Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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24.07.2020, Andreas Sanders:

Klimawandel des Anthropozän

Über die brennende Erde, verpasste Chancen und gewissenlose Geschäftemacher

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1,5 Grad oder 2 Grad Klimaerwärmung, das hört sich nicht nach viel an. Tatsächlich hat es im Laufe der rund 4,6 Milliarden Jahre Erdgeschichte ganz erheblich größere Klimaveränderungen gegeben. Die Temperaturveränderung in Grad Kelvin (oder Celsius) ist aber nur eine der bedeutenden Größen. Die früheren Veränderungen der planetaren Gegebenheiten und ihre Auswirkungen auf Grund geologischer Entwicklungen haben sich über eine Dimension von Hunderttausenden und sogar Millionen von Jahren erstreckt. Zeiträume, in denen eine natürliche Anpassung des Lebens an die sich wandelnden Bedingungen möglich war. Durch die Veränderung von Verbreitungsgebieten der Arten entsprechend der Verschiebung der Klimazonen. Bei Tieren durch Wanderung, oder bei Pflanzen im Zuge der natürlichen Verbreitung durch Saat oder Wurzeltriebe. Langsame Prozesse, die bei langsamen Veränderungen der Lebensbedingungen möglich waren. Ein weiterer Prozess waren evolutionäre Entwicklungen, indem sich in Bezug auf veränderte Lebensbedingungen vorteilhafte Mutationen durchsetzen konnten. Auch dafür reichte die Zeit.

Der Zeitraum des anthropozänen Klimawandels umfasst gerade einmal rund 170 Jahre. Das ist gleich ein paar Zehnerpotenzen zu wenig für natürliche Anpassungsprozesse. Dies und die ebenfalls von Menschen verursachte hohe Belastung der Umwelt mit schädlichen Stoffen sind Hintergrund für das aktuell hohe Maß an Artensterben.

Der Beginn dieses Klimawandels entspricht dem Beginn der raschen Ausbreitung des Einsatzes fossiler Energieträger in Industrie, in Haushalten und im öffentlichen Bereich, seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Wahrnehmung, dass der mit der Industrialisierung einhergegangene Wohlstand an die Nutzung von fossilen Energieträgern gekoppelt ist, basiert auf Gewöhnung, hat aber längst keinen sachlichen Zusammenhang mehr. Dennoch macht es die Transformation hin zu einer ressourcenschonenden regenerativen Wirtschaftsweise so schwierig.

Die Entwicklung der Temperatur ist naturgesetzlich an den Gehalt von Treibhausgasen in der Atmosphäre gekoppelt. Das ist der Hintergrund, warum so relativ konkret von einem verbleibenden Treibhausgas-Budget gesprochen werden kann, bis zum Erreichen einer global gemittelten Erwärmung um 1,5 Grad oder 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Dieses Budget kann man in Gigatonnen (Gt, Milliarden Tonnen) bezogen auf die Gesamtatmosphäre angeben, oder als relativen Anteil an einer definierten Menge der Atmosphäre. Die Darstellung des relativen Anteils als "parts per million" (ppm), also Anteile Treibhausgas pro Million Atmosphären-Anteile, verdeutlicht eindrücklicher wie stark die Atmosphäre mit Treibhausgasen bereits ausgereizt ist (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Missbrauch der Atmosphäre als Deponie. Es steht unmittelbar bevor, die Belastbarkeit der Atmosphäre für eine 1,5-Grad-Erwärmungsbegrenzung zu überschreiten.

Abb. 1: Missbrauch der Atmosphäre als Deponie. Es steht unmittelbar bevor, die Belastbarkeit der Atmosphäre für eine 1,5-Grad-Erwärmungsbegrenzung zu überschreiten.
© Andreas-Sanders.com (Nutzung nur im Zusammenhang mit S4F- und FFF-Aktivitäten erlaubt, CC BY-SA 4.0)


Die Grenzwerte 1,5 Grad bzw. 2 Grad sind nicht willkürlich festgelegt, sondern orientieren sich an Gefährdungsstufen von Lebensbedingungen und damit Lebensräumen. Zum Beispiel die starke Schädigung bzw. den Verlust von Warmwasser-Korallenriffen, die Abnahme bzw. das unumkehrbare Schwinden von Permafrost, oder der starke Rückgang bzw. Verlust des arktischen Meereises.

