Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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03.03.2016, Eva Stegen:

Vom Kohle-Konzern-Funktionär zum Tierschützer

Wenn ein ehemaliger RWE-Vorstand zur Rettung des Rotmilans aufruft, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Zur Autorin

In Deutschland leben ca. 12.000 Rotmilan-Brutpaare, rund die Hälfte der gesamten Weltpopulation, die sich jedoch hauptsächlich auf Europa beschränkt. Hierzulande gibt es pro km2 8 Mal so viele Brutpaare wie in Frankreich, 15 Mal so viele wie in Polen, 23 Mal so viele wie in Tschechien und 26 Mal so viele wie in Italien.

Und Deutschland hat eine dramatisch höhere Windraddichte, als all die umliegenden Nachbarländer. Frankreich hat pro Fläche nur ein Achtel der hier installierten Leistung, Italien ein knappes Viertel, Polen ein Neuntel und Tschechien nur ein Dreißigstel. Daraus aber ableiten zu wollen, Windräder hätten eine protektiven Effekt auf die Rotmilan-Population wäre unredlich, das würden selbst die euphorischsten Windkraftfreunde nicht tun.

Umgekehrt gibt es aber Menschen, die aus diesem Zusammenhang die besondere Verantwortung Deutschlands für den Rotmilan ableiten und deshalb den Ausbau der Windenergie gerne gestoppt sähen. Fritz Vahrenholt, ein Chemiker, dessen Vita Vogelschutz-unverdächtige Stationen auflistet, wie Aufsichtsratsvorsitzender der RWE Innogy und Vorstand der Deutsche Shell AG , ließ sich kürzlich in der Welt zitieren: "Der Rotmilan ist nicht ganz kompatibel mit der Windenergie."


Warum ist seine Expertise zum Rotmilan gefragt?

Die 122 Schriften umfassende Liste von Vahrenholts Publikationen beschäftigt sich mit Kohlenstoffchemie, Energiepolitik und Klimawandel-Skepsis. < Link wurde nicht erkannt (target "[1", title "") >, ] Nicht ein einziger zoologischer Beitrag ist darunter. Trotzdem schreibt die Welt unter dem Titel<i> „Sterben für die Wende“ </i>vom „Wildtierschützer Vahrenholt". Wie das? Vahrenholt ist seit 2012 Alleinvorstand einer nach unternehmerischen Prinzipien geführten, privaten, gemeinnützigen Stiftung, der deutschen Wildtierstiftung. Man kann ihm nicht vorwerfen, er könne nicht strategisch denken.

Welt-Redakteur Wetzel will ausgerechnet das Verschwinden des letzten Milans aus Berlin mit dem ersten Windrad in Berlin in Zusammenhang stellen. Ach hätte er doch mal einen Zoologen befragt, zum Thema Lebensraum, Nahrungsangebot, Umweltgifte, Verkehrsopfer, Jagdopfer usw.!

„Seit Beginn der 90er-Jahre hat der Bestand des Rotmilans schon um ein Drittel abgenommen.“ schreibt Wetzel und fordert auf, die Statistiken zu besichtigen – und da wird’s interessant: Aufgrund des Verbotes der Greifvogeljagd erholten sich die Bestände Ende der 1980er Jahre und erreichten 1991 einen Höchststand. Mit der Wiedervereinigung und den damit zusammenhängenden Änderungen in der Landwirtschaft nahm der Bestand bereits bis 1997 um ein Drittel ab, in Teilen Ostdeutschlands sogar um 50 %, berichten die Biologen Kerstin und Ubbo Mammen. [2 ]Zwischen 1997 und 2014 wechselten sich leichte Erholungen und leichte Rückgänge der Bestände ab, erreichten aber nie die Dramatik der frühen 1990er Jahre. Doch erst im Jahr 2000 trat das von den Windkraftgegnern so hart bekämpfte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft.

Die Zahlen machen überdeutlich, wie absurd es ist, einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Windkraft und der Rotmilan-Bestände herzustellen. Springers "Welt" tut es trotzdem und verspielt so ihre Glaubwürdigkeit. Es geht nicht darum, einzelne Kollisionsopfer komplett zu verleugnen. Die gibt es, ebenso wie es Kollisionen mit Stromleitungen oder dem Autoverkehr gibt. Letzteres liegt weniger an der Flughöhe, sondern am Nahrungsspektrum, zu dem bei vielen Greifvögeln auch Aas gehört. So wird der Asphalt nicht nur zum reich gedeckten Tisch, sondern auch zur Todesfalle. Der deutsche Jagdverband spricht von über 230.000 Wildunfällen [3 ] jährlich, allein bei Rehen, Wildschweinen und Hirschen. Die Dunkelziffer all der Kreaturen, die dem Straßenverkehr zu Opfer fallen liegt um ein Vielfaches höher.

Vahrenholt und seine Mitstreiter rufen aber weder zum Auto-Verzicht auf, noch wettern sie gegen Straßen, die Lebensräume zerschneiden oder gegen Stromleitungen. Sie haben keinerlei Interesse daran, sich mit echten, bestandsgefährdenden Faktoren auseinander zu setzen. Ihre Tierliebe ist scheinheilig. Es sind die Meister der vorgeschobenen Argumente, denen es einzig um die Verhinderung der Energiewende geht.


Quellen
[1] https://www.chemie.uni-hamburg.de/tmc/publikationen/Vahrenholt.html
[2] http://www.rotmilanprojekt.de/seite15.html
[3] http://www.jagdverband.de/datenundfakten


Autorin
Dr. Eva Stegen ist Energiereferentin bei den Elektrizitätswerken Schönau. Im breiten Spektrum der Energiepolitik ist sie hin und her gerissen zwischen Wut und Entsetzen, über brutale Durchsetzungsstrategien für lebensfeindliche Technologien einerseits und den peinlich-plumpen, oft unsäglich komischen Auswüchsen diverser Desinformations-Vorstöße derer, die die fossil-nukleare Energiegewinnung doch noch irgendwie als Goldesel für sich nutzbar machen möchten.



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