn ihre Kosten endlich die Kosten der Kohleverstromung unterschreiten. Dies ist mehr als bisher in allen
internationalen Klimakonferenzen erreicht wurde. (WvF)

dem RWE nahestehende Leute zu vermuten. Möglicherweise halten sich die Mitarbeiter des RWI für so objektiv, wie wir uns als Verein für unabhängig halten. Es wird keine Aufforderung von Herrn Kuhnt geben "Schreibt was gegen die PV, dann bekommt ihr Geld". Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass Politik und Medien das RWI für objektiv halten, obwohl es das definitiv nicht sein kann - auch wenn keine böse Absicht von Seiten der RWI-Mitarbeiter vorliegt. Die finanziellen und personellen Verflechtungen zwischen Unternehmen und Instituten bzw. der Politik aufzudecken, und die damit einhergehende unvermeidliche Voreingenommenheit zu berücksichtigen, wäre die Aufgabe unabhängiger Journalisten.

Photovoltaik sei ein Geschäft, in dem hohe Gewinne gemacht werden

Die Photovoltaik-Industrie startete, wie viele Zukunftsbranchen, klein, vielleicht auch getrieben von einigem Idealismus. Mittlerweile ist sie den Kinderschuhen entwachsen. Die Manager der Branche fahren ebenso hochmotorisierte Autos wie die von DAX-Unternehmen. Zunehmend investiert "großes" Kapital in Solarenergieunternehmen. Die Branche verfügt über eine schlagkräftige Lobby, ebenso wie andere Branchen. Photovoltaik ist ein Geschäft!

Der SFV hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich genau das wünscht: die PV als Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ohne Gewinnaussichten wird kein großer Industriezweig aufgebaut. Ob die Manager der Branche ihr verdientes Geld in hochmotorisierte Autos stecken, sollte nicht diskussionswürdiger sein als in anderen Branchen. Jedenfalls taugt es nicht als Argument pro oder contra niedrigere Einspeisevergütungen.

Leider sieht es nicht in allen Bereichen der Photovoltaik-Branche wirtschaftlich so gut aus: Das Solarhandwerk in Deutschland - also die Firmen, die die fertigen Solarmodule auf den Dächern und an den Fassaden montieren - macht vergleichsweise geringe Gewinne, weil es schon bisher gezwungen war, seine Preisangebote jedes Jahr um 5 Prozent zu verringern, obwohl die Solarmodulpreise keineswegs dermaßen schnell im Preis heruntergingen und das Preis- und Lohnniveau eher sogar anstieg.

Es sei unerklärlich, warum der SFV, der die Interessen der Käufer von Solaranlagen vertritt, sich für hohe Solarmodulpreise einsetzt.

Der SFV streitet nicht für dauerhaft hohe Preise, sondern für eine möglichst schnelle Ausweitung der Produktion im Interesse langfristig(!) niedrigerer Preise. Was wir ablehnen, ist eine Reduktion der Einspeisevergütung, die die Gewinne der Produzenten so weit verringert, dass diese ihr Interesse an einer Ausweitung der Produktionskapazitäten verlieren.

Wenn sich herausstellt, dass die Solarstromproduktion zu teuer gefördert wird, könne die gesamte Förderung erneuerbarer Energie in Misskredit geraten.

Sollte die PV "zu teuer" gefördert werden, wäre das natürlich ein Grund sie zu reduzieren. Schließlich steckt das in dem Wort "zu" bereits drin, dass man etwas ändern sollte. Darüber kann es keine sinnvolle Diskussion geben.

Hier wird jedoch mit anderen Worten gesagt: "Es könnte sein, dass die PV zu teuer gefördert wird.", und aus diesem bloßen Verdacht wird die Notwendigkeit abgeleitet, die Förderung zu reduzieren, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer angenommenen, zukünftigen Volksmeinung, die aber gerade durch die Veröffentlichung des Verdachtes angeheizt wird.

Man kann nur an die Verantwortung von Journalisten und Politikern erinnern. Damit ihre Arbeit nicht zu reiner Meinungsmache gegen die Photovoltaik ausartet, sollten sie zunächst einmal verlässlich feststellen, ob(!) die PV zu teuer gefördert wird - und zwar bevor sie eine Senkung der Vergütungssätze fordern.

Laut einer Nachhaltigkeitsstudie der Bank Sarasin vom November 2007 betrage das weltweite Marktwachstum zwischen 2005 und 2010 jährlich 50 Prozent; Deutschland sei aktuell und bliebe auch perspektivisch der größte Absatzmarkt mit durchschnittlichen jährlichen Zuwachsraten von 25 Prozent.

Zunächst einmal ist das ein Widerspruch in sich. Wenn die Welt um 50% jährlich wächst, kann Deutschland mit 25% "perspektivisch" nicht der größte Markt bleiben.