Gefährliche Auswirkung hat die Klimaerwärmung bereits auf Bodenfeuchte und Grundwasserspiegel. Verbreitet hat Bodenwassermangel zu Waldschäden geführt. Zunehmende Dürrephasen führen häufiger zu Waldbränden. Den größten gab es im Südsommer 2019/2020 in Australien, bei dem eine Fläche abgebrannt ist, die etwa einem Drittel der Größe von Deutschland entspricht. Neben dem Schaden an der Vegetation wird geschätzt, dass über eine Milliarde Tiere auf Grund des Feuers umgekommen sind.

Auch die riesigen Inlandeismassen der Polarregionen sind längst dramatisch vom Klimawandel betroffen. Sie sind von zentraler Bedeutung für das Klimasystem und damit für die Lebensgrundlagen. Das Eis der Polarregionen wirkt wie ein großer Kühlschrank. Der Kontrast zur Hitze der äquatornahen Breitengrade sorgt für globale Luftströmungen. Sie transportieren immense Energiemengen und stellen eine weitere Säule des Klimasystems dar.

Schon der heutige klimaerwärmungsbedingte Verlust alleine vom grönländischen Inlandeis durch Abschmelzen hat eine Dimension erreicht, dass – wäre es logistisch möglich – mit dem in der etwa vier Monate dauernden Schmelzsaison abfließenden Schmelzwasser die gesamte Weltbevölkerung das ganze Jahr über auf dem Niveau Deutschlands mit Trinkwasser versorgt wäre (Abb. 2).

Abb. 2: Der klimaerwärmungsbedingte Eisverlust vom Grönländischen Eisschild – begreifbar gemacht.

Abb. 2: Der klimaerwärmungsbedingte Eisverlust vom Grönländischen Eisschild – begreifbar gemacht.
© Andreas-Sanders.com (Nutzung nur im Zusammenhang mit S4F- und FFF-Aktivitäten erlaubt, CC BY-SA 4.0)


Derzeit liegt die global gemittelte Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung bei etwas über 1 Grad. Das verbleibende Budget, das eine Erwärmung um 2 Grad und den damit verbundenen Verlusten an Lebensraum bewirken wird, beträgt rund 1070 Gt CO2. Eine Erwärmung um 1,5 Grad ist die Folge, wenn ein Restbudget von nur noch rund 320 Gt CO2 ausgeschöpft ist. Die gegenwärtigen rund 42 Gt globale Emissionen jährlich zu Grunde gelegt, ist die Zeit bis zum Eintreten unkalkulierbarer Folgeschäden ca. Ende 2027 verstrichen. (Zahlen bezogen auf Mai 2020.) In ppm ausgedrückt: Übers Jahr gemittelt sind bereits 410 ppm CO2-Gehalt in der Atmosphäre erreicht – gemittelt 430 ppm haben eine Erwärmung um 1,5 Grad zur Folge. Vorindustriell lag der Gehalt bei 287 ppm CO2 (vgl. Abb. 1).

Trotz mancher (halbherzigen) Bemühungen, die Emissionen zu senken, ist global unverändert eine deutliche Zunahme der Treibhausgasemissionen zu beobachten. Die Atmosphäre wird als Deponieraum missbraucht.

Das sind alles global gemittelte Werte. Tatsächlich geschieht die Erwärmung jedoch sehr unterschiedlich über den Globus verteilt. In Deutschland zum Beispiel sind 1,5 Grad im Jahresmittel bereits überschritten, in der Arktis liegt die Erwärmung nahezu flächendeckend längst jenseits von 2 Grad und mancherorts bereits über 3 Grad (jeweils übers Jahr gemittelt).

Unter anderem dieser Aspekt macht es schwierig, verschiedenen Regionen bzw. Ländern unterschiedliche Restbudgets zuzuordnen. Die Arktis z.B. ist nur dünn besiedelt und hat nur wenig Industrie und damit wenig Emissionen, aber die dort lebenden Menschen sind weit überproportional von den Klimawandelfolgen betroffen.

