Die Sonnenenergie bestimmt
sein Leben
Wochenendinterview mit Wolf von Fabeck,
einem der Väter des Aachener Modells, das jetzt zehnjähriges
Bestehen feiert.
Artikel aus der Aachener
Zeitung (AZ),erschienen am Samstag den 12. März 2005 von AZ-Redakteur
Joachim Rubner
AACHEN. "Viel Energie für die Solarenergie":
Nach diesem klaren Motto lebt Wolf von Fabeck ganz kompromisslos.
Er ist überzeugt von der außerordentlichen Wichtigkeit und will
diese Form der Energiegewinnung weiter nach vorne bringen. Ihr zuliebe
ließ er sich als Bundeswehroffizier frühpensionieren und hat
weite Bereiche seines Lebens auf diese Aufgabe ausgerichtet. Seit genau
zehn Jahren gibt es jetzt das Aachener Modell. Für von Fabeck ein
Grund zum Feiern - und weiter zu arbeiten. Mit dem agilen Endsechziger
sprach AZ-Redakteur Joachim Rubner über die Solarenergie, über
Erfolge und Wünsche für die Zukunft.
| Das "Aachener Modell" ist mittlerweile
weltweit als Vorreiter des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes bekannt. Erklären
Sie das Aachener Modell doch bitte in kurzen Worten. |
von Fabeck: Das Aachener
Modell verpflichtete erstmals die kommunalen Stromversorger, Strom aus
Solar- oder Windkraftanlagen vollständig in ihr Netz aufzuneh-
men und für jede Kilowattstunde
eine festgelegte Mindestvergütung zu bezahlen. Diese "kostendeckende
Vergütung" war so bemessen, dass sie einem vernünftig wirtschaftenden
Anlagenbetreiber alle Kosten - einschließlich eventueller Darlehenszinsen
- im Lauf von 20 Jahren zurückerstattete. Sie betrug für die
ersten so vergüteten Solaranlagen 2 Mark pro Kilowattstunde.
|
|
| AZ: Wer hat die Solarenergie überhaupt
erfunden. Wofür wurde sie ursprünglich entwickelt? |
von Fabeck: Der französische
Physiker Alexandre Edmond Becquerel entdeckte im 19. Jahrhundert den photoelektrischen
und photographischen Becquerel-Effekt. Die erste spektakuläre Anwendung
zur Energieerzeugung ergab sich in der Raumfahrt. Es gab anfangs nur zwei
Möglichkeiten, einen Satelliten auf der Erdumlaufbahn mit Strom zu
versorgen. Das waren die Atomenergie und die Solarenergie. Inzwischen werden
keine atombetriebenen Satelliten im Sonnensystem mehr eingesetzt. Die Solarenergie
hat dort die Atomenergie schon längst abgelöst...
| AZ: Ich erinnere mich noch, als Sie
und Ihre ersten Mitstreiter gegen Ende der 80er Jahre auf stark frequentierten
Plätzen in Aachen standen und mit großem Einsatz bei Wind und
Wetter für die Solarenergie warben. Wie war das damals? Sie propagierten
etwas ganz Neues und für viele Zeitgenossen völlig Unverständliches. |
von Fabeck: Wir haben damals
zwölf Solarmodule aufgebaut, sie zusammengeschaltet und elektrische
Geräte damit betrieben. Eine Bohrmaschine zum Beispiel und ähnliche
Dinge. Die Leute standen zum Teil mehr als staunend um uns herum. Wir haben
einmal am kürzesten Tag des Jahres und auch noch bei Regen vor der
Mayerschen Buchhandlung gestanden. Das geringe Tageslicht hat ausgereicht,
eine AEG-Stichsäge anzutreiben. Ungläubige Zuschauer baten uns
mehrfach, die Anschlusskästen auf der Rückseite der Solarmodule
aufzuschrauben. Sie glaubten tatsächlich, wir hätten darin Akkus
versteckt.
| AZ: Sie waren Berufssoldat und Ingenieur.
Wie sind Sie eigentlich ganz persönlich zur Solarenergie gekommen? |
von Fabeck: Ich hatte im
Jahr 1984 ein sehr hässliches Erlebnis auf der Nordseeinsel Baltrum.
Dort hatte die Umwelt- und Luftverschmutzung die Vegetation in nur einer
einzigen Nacht ganz erheblich geschädigt. Bäume, Büsche
und Pflanzen waren auf ihrer Nordwestseite in nur wenigen Stunden verdorrt.
Ich habe mich bemüht zu klären, wie dies geschehen konnte, und
musste schließlich feststellen, dass es eine Folge der Luftverschmutzung
war. Eine Hauptquelle der Luftverschmutzung war und ist die Energieversorgung,
die auch mit Hilfe der damaligen Hoch-Schornstein-Politik nicht verhindern
konnte, dass die Schadstoffe irgendwann einmal wieder auf die Erde zurückfielen.
Daher ergab sich für mich die Frage nach einem Ersatz für die
fossile Energieversorgung.
| AZ: Und so sind Sie auf die Solarenergie
gestoßen? |
von Fabeck: Jein! Ich bin
eher zufällig zur Solarenergie gekommen, und zwar durch ein Vorwort
von Carl Friedrich von Weizsäcker in dem Buch "Die Grenzen der Atomwirtschaft".
Er schrieb damals sinngemäß, dass er sich niemals für die
Atomenergie eingesetzt hätte, wenn er geahnt hätte, wie sorglos
und leichtsinnig die Menschheit mit ihr umgehen würden. Er nannte
die Solarenergie ganz explizit als Alternative. Das hat mich sehr beeindruckt,
und ich wollte es selber ausprobieren. Ich habe mir ein Solarmodul gekauft,
es getestet und stellte völlig überrascht fest, dass es die Küchenmaschine
meiner Frau ganz, ganz langsam antrieb. Die Leistung war zwar absolut unbefriedigend,
aber - immerhin - die Maschine lief. Als Ingenieur habe ich nachgerechnet.
