Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

[ Artikel diskutieren und weiterverbreiten? Infos zum Copyright ]
[ Druckversion dieses Artikels ]

Warum eigentlich nicht?

Was spricht gegen eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien?

Haben Sie sich auch schon gefragt, ob die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe oder die heraufziehende Klimakatastrophe, oder die nächste Reaktorkatastrophe einen Verzicht auf Bequemlichkeit und Mobilität, auf Zentralheizung, Waschmaschine, Automobil und Intercity erzwingen werden? Die Frage könnte sich schneller stellen, als uns lieb ist.

Bedenken wir deshalb die Argumente zur Frage, ob eine 100 % Energieversorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist oder nicht:

Zweifel an einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien finden sich vorwiegend bei den Experten der Stromwirtschaft. Diese Zweifel können interessenbedingt sein - wer möchte schon einer neu entstehenden Konkurrenz den Weg in die Marktfähigkeit ebnen - die Zweifel könnten aber auch objektiv berechtigt sein. Verschaffen wir uns deshalb ein eigenes Urteil. Um uns den Überblick zu erleichtern, beschränken wir uns auf eine der vier erneuerbaren Energien, auf die Solarstromerzeugung durch Photovoltaik (PV):

Die Experten der Stromwirtschaft verbreiten Unsicherheit hauptsächlich mit folgenden zwei Argumenten:

1. Solarstrom, Windstrom und Strom aus Wasserkraft könnten nur wenige Prozent des Strombedarfs decken, und

2. Zur Zeit hätte Solarstrom erst einen Anteil an der Stromversorgung von weniger als ein Promille.

Zuerst Behauptung Nr. 2: Diese Behauptung trifft zu, aber sie beweist nichts. Ob aus einer winzigen Eizelle ein Elefant wird, hängt nicht von der Anfangsgröße ab, sondern vom Wachstum. Also, was wissen wir über das Wachstum der Photovoltaik?

Im vergangenen Jahr sind weltweit mehr Solarstromanlagen installiert worden als in allen Jahren vorher. In Aachen und anderen Städten nahmen Zahl und installierte Leistung der Solaranlagen fast um den Faktor 10 zu. Die Herstellerfirmen für Solarmodule - insbesondere in Japan - bauen zielstrebig ihre Produktionskapazitäten aus.

In Deutschland sank der Preis für Solarstrom seit 1987 von 3,60 auf 1,89 DM/kWh. Allein innerhalb des letzten Jahres sank er um 12 Pf/kWh.

Der Solarenergie-Förderverein erhielt vor wenigen Wochen eine Einladung zur 6. Photovoltaik-Konferenz der arabischen Staaten in Oman. Die dortige Deutsche Botschaft erläuterte in einem Begleitschreiben, daß in Oman eher als in anderen arabischen Staaten die Erdölvorräte zu Ende gehen würden. Man mache sich deshalb Gedanken, ob die Photovoltaik als nachfolgender Energielieferant infrage käme.

In diesen Zusammenhängen gesehen verliert die Behauptung, die PV trage weniger als ein Promille zur Stromversorgung bei, ihre entmutigende Tendenz!

Nun zur anderen Behauptung: Solarstrom, Windstrom und Strom aus Wasserkraft könnten - auch auf lange Sicht - nicht mehr als einen kleinen Prozentsatz des Strombedarfs decken (Werbeanzeige der Stromwirtschaft, s. Seite 32).

Diese Behauptung, von der Stromwirtschaft mit gebetsmühlenhafter Beharrlichkeit wiederholt, ist eine Zumutung für den gesunden Menschenverstand. Sie wäre nur glaubhaft, wenn es einen Grund gibt, warum die Photovoltaik, deren zunehmendes Wachstumstempo wir gerade konstatiert haben, ihr Wachstum in wenigen Jahren wieder einstellen sollte.

Sollte es an den zur Verfügung stehenden Flächen liegen? Das kann nicht sein, denn nur wenige Prozent der Erdoberfläche würden bereits ausreichen für eine Vollversorgung der Weltbevölkerung nicht nur mit Strom, sondern mit Ersatz jedweder benötigten Energie durch Solarenergie. Allein die Dachflächen in Deutschland reichen für 20 % der Jahresstromversorgung aus.

