Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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18.07.2006, Wolf von Fabeck:

Solarturmkraftwerk in Jülich - eine Verschwendung von Mitteln!

Zweifelhafte Zielsetzung

Die Einspeisevergütung für Solarstrom ist deutlich höher als für Windenergie und die anderen Erneuerbaren Energien. Trotzdem ist sie gerechtfertigt, denn es besteht die Aussicht auf erhebliche Preissenkungen und die Aussicht, mit dieser Technik zukünftig einen nicht unbeträchtlichen Teil der Stromversorgung in Deutschland ermöglichen zu können.

Diese Rechtfertigung gilt jedoch nicht für ein Projekt, welches jetzt durch das BMU angekündigt wurde - den Bau eines Solarturmkraftwerks in Jülich. Die vollständige Pressemitteilung des BMU ist unten angehängt.

Kommentar des SFV:

Solarthermische Kraftwerke unterliegen - anders als die Photovoltaik - dem Skaleneffekt, d.h. sie werden umso wirtschaftlicher, je größer sie sind. Ihr daraus resultierender hoher Freiflächenverbrauch macht sie für dichtbesiedelte Flächen in Mitteleuropa ungeeignet. In einem Land, das im Zuge der Technisierung immer mehr Bodenflächen in einen naturfernen Zustand versetzt, finden Freiflächenanlagen besonders unter Umweltschützern zu Recht kaum noch Zustimmung. Turmkraftwerke verändern darüber hinaus noch durch ihre auffällige Silhouette das Landschaftsbild viel stärker als PV-Freiflächenanlagen. Viele Gründe, die gegen Freiflächenanlagen in Deutschland sprechen, gelten für Turmkraftwerke deshalb in besonderem Maße.

Solarthermische Kraftwerke sind - anders als PV-Anlagen - auf möglichst kontinuierlichen Sonnenschein angewiesen, auch diese Einschränkung macht sie für Mitteleuropa ungeeignet. In der Pressemitteilung des BMU wird auf diesen Umstand ausdrücklich hingewiesen.

Es kann zwei Gründe geben, warum das Turmkraftwerk in Jülich trotzdem erbaut wird. Entweder ist beabsichtigt, seine Verwendung für den südeuropäischen Raum zu testen oder seine Verwendung in Deutschland.

Zu Möglichkeit 1

Das Argument, solarthermische Kraftwerke hätten im südeuropäischen Raum eine große Zukunft, ist richtig.
Es mag deshalb einiges dafür sprechen, den Bau eines Pilotprojekts im Rahmen der Industrieförderung durch staatliche Forschungsmittel zu finanzieren. Solche Anlagen allerdings in Deutschland unter hiesigen Klima- und Umgebungsbedingungen zu bauen und zu erproben, unter denen sie später ohnehin nicht betrieben werden sollen, wäre ein Schildbürgerstreich. Die Erprobung kann kaum neue Erkenntnisse bringen und wäre eine Verschwendung staatlicher Mittel. Beispielsweise kann man in Jülich weder die ungeheure Dauerbelastung des Receivers durch die südspanische Sonne oder den Staubanfall auf den Heliostatspiegeln testen. Manche andere Überraschung wird unentdeckt bleiben. Stattdessen wird man sich mit dem für Südeuropa völlig untypischen Problem rasch wechselnder Himmelsbedeckung herumschlagen.
Als Pilotprojekt für den Sonnengürtel kann die Anlage in Jülich also wohl kaum gedacht sein.

Zu Möglichkeit 2


Wenn die Anlage allerdings unter der Fragestellung getestet wird, ob gleichartige Anlagen später in Deutschland eingesetzt werden können, dann meldet der Solarenergie-Förderverein Deutschland gleich zweimalige Bedenken an:

1. Es gelten - wie bereits eingangs betont - alle Bedenken, die gegen jede Freiflächenanlage in Deutschland sprechen. Diese müssen hier nicht wiederholt werden. Wir verweisen auf unsere Intenetbeiträge zum Thema, z.B. http://www.sfv.de/lokal/mails/link43.htm und auf unsere Beiträge in den Solarbriefen, z.B. Solarbrief 3/04, Seite 17.