Ich kam zum Ergebnis, dass ich etwa zwölf Module benötigen würde,
um die Maschine mit voller Kraft laufen zu lassen. Außerdem konnte
ich überschlägig ausrechnen, dass die Solarenergie vom Potenzial
her als Nachfolgerin und Ersatz für die fossilen Energien und die
Atomenergie geeignet ist.
| AZ: Für Windenergie sind geeignete
Standorte wichtig. Solarzellen benötigen Platz. Um ein Atomkraftwerk
zu ersetzen, wäre ziemlich viel Fläche nötig. Was sagen
Sie zu diesen oft gehörten Einwänden? |
von Fabeck: Ich kenne diese
Einwände, doch sie sind nicht stichhaltig. Eine Solarzellenfläche
mit der Kantenlänge 160 Kilometer mal 160 Kilometer würde für
die gesamte Energieversorgung - nicht nur für die Stromversorgung
- Deutschlands ausreichen. Sie muss aber nicht als gigantisches glitzerndes
Rechteck ins Land gestellt werden, sondern kann verteilt werden auf die
Dach- und Fassadenflächen unserer Häuser, auf Lärmschutzwände,
auf Überdachungen von Parkplätzen und Verkehrsflächen. Da
die Windenergie einen guten Anteil mit übernehmen wird, kommen wir
auch mit einer geringeren Solarzellenfläche aus. Natürlich müssen
für diesen Umbau die Strukturen der Energiewirtschaft den veränderten
Anforderungen angepasst werden. Insbesondere müssen erheblich mehr
dezentrale Speicherkapazitäten geschaffen werden. Dies alles ist eine
sehr reizvolle organisatorische und ingenieurtechnische und nicht zuletzt
eine politische Aufgabe.
| AZ: Und wie ist dann der Solar-Energie-Förderverein
Deutschland entstanden? |
von Fabeck: Unsere Familienkasse
reichte nicht aus, die fehlenden elf weiteren Solarmodule für den
vollwertigen Antrieb der vorhin erwähnten Küchenmaschine zu bezahlen.
Pfarrer Ernst Toenges, damals im Bonhoeffer-Haus, kam auf die Idee, einen
Verein zu gründen, um die notwendigen Gelder zu erhalten
von Fabeck: Im Jahre 1986.
Im November 1986 haben wir den Verein mit acht Personen gegründet.
Da ich kurz vorher auf eigenen Wunsch aus der Bundeswehr ausgeschieden
und in Frühpension gegangen war, konnte ich die Geschäftsführer-Aufgaben
übernehmen. Inzwischen hat der Verein bundesweit etwa 2100 Mitglieder.
| AZ: Was ist jetzt konkret am vergangenen
Donnerstag im Aachen-Fenster des Kaiserbades gefeiert worden? |
von Fabeck: Die Durch-
und Umsetzung des Aachener Modells in der Stadt. Zehn Jahre besteht es
jetzt. Das ist ein kleines Jubiläum.
| AZ: Dass das Modell zur kostendeckenden
Vergütung den Namen unserer Stadt tragen würde, hing an einem
seidenen Faden. Erinnern Sie sich noch daran? |
von Fabeck: Ja. Die Idee
wurde in Aachen entwickelt, und sie ist auch im Aachener Rat beschlossen
worden. Alle Parteien mit Ausnahme der FDP haben zugestimmt. Erst später
haben die Städte Freising und Hammelburg entsprechende Beschlüsse
verabschiedet. Allerdings ist die Stawag dem ersten Aachener Ratsbeschluss
nicht gefolgt, während die Stadtwerke in Freising und Hammelburg ihre
Chance schneller wahrgenommen haben. So stammt zwar die Idee aus Aachen,
aber die erste Umsetzung in die Praxis erfolgte in Hammelburg und Freising.
Glücklicherweise hat der Aachener Stadtrat dann in weiteren Beschlüssen
auf der Umsetzung der kostendeckenden Vergütung bestanden.
| AZ: Wie wird sich die Solarenergie
in Zukunft entwickeln? |
von Fabeck: Die Solarenergie
wird durch Massenproduktion immer preiswerter werden. Außerdem, wenn
man Solaranlagen so montiert, dass sie Strom erzeugen und gleichzeitig
gegen Wind und Wetter schützen, kann man die Kosten für die eingesparte
Dacheindeckung oder Fassadenabdeckung gegenrechnen.
| AZ: Aachen war Vorreiter bei der kostendeckenden
Vergütung. Wie könnte es weitergehen? |
von Fabeck: Die Stadt Aachen
könnte erneut ein absolut richtungsweisender Vorreiter sein: Nach
einer Änderung des Baugesetzes im September 2004 gibt es die Möglichkeit,
dass die Stadt Solaranlagen zur Stromerzeugung oder zur Warmwassererzeugung
oder Blockheizwerke mit erneuerbaren Energien bei Neubauten verbindlich
vorschreibt. Der Bauherr entscheidet, welche Technik er wählt, aber
eine muss er installieren. Die Wirtschaftlichkeit einer Anlage steigt noch,
wenn sie in der Planungsphase des Bauwerks mit berücksichtigt wird.
Im Zeitalter steigender Energiepreise und abnehmender Öl- und Gasvorkommen
wäre ein solcher Beschluss der Stadt im wohlverstandenen Zukunftsinteresse
aller Bauherren.
..............