((Nachträgliche Anmerkung aus dem Februar 2002: Die 20 % ergeben sich, wenn man sich ausschließlich auf die nach Süden ausgerichteten Dächer beschränkt. Eine Studie am Institut für Elektrowärme der Universität Hannover von Ralf Bischof aus dem Jahr 1993 am Beispiel der Stadt Aachen, die den Beitrag auch der anders ausgerichteten Dächer berücksichtigt, kommt auf 65 %.))

Sollte es an einer Materialknappheit für die Solarzellen liegen? Auch das kann nicht sein, denn Solarmodule werden aus Silizium hergestellt. Silizium ist im Sand enthalten, und diesen gibt es mehr als ausreichend.

Engpässe in der Produktion gereinigten Solarsiliziums sind zwar möglich, besonders zu Anfang, lassen sich aber durch den Bau beliebig vieler Silizium-Fabriken überwinden.

Sollte es am Preis liegen? Auch das kann nicht der begrenzende Faktor sein, denn mit der Massenproduktion würde der Solarstrom von Jahr zu Jahr billiger werden. Die Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre" des Elften Deutschen Bundestages erwartet eine Preisabsenkung auf unter 20 Pfennig pro kWh. Selbst nach Aussage der Stromversorger RWE und Bayernwerk ist mit einem Rückgang des Solarstrompreises auf 47 Pf/kWh zu rechnen.

Sollte es an der zeitlichen Verfügbarkeit des Solarstroms liegen, etwa an der Dunkelheit nachts oder im Winterhalbjahr? Global läßt sich auch dieses Problem lösen, denn irgendwo im Wüstengürtel der Erde scheint immer die Sonne. Nicht nur Atomstrom kann man über Tausende von Kilometern per Höchstspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) transportieren. Das kann auch mit Solarstrom geschehen, aus der Wüste Gobi, von der arabischen Halbinsel oder aus der Sahara... Oder in sonnenreichen Gebieten wird aus Solarstrom Wasserstoff hergestellt, dieser wird nach Mitteleuropa transportiert und bei Bedarf in Strom zurückverwandelt.

Sollte es an der Aufnahmefähigkeit der Stromnetze liegen? Dies wäre ein Unfähigkeitszeugnis für deren Ingenieure. Frequenz und Spannung lassen sich sogar in solchen Netzen stabil halten, die nur mit Solarstrom gespeist werden.

Ein begrenzender Faktor ist somit nicht zu erkennen. Das Wachstumstempo der Photovoltaik nimmt seit Jahren zu. Wer dennoch behauptet, ihr Wachstum würde aufhören, bevor eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien erreicht ist, beweist entweder interessengeleitetes Wunschdenken oder er erfährt am eigenen Leib, wie schwer es ist, sich von alten Denkgewohnheiten zu lösen.

Die Grenze im Kopf

Dennoch sitzt bei vielen von uns die Sorge tief, daß wir mit unserer 100 % - Idee als unseriös verschrien werden. Dabei liegt der Mangel an Seriosität eigentlich bei der Energiewirtschaft. Ihre Behauptung, daß eine Energieversorgung ohne Kohle, Öl, Erdgas und Atom nicht möglich sei, bei gleichzeitiger Erkenntnis, daß all diese Vorräte demnächst ihrem Ende zugehen, bedeuten in ihrer Konsequenz das sichere Ende der menschlichen Zivilisation. Die Weigerung der Stromwirtschaft, über Auswege auch nur ernsthaft nachzudenken, schlimmer noch, die Behinderung der erneuerbaren Energien stellt den rücksichtslosen Versuch dar, auf Kosten der gesamten Menschheit die Ausbeutung der fossilen Vorräte bis zum gemeinsamen Untergang in der Klimakatastrophe zu verlängern. Dies ist eine ungeheuerliche Zumutung. Daß wir sie bisher als Zumutung nicht erkannt haben, ist unserer geistigen Trägheit zuzuschreiben, die nach dem Motto funktioniert: Das wurde schon immer so gemacht, und wo kämen wir denn hin, wenn es anders gemacht würde.

Der begrenzende Faktor liegt offenbar in unseren Köpfen. Die Vorstellungsfähigkeit fehlt uns noch, eine Energieversorgung ohne Kohle und Atom zu denken. Doch das läßt sich glücklicherweise trainieren.



Dieser Artikel wurde einsortiert unter ....