Die verschiedenen Entwicklungsniveaus erschweren eine Aufteilung des Restbudgets auf die Länder des Nordens und des Südens, des Westens und des Ostens zusätzlich. Mit den Entwicklungsniveaus sind auch die historischen Emissionen angesprochen. Gemeinhin werden die historischen Emissionen in den verschiedenen diskutierten Ansätzen und Modellrechnungen nicht berücksichtigt, bzw. nur in Form eines ansatzweisen Ausgleichs, dass die Industrienationen Emissionsreduzierungen ambitionierter, das heißt schneller und umfangreicher erreichen sollen als weniger industrialisierte, historisch und aktuell benachteiligte Länder.

Eine volle Berücksichtigung der kumulierten historischen Emissionen hieße, der industrialisierte Teil der Welt lebt längst über die Verhältnisse, das heißt auf Kreditbasis zu Lasten der wenig industrialisierten und ärmeren Länder.

Alternativ wird auch eine Aufteilung des Emissionsbudgets pro Kopf der Weltbevölkerung als Möglichkeit angesehen. Andere Betrachtungen ziehen einen Schnitt, z.B. zeitlich da, ab wann das Problem der anthropogenen Klimaerwärmung bekannt ist, bzw. zwischenstaatlich diskutiert wird. Also zum Beispiel beim Jahr 1990. Im Jahr 1992 gab es die große "Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung" in Rio de Janeiro, auf der die Klimarahmenkonvention vereinbart wurde.

Es wäre auch möglich, das Jahr 1896 für einen Schnitt zu wählen. Es ist das Jahr, in dem Svante Arrhenius beschrieben hat, dass eine Erhöhung des CO2-Gehaltes in der Luft das Klima aufheizen könne, und er die Verbrennung fossiler Energieträger als mögliche Ursache erkannte. Es gibt also keine scharfe Definition für einen unumstrittenen Schnitt, ab dem nationale oder auch pro Kopf Emissionsbudgets berechnet werden könnten.

Ein Perspektivwechsel lohnt an dieser Stelle. Der "Entwicklungsvorsprung" der industrialisierten Welt verdient selbst eine kritische Hinterfragung. Die Wahrnehmung als "Vorsprung" basiert auf dem Wertesystem des industrialisierten Teils der Welt. Es ist ein menschengemachtes Wertesystem und es steht in harschem Kontrast zur Natur, deren Wirkmechanismen auf Naturgesetzen beruhen.

Alles was in der Natur geschieht sind Prozesse, die darauf ausgerichtet sind, unterschiedliche Energieniveaus auszugleichen. Alle Erscheinungsformen in der Natur sind Ausdruck von Ausgleichsgeschehen. Das steckt in Gebirgen, Auenlandschaften, Wäldern, Bächen und Flüssen, in der Luft, in Wolken, in den Meeren. Auch Vulkanausbrüche und Erdbeben sind Energieausgleichsereignisse. Es ist der Grundsatz in einfach allem Naturgeschehen. Sogar über die Erde hinaus bis in den Weltraum. Vollständiger Ausgleich wird jedoch nicht erreicht, weil die Erde täglich im Laufe von 24 Stunden einmal rundherum mit dem Sonnenlicht einen Energiezufluss erfährt. Das hält das komplexe System von Energieflüssen in Form von Luft- und Wasserströmungen in Gang, die Einfluss auf alle weiteren Prozesse auf der Erde haben. Sie sind der Antrieb für natürliche Entwicklung auf der Erde, in einem dynamischen Band von Bedingungen ablaufend.

Dem stehen menschengemachte Ordnungssysteme gegenüber. Mit der ihnen innewohnenden Hybris, über der Natur oder unabhängig von der Natur zu stehen, versagen sie. Sie überlasten das dynamische Gleichgewichts- bzw. Ausgleichssystem der Natur des ganzen Planeten Erde. Die Klimakrise ist eine der 'Antworten' darauf. Auch sie ist ein Ausgleichsprozess. Jedoch gegen die Menschen gerichtet – von Menschen selbst verursacht.

In der Abb. 3 sind die "warming stripes" als Zeitskala sowie die graphische Darstellung der global gemittelten Temperaturerhöhung mit einer kleinen Auswahl von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Unternehmensentscheidungen und internationalen sowie nationalen deutschen politischen Ereignissen korreliert. Es ist auffällig, wie dramatisch das Problembewusstsein in der politischen Auseinandersetzung der tatsächlichen Krisenentwicklung hinterherhinkt.