Davon abgesehen basieren alle Schätzungen über die zukünftige Entwicklung auf der Annahme, dass es in den letzten Jahren einen "Boom" bei der Installation von Solaranlagen gegeben habe. Für das Jahr 2005 stimmt das sogar noch. Aber bereits im Jahr 2006 gab es überhaupt keinen Zuwachs mehr, sondern gemäß Bundesnetzagentur ein Schrumpfen von 928 MW (2005) auf 854 MW (2006).
Über die weitere Entwicklung im Jahr 2007 gibt es nur Schätzungen. Diese liegen zwischen 1600 MW (Anne Kreutzmann, Chefredakteurin von Photon)[2] und ca. 900 MW (SFV). Also zwischen Stagnation und Boom.
Politik und öffentliche Wahrnehmung gehen wie selbstverständlich von einem anhaltenden Boom aus, obwohl es dafür bis heute keinerlei Belege gibt. Die Zahlen der Energieversorger, die der SFV ausgewertet hat, sprechen eher für Stagnation. Auch unsere Annahme ist nicht beweisbar. Aber wir werfen der Politik vor, eine weitreichende Entscheidung auf Basis purer Mutmaßungen gefällt zu haben, anstatt die Energieversorger zu verpflichten, beizeiten belastbare Daten zur Verfügung zu stellen.

Im Widerspruch zu der oben genannten Studie aus dem selben Bankhaus bestätigten die Sarasin-Nachhaltigkeits-Analysten in ihrer sieben Monate vorher veröffentlichten vierten Solar-Studie vom April 2007 "Licht- und Schattenseiten einer boomenden Industrie" die Warnung des SFV. Dort heißt es wörtlich: "So haben vor allem in Deutschland die hohen Preise und die reduzierte Einspeisevergütung zu einer geringeren Nachfrage geführt" [3]

Bereits in der vorangegangenen dritten Solarstudie von Sarasin war prognostiziert worden, dass der Anteil Deutschlands an der weltweit installierten Photovoltaikleistung von heute (4.11.2005) 43 Prozent auf sechs Prozent im Jahr 2020 abnehmen wird [4].

Wer die anfangs erwähnte optimistische Nachhaltigkeitsstudie von Sarasin [5] allerdings bis zum Ende durchliest, findet auf Seite 57 dann eine alarmierende Aussage:

"(...) Wegen technischen Fortschritten und <<Economics of Scale>> werden die Kosten für PV-Anlagen in Zukunft deutlich sinken. Wir gehen von einer durchschnittlichen jährlichen Kostenreduktionsrate von 5% bis 2020 aus, was der momentanen Abnahme der deutschen Einspeisevergütung entspricht. Danach sinkt die jährliche Kostenreduktion auf 4%. (...)"

Also Sarasin sieht die bisher gültige Degression der Vergütung von 5% im Einklang mit der Kostenentwicklung. Wenn wir die Ergebnisse dieser Studie Ernst nehmen, bedeutet das, dass sich Deutschland mit seiner gerade beschlossenenen 8% - oder 9% Degression der Solarstromvergütung aus der Photovoltaik verabschiedet.

Selbst diejenigen, die unter Berufung auf die Nachhaltigkeitsstudie die bisherige Solarstromvergütung für zu hoch gehalten haben, müssten dann konsequenter Weise wieder eine Verminderung der Degression fordern.

Die CO2-Vermeidungskosten lägen jenseits von Gut und Böse

Wir halten das für eine kurzsichtige Betrachtungsweise. Klimapolitisch brauchen wir die Photovoltaik weltweit. Sie ist in einem zukünftigen Energiesystem unverzichtbar. Die Vorstellung, wir könnten uns für die nächsten 10 oder 20 Jahre auf "billigere" Möglichkeiten der CO2-Reduktion beschränken, ignoriert die Dringlichkeit des Klimawandels. Die Entwicklung der Photovoltaik muss heute energisch vorangetrieben werden, damit sie morgen in großem Maßstab zur Verfügung steht. Das ist eine Frage der Zukunftsvorsorge. Da der freie Markt keine Zukunftsvorsorge leisten kann, benötigt die Photovoltaik eine Markteinführung mit dem mittelfristigen Ziel, sie durch Anregung der Massenproduktion preisgünstiger und damit konkurrenzfähig zu machen. Bis dahin kostet die Markteinführung zusätzliches Geld.

Fußnoten

[1] In der ursprünglichen Fassung dieses Beitrages wurde hier der ehemalige Vorstandsvorsitzende der RWE AG, Dr. Dietmar Kuhnt, genannt. Nachtrag vom 17.07.2008: Nachfolger von Dietmar Kuhnt in seiner Funktion als Präsident der Freunde und Förderer des RWI ist nunmehr Dr. Rolf Pohlig, Finanzvorstand der RWE AG. Er wurde zugleich zum stellvertretenden Vorsitzenden des RWI-Verwaltungsrats gewählt. Die Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Essen hat Herrn Pohlig zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Pressemitteilung des RWI vom 4.6.2008



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