Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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16.10.2014, Rüdiger Haude:

Bild erklärt die Kurve der Wut

SFV-Kommentar zum Artikel in BILD: "Warum zahlen wir so viel für Strom? - BILD erklärt die Kurve der Wut"

Bild-Artikel: http://www.bild.de/geld/wirtschaft/strompreis/warum-zahlen-wir-so-viel-38157304.bild.html
 

Die Bild-„Zeitung“ ist das auflagenstärkste Printmedium in Deutschland. Sie erreicht über 12 Millionen Leser. Diese Medienmacht sollte eigentlich mit besonderem Verantwortungsgefühl der „Bild“-Macher quittiert werden; aber bekanntlich ist es genau andersherum: „Bild“ baut seinen Erfolg darauf auf, für komplizierte Probleme einfache Scheinerklärungen anzubieten. Dabei wird nebenbei ziemlich kräftig Politik gemacht. Zwischen Fußball, nackten Frauen und Skurrilitäten werden die Leser mit einer konservativ-populistischen Weltsicht geimpft, die eine vernünftige Sicht auf die Probleme dieser Welt verbaut. Was den Mächtigen bei „Bild“ nicht gefällt, erhält reflexartig das Etikett „Irrsinn“ – drunter geht es nicht.

So auch auf dem Gebiet der Energiepolitik, also beim „Strom-Irrsinn“. Am 15. Oktober 2014 konnte man anlässlich der Mitteilung der Übertragungsnetzbetreiber über eine leichte Absenkung der EEG-Umlage auf bild.de einen Beitrag mit der Überschrift lesen: „Warum zahlen wir so viel für Strom? BILD erklärt die Kurve der Wut“.

Die Kurve der Wut, das ist ein Säulendiagramm, das die Strompreisentwicklung seit 1998 zeigt. Und selbstredend erklärt „Bild“ überhaupt nichts, sondern schürt irrationale Gefühle. Das fängt mit der Grafik bereits an. Sie trägt die Überschrift: „So viel kostet uns die EEG-Umlage“. Die Säulen zeigen, dass der Strompreis in einem typischen Drei-Personen-Haushalt von seinem Tiefstand im Jahre 2000 (13,94 Cent pro kWh) bis zum Jahr 2014 auf 29,13 Cent pro kWh gestiegen ist (also nicht „nahezu verdoppelt“, wie „Bild“ schreibt, sondern nominell sogar mehr als verdoppelt). Die Unterteilung der Säulen zeigt jedoch, dass gleichzeitig die EEG-Umlage von 0,2 Cent pro kWh auf 6,24 Cent pro kWh angestiegen ist, also um 6,04 Cent. Für die übrigen 9,15 Cent pro kWh der Preissteigerung sind also andere Ursachen verantwortlich. Dass es die Erzeugung, der Transport und Vertrieb von Strom nicht sind, kann man der Grafik ebenfalls entnehmen: Dieser Posten ist 2014 gegenüber 2013 sogar gesunken. Der Strompreisanstieg seit 2000 geht laut Tabelle zum großen Teil auf die Erhöhung von Stromsteuer, Mehrwertsteuer und verschämt unter „sonstige“ subsumierte Kostenfaktoren zurück. Aber all dies kann dem Auge des „Bild“-Lesers egal sein: Durch die Farbwahl, welche die EEG-Umlage in feuerrot, alle anderen Faktoren in angenehm gemäßigten Farbtönen darstellt, wird die unpassende Überschrift optisch beglaubigt.

Im weiteren Text bekräftigt die Autorin des Artikels, Anne Merholz: „Ein Preistreiber: die Öko-Umlage.“ Durch den unbestimmten Artikel „ein“ wird der Kritik vorgebeugt, man argumentiere monokausal; aber alles ist darauf ausgelegt, dass der durchschnittliche „Bild“-Leser, dessen „Kurve der Wut“ man ja eher erzeugen als „erklären“ will, diese Feinheit überliest. Deshalb werden auch keine anderen „Preistreiber“ namhaft gemacht. Zur Bildung der EEG-Umlage erfahren die Leser: „Mit der Umlage wird der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland finanziert. Sie wird auf den Strompreis aufgeschlagen.“ „Bild“ verschweigt, wem sie aufgeschlagen wird (nämlich den Normalverbrauchern) und wem nicht (den stromfressenden Industrieunternemen). Später wird immerhin noch enthüllt: „Im Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) ist festgelegt, dass Betreiber einer Solar-, Windkraft-, Wasserkraft- oder Biogasanlage nach dem Anschluss ans Netz auf 20 Jahre garantiert eine feste Vergütung erhalten. Davon wird der für den Strom erzielte Preis abgezogen, der Rest wird über die Öko-Umlage aufgefangen.“ Dass demzufolge ein Großteil der Umlagen-Erhöhung auf die Senkung des Börsen-Strompreises zurückzuführen ist, der seinerseits ein Ergebnis des Erfolgs der regenerativen Energien darstellt, wird allerdings nicht an die große Glocke gehängt. Dann müssten die „Bild“-Leser sich ja fragen, wieso die EEG-Umlagenerhöhung stets unvermindert an die privaten Endkunden weitergereicht wird, der gesunkene Börsenpreis für Strom aber nicht.