Abb. 3 „Warming stripes“ und kleine Chronik der Klimakrise sowie verpasster Chancen

Abb. 3 „Warming stripes“ und kleine Chronik der Klimakrise sowie verpasster Chancen
© Andreas-Sanders.com (Nutzung im Zusammenhang mit S4F- und FFF-Aktivitäten erlaubt, CC BY-SA 4.0), Daten aus NASA/GISS/GiSTemp v4


Das Handeln der Menschen auf der Erde hat Unterschiede zwischen Lebewesen, Menschen, Nationen und Regionen in vielerlei Hinsicht größer gemacht als sie jemals vorher waren. Allem voran das wirtschaftliche Handeln, und zunehmend mehr auch wieder die Politik, folgen Denkmodellen, die von den Grundlagen der Natur entkoppelt sind. Denkmodelle, die außer Waren und (vermeintlichen) Ordnungen auch z.B. Armut, Burn-Out, Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung und Kriege produziert haben. Gerade aus ihrer unnatürlichen Begrenztheit heraus.

Warum sind Wachstum und Gewinn die zentralen Messgrößen für 'Erfolg'? Warum nicht Ressourcenschonung und Recycling? Warum nicht gleiche Beteiligung aller Mitwirkenden an den Erträgen des Erschaffenen? Warum ist der Ausgleich verursachter Natur- und Umweltschäden nicht obligatorisch Aufgabe der Verursacher und die Erfüllung dieser Aufgabe eine der Messgrößen für Erfolg? Und warum nicht das Maß, in dem Gleichberechtigung, z.B. der Geschlechter, gelebt wird? Warum nicht die Übernahme sozialer Verantwortung für alle Beteiligten aller Etappen von der Rohstoffgewinnung bis zu einem fertigen Produkt, egal wo auf der Erde jeweils ein Teil davon stattfindet? Kriterien solcher Art gleichwertig in Bilanzen integriert, würde z.B. Wirtschaftsindizes aus abstrakten Denkmodellen herausholen und in einen realen Bezug zu Leben, Natur und Umwelt stellen.
Ein Blick auf die fossilen Energieträger verdeutlicht das Problem der gegenwärtig isolierten bzw. abstrakten Wertbeimessung (Abb. 4). Seit Beginn der Industrialisierung sind über 2200 Gt CO2 aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas in die Atmosphäre gelangt. Das Restbudget für das 1,5-Grad-Limit beträgt rund 320 Gt CO2. Dem stehen aber noch abbaubare fossile Energieträger in großem Überfluss gegenüber. Genutzt, das heißt verbrannt, würden sie rund 15000 Gt CO2 produzieren. Die Lagerstätten befinden sich papiermäßig in privatem oder staatlichem Besitz. Dieser 'Besitz' wird mit Profit gleichgestellt.

Abb. 4 Kohlenstoff – Ressourcen, verbrannt, Restbudget

Abb. 4 Kohlenstoff – Ressourcen, verbrannt, Restbudget
© Andreas-Sanders.com (Nutzung nur im Zusammenhang mit S4F- und FFF-Aktivitäten erlaubt, CC BY-SA 4.0)

Nach wie vor wächst der globale Primärenergieverbrauch schneller als Erneuerbare Energien ausgebaut werden. Das garantiert den fossilen Absatz und Profit. Profitabel ist das Geschäft auch, weil ein sonst üblicher Rechtsgrundsatz – Ausgleich für Schaden – nicht (oder nur weit unzureichend) zur Anwendung kommt. Die Preise für fossile Energieträger enthalten keinen angemessenen Ausgleich für die mit der Nutzung entstehenden Schäden. Die Schäden, also die Klimakrise und ihre Folgen, sowie das kleine Emissions-Restbudget offenbaren: Der 'Besitz' von fossilen Energieressourcen im Boden ist wertlos. Denn ernsthafter Klimaschutz bedeutet, die fossilen Energieressourcen müssen im Boden bleiben. Dies ist eine entscheidende Hürde auf dem Weg zu Klimaschutz und nachhaltigem Leben – jedoch politisch bislang unbeachtet.

