Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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12.12.2007, Wolf von Fabeck:

Wie Wissenschaftler falsch informiert werden

Die Rolle der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG)

Wie kommt es, dass selbst Wissenschaftler die naheliegende Lösung des Klimaproblems - die Ächtung der fossilen Techniken und die unverzügliche rasche Umstellung auf Erneuerbare Energien - nicht sehen?

Wissenschaftler sind Spezialisten auf jeweils unterschiedlichen Fachgebieten. Wissenschaftler, die sich speziell mit Energieversorgung beschäftigen, arbeiten an Forschungsvorhaben, die von den Energieversorgern in Auftrag gegeben und finanziert werden. Der Energieversorger E.ON z.B. richtet an der Technischen Hochschule Aachen ein Forschungsinstitut mit fünf Professuren ein und unterstützt dies mit einem Betrag von mindestens 40 Millionen Euro. An diesem Institut sollen „Lösungen zur Einbindung erneuerbarer Energien in die Energieversorgung“ erarbeitet werden. Da geht es also genau um unser Thema.

Besonders beeindruckend für die öffentliche Meinung ist es, dass die Standesvertretung der deutschen Physiker, die hoch angesehene Deutsche Physikalische Gesellschaft in einer Studie vom September 2005 mit ihrer ganzen Autorität erklärt hat, ein Umstieg auf 100% Erneuerbare Energien sei in Deutschland nicht möglich. Die Studie empfiehlt dringend, den beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig zu machen und solarthermische Kraftwerke im sonnigen Süden Europas aufzubauen.
Der Titel der Studie ist „Klimaschutz und Energieversorgung in Deutschland 1990 - 2020“. Im Vorwort heißt es: „Das ehrenamtlich tätige Autoren-Team arbeitete seit Oktober 2004 an der Studie. Es stützt sich auf das vorhandene Untersuchungsmaterial und auf die Vorträge von Experten, die vor dem Arbeitskreis Energie über ihre Fachgebiete berichtet haben.“

Einer der „Experten“ war Professor Helmut Alt vom RWE, der bei der Physikertagung München 2004 einen Hauptvortrag zum Thema „Netzeinspeisung aus zeitlich fluktuierenden Quellen“ hielt. Dieser Vortrag, der auf den Internetseiten der Deutschen Physikalischen Gesellschaft nachzulesen ist, führt die Zuhörer zu dem Schluss, dass die zeitlich angeblich nicht vorhersehbare Einspeisung ein Problem sei, das die Anwendung der Windenergie im großen Maßstab ausschließe. Dazu werden die Zuhörer mit einer Fülle längst überholter Daten überschüttet. Folgenreicher aber ist, dass den Zuhörern wichtige Informationen vorenthalten werden, z.B. die Tatsache, dass es gelingt, durch immer weitere Verfeinerung der regionalen Wettervorhersage die jeweilige Windleistung vorausschauend einzuplanen. Auf seinen 12 Seiten erwähnt Professor Helmut Alt nicht einmal den Begriff Wettervorhersage. Alt erwähnt auch nicht, dass es bei einem Ausbau der Solarenergienutzung zu einer Glättung des Angebots kommt, weil Wind und Sonne oft gegenläufig zur Verfügung stehen. Er sprach nicht über die Möglichkeit, dass ein großer Teil der aus Talsperren gespeisten Wasserkraftwerke nach dem Zubau weiterer Fallrohre, Turbinen und Generatoren nicht mehr im Dauerbetrieb laufen müssten, sondern zeitlich intermittierend so eingesetzt werden könnten, dass die Lücken im Angebot von Wind und Sonne ausgeglichen werden. Er spricht nicht darüber, dass die Tiefengeothermie zur Stromerzeugung ihre Abnahmepreise erheblich verbessern würde, wenn sie zeitlich nachfrageorientiert arbeiten würde. Und dass mit Hilfe von Pflanzenöl von heimischen Rapsfeldern Regelenergie erzeugt werden könnte, erwähnt er auch nicht.

All diese Auslassungen finden sich in der Studie der DPG wieder, Auch dort wird das Zusammenwirken verschiedener Erneuerbarer Energien nicht erwähnt. Vielmehr handelt die Studie jede der erneuerbaren heimischen Energien einzeln ab, erklärt ihre Ungeeignetheit und summiert anschließend rechnerisch die spärlichen Endergebnisse.