2. Auch gegen die Vergütungshöhe nach EEG meldet der SFV Bedenken an.
Eine Vergütung über das EEG als Freiflächenanlage ist von den Stadtwerken bereits zugesagt. Wenn der geplante Betriebsbeginn 2008 eingehalten werden kann, sollen 35,49 Cent für jede Kilowattstunde bezahlt werden, zusätzlich zu der staatlichen Förderung von 22 Millionen.
Dieser Fehlentscheidung liegt ein unsinniger Anreiz im EEG zugrunde, nämlich die Förderung von solaren Freiflächenanlagen ohne Beschränkung ihrer Größe. Der SFV hat bereits im Jahr 2003 auf diesen Fehler aufmerksam gemacht. Siehe http://www.sfv.de/lokal/mails/wvf/eegkriti.htm#para0301

Die Vergütungshöhe von 35.49 Cent/kWh für Freiflächenanlagen darf nach Auffassung des SFV nicht gezahlt werden für eine Technik, die nach Angaben von Prof. Hoffschmidt, des wissenschaftlichen Betreuers an der Fachhochschule Jülich derzeit in Südeuropa mit etwa 13 Cent pro Kilowattstunde betrieben werden kann. Eine Differenzierung der Einspeisevergütung für Freiflächenanlagen nach der verwendeten Technik ist deshalb erforderlich. Außerdem wiederholt der SFV den Vorschlag, nach einer angemessenen Übergangszeit neue Freiflächenanlagen mit einer Größe über 100 kW überhaupt nicht mehr über das EEG zu fördern.

Soweit der Kommentar des SFV. Es folgt die BMU-Pressemitteilung

BMU Pressedienst Nr.174/06 - Erneuerbare Energien/Forschung

Pressedienst Nr. 174/06
Berlin, 4. Juli 2006

Erneuerbare Energien/Forschung
Praxistest für neuartiges Sonnenkraftwerk
Solarturm Jülich: Strom aus gebündeltem Licht

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat den Baubeginn für ein solarthermisches Turmkraftwerk in Jülich als Meilenstein auf dem Weg zur weltweiten Markteinführung dieser Zukunftstechnologie bezeichnet. "Dieses Projekt schließt die Lücke zwischen Entwicklung und kommerzieller Anwendung", so Gabriel. Der Startschuss für den Bau des Solarturms fiel heute auf einer Pressekonferenz in Jülich, an der neben der
nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerin Christa Thoben Vertreter des Bundesumweltministeriums sowie der Stadt Jülich teilnahmen.

Ein rund 20.000 Quadratmeter großes Spiegelfeld - vergleichbar mit der Größe von drei Fußballfeldern - wird die Sonnenstrahlen auf einen Empfänger an der Spitze des 50 Meter hohen Solarturms bündeln. Die so entstehenden hohen Temperaturen werden zur Dampferzeugung genutzt und von einer Turbine schließlich in Strom umgewandelt.

Die Technologie für den Solarturm wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Firma Kraftanlagen München entwickelt und in mehreren Vorläuferprojekten durch das Bundesumweltministerium unterstützt. Die Kosten in Höhe von rund 22 Millionen Euro werden gemeinsam von den Stadtwerken Jülich und den Ländern Nordrhein-Westfalen und Bayern getragen. Überdies beteiligt sich das Bundesumweltministerium mit 3,7 Millionen Euro. Das BMU hat die Entwicklung solarthermischer Kraftwerke in den vergangenen fünf Jahren mit rund 30 Millionen Euro gefördert.

Da die Kraftwerke auf direkte Sonneneinstrahlung angewiesen sind, eignen sie sich in erster Linie für den Einsatz in sonnenreichen Ländern. Dort sind Technologien zur solarthermischen Stromerzeugung bereits auf dem Vormarsch.
In Spanien und den USA sind beispielsweise mehrere Parabolrinnenkraftwerke in Planung oder bereits in Bau. Neben der Turmtechnologie sind diese eine weitere Form solarthermischer Stromerzeugung.

Hrsg: BMU-Pressereferat, Alexanderplatz 6, 10178 Berlin
Redaktion: Michael Schroeren (verantwortlich)
Thomas Hagbeck, Jürgen Maaß, Frauke Stamer
Tel.: 01888/305-2010. Fax: 01888/305-2016
email: presse@bmu.bund.de - internet: http://www.bmu.de/presse


Ergänzung durch den SFV:
Die Anlage wird in Jülich im Gewerbegebiet Königskamp errichtet. Wissenschaftlich betreut wird sie durch Professor Hoffschmidt von der Fachhochschule Jülich. Seiner Internetseite http://ea-nrw.de/_database/_data/datainfopool/zukunftsenergien_hoffschmidt.pdf
lassen sich weitere Details entnehmen



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