Eine Versicherung abzuschließen, zum Beispiel gegen sogenannte Elementarschäden, wozu auch die auf Klimaerwärmung zurückzuführenden Schäden zählen, hat etwas von einer Wette. Keine Wette, mit Aussicht auf einen glücklichen Gewinn, den die übrigen Einzahler mitfinanzieren. So eine Versicherung ist eine Wette auf das Ausbleiben eines schädlichen Ereignisses, dessen Ausgleich, sollte es doch eintreten, von den anderen Versicherten mitfinanziert wird.

Leider liegen keine vollständigen Zahlen für dieses Wettgeschäft vor, aber immerhin Zahlen über die global gesamten und die versicherten Schadensfälle und –summen (veröffentlicht von der Münchener Rückversicherung).

1980-1989: durchschnittlich 32 klimawandelbedingte Elementarschadensereignisse pro Jahr (326 von 2924 gesamt)

2010-2019: durchschnittlich 72 klimawandelbedingte Elementarschadensereignisse pro Jahr (718 von 6887 gesamt)

Über gleitende Zehnjahreszeiträume gemittelt sind gut 10 % aller Schadensereignisse klimaerwärmungsbedingt.

Im Jahr 2019 betrug die Gesamtschadenssumme aus 820 Naturkatastrophen global rund 150 Mrd. US-Dollar. Davon waren 52 Mrd. US-Dollar versichert. Rund 10 Prozent der Schadensereignisse sind als klimatologische Ereignisse eingestuft. Von den hydrologischen und meteorologischen Ereignissen sind außerdem einige durch die Klimaerwärmung verstärkt worden.

Die Zahlen haben mich veranlasst, der Versichtungswette eine andere Rechnung gegenüberzustellen. In erster Linie, um Dimensionen zu verdeutlichen. Die Höhe der Versicherungsbeiträge global in Bezug auf Elementarschäden ist nicht bekannt, liegt aber natürlich erheblich höher als die versicherte Schadenssumme. Die folgende Rechnung geht nur von der versicherten Schadenssumme aus. Und zwar nur entsprechend des Anteils der Schäden, die als klimabedingt eingestuft sind. Vereinfacht ist das hier mit 10% des Versicherungsschadens gleichgesetzt, also 5,2 Mrd. US-Dollar bzw. umgerechnet etwa 4,6 Mrd. Euro. Mit diesem Geld könnten gut 15 Mio. Quadratmeter Photovoltaikanlagen fertig installiert werden. Die produzieren innerhalb eines Jahres annähernd 2,5 Mrd. Kilowattstunden Strom und würden damit rund 2,85 Mio. Tonnen CO2-Emissionen aus z.B. Braunkohleverstromung verhindern, bereits im ersten Betriebsjahr. Mit einer Fortsetzung dieses Ausbaus der Photovoltaik – eine im Vergleich zu vielem anderen Geschehen eher kleine Investition - würden im Laufe des 10. Jahres mit dem dann erreichten Anlagenbestand rund 30 Mio. Tonnen CO2-Emissionen vermieden werden können; mit jedem weiteren Jahr weiter wachsend. Unabhängig wo die Photovoltaik installiert würde (idealerweise dort wo sie besonders effektiv funktioniert), im Vergleich zu einer vagen Wette eines begrenzten Personenkreises, wäre sie Fortschritt und Gewinn für alle Menschen.

Natürlich würde den Versicherungen auf solche Weise vordergründig fetter Geldgewinn entgehen. Langfristig, aufrichtig und im Sinne der Kunden bzw. Menschen gedacht, könnten sich die Versicherungsvorstände jedoch nur freuen über solche Investitionen mit Emissionsreduzierungsgarantie. Und sie würden trotz finanzieller Einbuße dennoch profitieren, zusammen mit allen anderen – mit verbesserter Zukunftsperspektive und Lebensqualität für sich, ihre Kinder und Enkel. Das würde im Gegensatz zur Versicherungswette sogar Nachhaltigkeitskriterien erfüllen.

So eine Vergleichsrechnung zur Verdeutlichung von Dimensionen kann man auch für klima- und umweltschädliche Subventionen aufstellen (Abb. 5). Das waren in Deutschland in den letzten Jahren jährlich umgerechnet etwa 610 Euro pro Einwohner, vom Säugling bis zum Greis. Zusammen rund 51 Mrd. Euro pro Jahr.