Stattdessen erfahren die „Bild“-Leser noch: „Die Milliardenförderung ist hoch umstritten, da sie zu Wettbewerbsverzerrungen führt.“ Wiederum würde man ja gerne hören, wie es mit den anderen, viel umfangreicheren Milliardenförderungen im Stromsektor bestellt ist, vor allem für Atom- und Kohleenergie. Diese stehen nicht auf der Stromrechnung, weil sie durch Steuermittel aufgebracht werden und dadurch besser der Aufmerksamkeit entzogen werden können. 2012 hätten sie, auf den Strompreis umgelegt, mehr als 10 Cent pro kWh betragen, wie eine Studie des „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft“ ergab. Auch der für die Energiewende kontraproduktive Neubau von Höchstspannungstrassen, der von den Stromkunden (außer der wiederum davon befreiten energieintensiven Industrie) aufzubringen ist, ist der „Bild“-Autorin keinen Skandalsatz wert.

Ebensowenig befragt Frau Merholz den gegenwärtigen Luxus, zwei Stromversorgungssysteme gleichzeitig zu betreiben, auf seine psychopathologischen Implikationen („Irrsinn“). Deutschland betreibt heute gleichzeitig ein halb fertiges System mit Solar- und Windanlagen, bei dem im Grunde nur noch die Stromspeicher fehlen, und leistet sich zusätzlich andererseits ein völlig überaltetes – auf Atomkraft und Braunkohle beruhendes – System, mit dem EON, RWE, Vattenfall und EnBW ihr Geld verdienen und in das zur Erhaltung und „Modernisierung“ (Braunkohleerschließung usw.) immer noch weiter Geld hineingesteckt wird. Beide Systeme produzieren gleichzeitig Strom. Und beide passen nicht zusammen, weil Kohle- und Atomkraftwerke nicht hinreichend abgeregelt werden können, wenn genug Strom aus Sonne und Wind vorhanden ist. Immer häufiger muss in Deutschland produzierter Strom deshalb sogar verschenkt werden. Dass die Regierung sich nicht entscheiden kann, diese veraltete Kraftwerksstruktur zügig abzubauen, macht den Strompreis so teuer, dass sich einfache Verbraucher mit Recht darüber aufregen.

Eine Boulevardzeitung bzw. ihr Online-Portal könnte theoretisch die „Kurve der Wut“ auf jene preistreibenden und überdies mit Reaktorkatastrophen respektive mit der Klimakatastrophe verknüpften Technologien und deren Subventionierung lenken. Aber ein Boulevard-Medium, das auf der Seite der Vernunft und der Moral stünde, das müsste wohl erst noch erfunden werden. Vielleicht wäre es auch die Quadratur des Kreises.

Und so gehen denn im interaktiven Kommentarbereich von bild.de die Wellen der Wut so richtig hoch – teils übrigens gegen „die Konzerne“, meist gegen „die Politiker, die uns das eingebrockt haben“, teils auch gegen die Solar-und Windkraftanlagen-Betreiber. Bei einem früheren „Strom-Irrsinn“-Beitrag von bild.de las man vor einem Monat auch so fachkundige Informationen wie: „Jeder Windparkbetreiber bekommt Geld. Egal ob der Strom eingespeist wird oder nicht. Bitte vorher Informieren.“ Jetzt fordert einer: „Alle AKWs wieder ans Netz. Das war die sauberste, sicherste und günstigste Energieerzeugung. Ausserdem Fracking in grossem Umfang erlauben. Weg mit den grünen Moralaposteln. Als führende Industrienation braucen wir billigen Strom. Frankreich überf 60 KKW, Deutschland bald 0. !!!Japan!!! baut neue AKWs! nur Deutschland zockt die Bürger ab !!“ (Schreibweise gemäß dem Original) – Brav gelernt, lieber „Bild“-Leser, die Kurve der Wut funktioniert wunschgemäß.

Um eine nachhaltig bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen und die Kosten des Klimawandels in Grenzen zu halten, bräuchten wir aber vielleicht doch eher eine „Kurve des Denkens“.



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