Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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06.08.2015, Rüdiger Haude:

Editorial zum Sonder-Solarbrief 2015

Wir vom Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. engagieren uns mit aller Kraft gegen die Energiegewinnung aus Braunkohle, weil dieser fossile Brennstoff das Klima belastet wie kein zweiter. Der Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel ist das zentrale Motiv unserer Arbeit; und wir sind ein bisschen stolz darauf, dass unsere Ideen und Initiativen dazu beigetragen haben, dass wir in Deutschland heute sehr schnell aus der Kohletechnik aussteigen könnten, weil mit Sonne und Wind zwei saubere, unbegrenzt vorhandene Energiequellen erschlossen wurden. Wenn die Politik nur bereit wäre, an die ursprünglichen großen Erfolge des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) anzuknüpfen und sie mit einem mutigen Förderprogramm zur Markteinführung von Stromspeichern zu ergänzen, dann kämen wir viel schneller auf eine Stromversorgung aus 100 Prozent Erneuerbaren, als die Bundesregierung es in ihren Plänen stehen hat.

Die Bundesregierung wagt es aber nicht, gegen die Front aus Stromkonzernen und einzelnen rückwärtsgewandten Gewerkschaften wirksame Schritte in Richtung eines Ausstiegs aus der Braunkohle zu gehen. Die Entscheidung vom 2. Juli 2015, nur wenige Kraftwerksblöcke abzuschalten und in eine „Kapazitätsreserve“ zu überführen, und dafür die Konzerne mit üppigen „Entschädigungen“ in dreistelliger Millionenhöhe jährlich zu päppeln (wohl 5 Jahre lang), ist ein verheerendes Signal für den Klimaschutz – auch weltweit haben die Anstrengungen dadurch einen empfindlichen Dämpfer erhalten, denn noch immer wird gerade die Entwicklung in Deutschland aufmerksam beobachtet, das noch vor wenigen Jahren als Vorreiter einer Energiewende gelten konnte.

Es kommt deshalb weiter darauf an, dass die Protestbewegungen, die sich dem Klimaschutz verschrieben haben, gegen die Braunkohle kämpfen und den politischen Preis für das Festhalten an dieser schädlichen Energieform in die Höhe treiben. Wir leisten gerne unseren Beitrag dazu – schon aus Sorge um die Entwicklung des Klimas auf unserem Planeten.

Braunkohle ist aber nicht nur der klimaschädlichste fossile Brennstoff, sondern ihre Förderung im Tagebau richtet auch unmittelbar besonders schlimme Verwüstungen an. Wir haben im Jahr 2006 bereits in einem Sonder-Solarbrief eine ausführliche Fotodokumentation über die Zerstörung von Natur und von Siedlungen (damals: vom Ort Otzenrath) durch den rheinischen Braunkohletagebau Garzweiler veröffentlicht. (Mit einer E-Mail an zentrale@sfv.de kann diese ältere Dokumentation bestellt werden.) Der Kultur- und Naturfrevel, den die Riesenbagger anrichten, ließ sich daran ermessen - das mit der "Umsiedlung" verbundene menschliche Leid nur erahnen.

Inzwischen ist das Zerstörungswerk in den drei großen deutschen Tagebau-Revieren - im Rheinland, im mitteldeutschen Revier bei Halle und Leipzig, und in der Lausitz, wo unter anderem auch die alte Kultur der Sorben unter den Baggerschaufeln verschwindet - weiter fortgeschritten. Es ist an der Zeit, wiederum mit einer aktuellen Fotodokumentation daran zu erinnern. Der Fotograf Elmar Aretz hat uns dankenswerterweise Bilder zur Verfügung gestellt, die er im Jahre 2014 in den rheinischen Tagebaugebieten angefertigt hat.

Um die Bilder zu kontextualisieren, haben wir ihnen zwei Texte vorangestellt. Der Umweltpublizist Manfred Kriener hat uns einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er die Geschichte der Braunkohlenutzung in Deutschland aufgearbeitet hat. Dieser Essay, der zuerst Ende Juli 2015 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ gedruckt wurde, erschien uns ideal, um die Momentaufnahmen der Bilder Aretz‘ in einen Entstehungszusammenhang einzubetten. - Ein weiterer Text, von Rüdiger Haude, beschäftigt sich mit dem Skandal, dass mit einer gemeinwohlschädigenden Technik - der Braunkohleverstromung - heute noch Enteignungen von Grundeigentum gerechtfertigt werden können, obwohl solche Enteignungen doch nur „zum Wohle der Allgemeinheit“ zulässig sein dürften.

Aretz legt in seinen Bildern ein besonderes Augenmerk auf die kulturellen Dimensionen dessen, was durch die Zerstörung von Dörfern verloren geht. Auch seine Fotos können nur andeuten, was die Menschen empfinden, die gegen ihren Willen „umgesiedelt“ werden. Aber das Thema ist gesetzt: Was ist das für eine Machtordnung, die mitten im Frieden tausende von Menschen von ihrer Heimat vertreibt, um eine überflüssige, schmutzige Energieform durchzusetzen – weil die meisten Kosten, die diese Energieform verursacht, auf ihre Opfer abgewälzt werden können? Ihre Opfer: Das sind auch die Menschen in der Region, die bei der Förderung und Verbrennung der Kohle durch Quecksilber, Uran und andere Giftstoffe krank gemacht werden, und mehr noch die weltweit von den sich häufenden Extremwetterereignissen und Überschwemmungen betroffenen Menschen.

Es ist höchste Zeit, diesem Skandal ein Ende zu machen. Möge dieser Sonder-Solarbrief seinen Beitrag dazu leisten.

Ihr Rüdiger Haude



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