Abb. 5 Wenn schädliche Subventionen sinnvoll investiert würden. Die Vergleichsrechnung macht deutlich wieviel Klimaschutz möglich wäre.

Abb. 5 Wenn schädliche Subventionen sinnvoll investiert würden. Die Vergleichsrechnung macht deutlich wieviel Klimaschutz möglich wäre.
© Andreas-Sanders.com (Nutzung nur im Zusammenhang mit S4F- und FFF-Aktivitäten erlaubt, CC BY-SA 4.0)


In den Ausbau der Photovoltaik investiert, würde schon nach etwas mehr als drei Jahren eine Emissionsreduzierung erreicht, die im Klimaschutzgesetz für den Energiesektor für die nächsten zehn Jahre, also bis 2030, vorgesehen ist. Würde eine solche Investition sofort begonnen, jährlich fortgesetzt, und damit die fossilen Energieträger in der Reihenfolge Braunkohle – Steinkohle – Erdöl – Erdgas in der Stromerzeugung ersetzt, wäre die jährliche Emissionsreduzierung dieser einzelnen Maßnahme nach sieben Jahren zunehmend größer als die der Energiewirtschaft im jeweiligen Jahr laut Klimaschutzgesetz zugestandenen Emissionen.

Das ist in solch absoluter Form leider nicht umsetzbar, nicht so kurzfristig. Die Vergleichsrechnung soll verdeutlichen, in welcher Dimension an Entscheidungen und Verfahrensweisen festgehalten wird, obwohl sie längst als fehlgeleitet und schädlich entlarvt sind, und wieviel Potential für konkreten effektiven Klimaschutz damit ungenutzt geblieben ist und weiterhin verloren geht.

Längst ist die Zeitspanne verstrichen, in der noch relativ entspannt gut realisierbare Maßnahmen zur Verlangsamung bis hin zum möglichen Anhalten der Klimaerwärmung hätten durchgeführt werden können. Der erforderliche Aufwand und die Kosten für die Erhaltung der Lebensgrundlagen haben sich im Laufe der ungenutzten Zeit potenziert. Es sind nicht nur umfangreiche Anpassungsmaßnahmen an die auf lange Zeit bereits unabwendbaren Klimawandelfolgen erforderlich geworden. Wir stehen auf der Schwelle, dass die Einhaltung der im Abkommen von Paris verbindlich festgeschriebenen Grenzen der Klimaerwärmung, die wie dargestellt begründet und einzuhalten sind, nur noch mit Rückholung von Treib-hausgasen aus der Atmosphäre realisierbar sein wird. Vielleicht sogar nur bis Ende des laufenden Jahrhundert, nachdem sie erst einmal überschritten werden. Die Treibhausgasrückholung könnte unausweichlich werden, weshalb auch Forschung in diese Richtung leider zwingend geworden ist.

Es gibt verschiedene technische Überlegungen und Ansätze zur Treibhausgasrückholung (CDR – carbon dioxide removal). Kein Verfahren ist jedoch ausreichend getestet. Mit ihnen verbundene neue Umweltrisiken sind möglich und nicht genügend erforscht. Ob ein oder mehrere solcher Verfahren ausreichend skalierbar sind, um erforderliche Treibhausgasmengen aus der Atmosphäre zu entnehmen, ist noch nicht bekannt. Folglich ist auch unbekannt, wann überhaupt mit der Rückholung nennenswerter Mengen von Treib-hausgasen aus der Atmosphäre begonnen werden könnte. Verstreichende Zeit, in der die Atmosphäre weiterhin als Deponie missbraucht wird, weil die früheren Möglichkeiten der Emissionsreduzierung und die begründeten Warnungen der Wissenschaftler vor den Klimawandelfolgen von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsbeauftragten und –verantwortlichen missachtet wurden. Bekannt ist, dass jede bisher angedachte Lösung zu Anpassungsmaßnahmen und Treib-hausgasrückholung erheblich teurer wird als die bekannt gut machbare Vermeidung von Emissionen jemals gewesen wäre.