Zur Photovoltaik heißt es ironisch: „Unter allen Quellen erneuerbarer Energie sind die Solarzellen, die das eingestrahlte Sonnenlicht direkt in elektrische Energie verwandeln können, die bekanntesten und beliebtesten. Die Einfachheit des Konzepts, die flexible, saubere modulare Bauweise repräsentieren wie keine andere Technik eine neue Welt der Stromversorgung vor Ort, die den Gegenpol bildet zu den "schmutzigen Zentralen" der Kohlekraftwerke mit ihren Hochspannungsleitungen und rauchenden Schornsteinen. Vergiftung der Atmosphäre dort - reine Luft hier. Die Photovoltaik könnte die Stromversorgung der Zukunft werden, der Klimaschutz par excellence, wenn es nicht zwei Probleme gäbe: die Kosten und die Speicherung der Elektrizität.“

Und dann folgt das Urteil, kurz und eindrucksvoll: „Gäbe es eine Batterie, die zum Preis einer Autobatterie die 30-fache Ladekapazität hätte, dann wäre jedes Haus elektrisch selbstversorgt durch seine Sonnenzellen zu organisieren. So aber braucht man den Strom aus den schmutzigen Zentralen immer dann, wenn nicht gerade die Sonne scheint. Eine dezentrale Stromversorgung durch Photovoltaik ist nicht möglich, so lange es keine adäquate Speicherung gibt - und die ist nicht in Sicht.“

Zur Windenergie heißt es: Wegen der fluktuierenden Natur des Windes, der sich nicht nach der zu jeder Sekunde zu erfüllenden Stromnachfrage richtet, muss man sich Windkraftwerke von vornherein mit der entsprechenden konventionellen Stromerzeugung verpaart denken. Diese Reservekapazität muss bei Flaute des Windes oder geringerer als maximaler Windstrom-Erzeugung eintreten.

Davon zu unterscheiden ist eine schnelle, zusätzlich bereitzustellende „Regelkapazität“, die die Windfluktuationen auszugleichen hat, sofern diese nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde korrekt prognostiziert wurde. Aufgrund der Tatsache, dass die Windenergie nach den gesetzlichen Vorschriften stets prioritär abgenommen werden muss (und sich deshalb an der Regelung nicht beteiligt), ist die Regelkapazität konventionell bereitzustellen. Der Bedarf an beiden Kapazitäts-Typen ist im Hinblick auf den deutschen Windkraft-Ausbau detailliert in der dena-Studie untersucht worden. Der maximale Abruf an positiver Regelleistung im Ausbauzustand von ca. 36 GW wurde auf 7 GW (19,7%) bestimmt, der an negativer Regelleistung auf 5,5 GW (15%). Diese schnellen Reserven sind ständig vorzuhalten, da man den Augenblick des maximalen Abrufs nicht kennt. Die eingangs genannte Reserveleistung, die für Flauten bereitsteht, wurde im Endausbau zu 94% der installierten Windleistung bestimmt. Das bedeutet, grob gesprochen, dass man mit dem Aufbau der Windkraft nicht die Kapitalkosten der konventionellen Kraftwerke, sondern nur ihre Brennstoffkosten einspart - dafür aber CO2-frei produziert.

Es fehlt auch nicht ein massiver Angriff auf das EEG: „Es muss ohnehin damit gerechnet werden, dass die systematische Diskrepanz, die in den beiden zunächst noch konkurrierenden Methoden der staatlichen Förderung von CO2-Reduktion liegt, noch zur Debatte kommt. Es gibt einerseits die Methode der prioritären Abnahme des Stroms zu Garantiepreisen, die durch die Verbraucher zu bezahlen sind (EEG), andererseits die Methode der CO2-Emissionsrechte, welche in begrenzter Höhe durch die Behörden ausgegeben werden und hinterher handelbar sind. (Anmerkung des SFV: die auch letztlich vom Verbraucher bezahlt werden). Diese beiden Methoden sind vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen miteinander unverträglich und werden in einem europäischen Rahmen zu klären sein. Deshalb darf man nicht ohne weiteres erwarten, dass die Praxis des EEG-2004 einfach fortgeschrieben wird.“

Weiter unten wird dann ein Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums zur Förderung erneuerbarer Energien vom 16.1.2004 erwähnt. „Es wird die Ansicht begründet, dass mit voller Implementierung des Emissionsrechte-Handels das EEG nutzlos und zu teuer werde und daher dann abzuschaffen sei.“

Zum Abschluss: Wenn Ihnen ein Physiker sagt, dass 100% Erneuerbare Energien nicht möglich sind, fragen Sie ihn doch bitte nach seinem Arbeits- und Forschungsgebiet. Und dann bedenken Sie bitte folgendes. Physiker sind Spezialisten auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet, in dem sie jahrelang arbeiten. Wenn sie sich zu energiewissenschaftlichen Fragen äußern, wissen sie darüber nicht mehr als ein Zahnarzt aus seinem Zahnärztefachblatt von der angemessenen Behandlung einer Herzkranzgefäßverstopfung erfahren hat. Das heißt, sie sind unter Umständen nicht auf dem neuesten Stand.



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