Auf mangelndes Wissen kann sich kein politisch oder wirtschaftlich Beteiligter berufen. Wissenschaftliche Veröffentlichungen zu den Gefahren der Klimaerwärmung gab es frühzeitig und in großer Zahl. Und im wesentlichen gleichlautende Studien wurden von den Entscheidungsträger*innen und -verantwortlichen selbst in Auftrag gegeben.

Schon jetzt, mit der gegenwärtigen Erwärmung, hat die Menschheit in das Natursystem – das "System Erde" – sehr stark verändernd eingegriffen. Die Entwicklungen, die in Gang gesetzt sind, hören, sogar wenn die Temperaturgrenze von 1,5 Grad Erwärmung in letzter Sekunde noch eingehalten werden sollte, nicht auf, sondern sind bis dann noch weiter verstärkt. Dazu gehören, nur als ein paar Beispiele, die eingangs genannten Prozesse wie der immense Verlust von Land- und Meereis in den Polarregionen, der rasante Verlust von Permafrost, die in Zahl und Ausmaß zunehmenden Dürre- und Waldbrandereignisse, der Verlust in der Biodiversität und viele mehr. Direkt oder indirekt ist das alles Geschehen, das – ohne dass wir es aufhalten könnten – weiter erwärmend auf das Klima wirkt.

Selbst mit Treibhausgasrückholung aus der Atmosphäre, sogar wenn es gelingen würde, das vorindustrielle Niveau zu erreichen, wären damit nicht 'alte' Verhältnisse wiederhergestellt. Die in der Natur angestoßenen Prozesse wirken auch dann weiter, mit wieder neuen Folgewirkungen. Durch die Treib-hausgasrückholung würde es bestenfalls gelingen, einen Teil des Geschehens und dessen belastende Auswirkungen auf die Lebensgrundlagen abzumildern. Der viel lebensfreundlichere Zustand des natürlichen Systems Erde, wie er vor der Industrialisierung existiert hat, ist nicht wiederherstellbar.

Trotzdem muss die weltweite "For-Future-Bewegung" immer noch jedes kleine bisschen Klimaschutz der Politik und Wirtschaft abringen. Unter den dort Verantwortlichen sprechen indes jetzt schon einige über die Profitmöglichkeiten, die in diesem neuen Wirtschaftszweig der Emissionsrückholung liegen. Schließlich geht es dann, noch drängender als jetzt schon, um den Fortbestand von natürlichen Lebensgrundlagen. Dieses Geschäft erscheint wie die Weiterentwicklung der neoliberal-kapitalistischen Ausbeutung von Ressourcen. Nachdem die natürlichen Gemeingüter wie Rohstoffe, Wälder, Wasser, Luft, Artenvielfalt und Klima ihrer Endlichkeit als Lebensgrundlage entgegen aus Profitgier der Allgemeinheit enteignet und schwerst geschädigt wurden, ist die Schwelle, das Abkommen von Paris zu verfehlen, gleichzeitig der Einstieg zum Geschäftsmodell, auch noch die zwingend werdende Wiederherstellung essentieller Lebensgrundlagen profitabel auszuschlachten.



Zum Autor:
Andreas Sanders
ist Diplom Geologe, GAIATOR © -Erlebnis-Führer und Journalist. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), die Russische Antarktisexpedition (RAE), der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und GEO sind eine Auswahl der Institutionen, für die er gearbeitet hat. Mehr als fünfeinhalb Jahre seines Lebens hat er in den Polarregionen verbracht, unter anderem um dort Umweltprojekte zu koordinieren. Aktuell ist Andreas Sanders einer der Klima-Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Legislative und Exekutive in Deutschland, da diese in Menschenrechte verletzender Weise der Klima- und Umweltkrise nur unzureichend bzw. mit untauglichen Maßnahmen begegnen. Er führt Klimaveranstaltungen in Unternehmen durch, um dort fundiert und interaktiv zu informieren und so der durch mangelnde politische Normierung entstandenen Verunsicherung entgegenzuwirken und Wandlungsprozesse hin zu aktivem Klima- und Umweltschutz zu unterstützen.Viel Herzblut fließt auch in seine GAIATOR © -Erlebnisse, in denen er die großen Kreisläufe der Natur mit allen Sinnen erlebbar macht.

Mehr dazu auf https://gaiator.de/ und auf https://andreas-sanders.com/



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