Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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11.12.2008, Wolf von Fabeck:

Wie Umweltminister Gabriel den Bau weiterer Kohlekraftwerke begründet

Nach Auskunft der Bundesregierung sind 17 Kohlekraftwerke in der Planung und im Bau

Bei einer Diskussionsveranstaltung zum Atomausstieg am 20.09.08 in Aachen äußerte Gabriel die Überzeugung, die Erneuerbaren Energien könnten im Strombereich nicht mehr als 30 Prozent beitragen. Dafür gäbe es wissenschaftliche Beweise, z.B. die Leitstudie 2008 des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) für das Umweltministerium (BMU).

Deckblatt der Studie:

Weiterentwicklung der "Ausbaustrategie Erneuerbare Energien" vor dem Hintergrund der aktuellen Klimaschutzziele Deutschlands und Europas
Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Oktober 2008,

Dr. Joachim Nitsch,
Stuttgart im Zusammenarbeit mit der Abteilung "Systemanalyse und Technikbewertung" des DLR - Institut für Technische Thermodynamik

Aber diese Studie ist kein Beweis für 30 Prozent. Die Aufgabenstellung der Leitstudie ist in den "Vorbemerkungen" niedergelegt; dort heißt es sinngemäß: "Der Beitrag der erneuerbaren Energien für das Jahr 2020, wie er in den Beschlüssen der Bundesregierung festgelegt ist, soll dargestellt werden."

Vorbemerkung aus der Leitstudie 2008, Seite 3
In dieser Leitstudie 2008 wird mit dem "LEITSZENARIO 2008" ein Szenario beschrieben, welches darlegt, wie die Treibhausgasemissionen bis 2050 in Deutschland auf rund 20 % des Werts von 1990 gesenkt werden können. Dieses langfristige Ziel ist von allen Industriestaaten zu erfülllen, wenn die weltweiten Treibhausgasemissionen bis zu diesem Zeitpunkt etwa halbiert werden sollen.

Nur dann besteht die Chance, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf den vom IPCC angestrebten Wert von ca. 450 ppm zu begrenzen und somit die globale Erwärmung um mehr als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu verhindern.

Gleichzeitig werden in diesem Leitszenario die Zwischenziele der Bundesregierung für die Reduktion der CO2-Emissionen, der Steigerung der Energieproduktivität und den Beitrag der erneuerbaren Energien für das Jahr 2020, wie sie in den Beschlüssen der Bundesregierung, den einschlägigen Gesetzen und den Regelungen der EU-Kommission festgelegt sind, abgebildet und der dadurch erforderliche Strukturwandel der Energieversorgung dargestellt.

(Hervorhebung durch den SFV)

Und was besagen die Beschlüsse der Bundesregierung? Zur Erinnerung der Wortlaut des Beschlusses vom 5.12.2007 (nach Meseberg); dort heißt es unter der Überschrift, Erneuerbare Energien im Strombereich ausbauen: "Der Anteil der erneuerbaren Energien soll von derzeit rund 12 auf 25 bis 30 Prozent bis 2020 erhöht werden."

Erst beschließt also die Bundesregierung den Ausbau der Erneuerbaren Energien im Strombereich auf 30 Prozent. Dann übergibt das für diese Angelegenheiten zuständige Umweltministerium einem Institut die Planungsarbeit für die 30 Prozent. Das Ergebnis ist die "Leitstudie 2008". Schließlich versteckt sich der Umweltminister dieser Bundesregierung hinter der Leitstudie. "Mehr als 30 Prozent sind einfach nicht möglich. Wir haben den wissenschaftlichen Beweis!" Dass sie - die Bundesregierung - selbst die 30 Prozent beschlossen und die dafür erforderlichen Planungen in Auftrag gegeben hat und dass sie damit selbst für die 30 Prozent verantwortlich ist, wird verschleiert oder verdrängt.

Leitstudie 2008 - die Erneuerbaren Energien werden gebremst

Bis zum Jahr 2020 sollen so viele Anlagen zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien installiert sein, dass man mit ihnen 30 % des jetzigen Strombedarfs gewinnen kann. Das Leitszenario gibt dazu an, wie viel Anlagenleistung jedes Jahr durch die einzelnen Sparten der Erneuerbaren Energien neu installiert werden soll. Dies ist in der Graphik 3.12. auf Seite 77 der Leitstudie zusammenfassend dargestellt (Bild 1).

Jährlich installierte elektrische EE-Leistung (Neubau und Ersatzbedarf) seit 2000 und im LEITSZENARIO 2008 nach Technologien bis zum Jahr 2030

Jährlich installierte elektrische EE-Leistung (Neubau und Ersatzbedarf) seit 2000 und im LEITSZENARIO 2008 nach Technologien bis zum Jahr 2030


Man erkennt, dass geplant ist, einige der Erneuerbaren Energien erheblich in ihrem Wachstum zu bremsen, damit sich insgesamt nicht mehr als 30 % ergibt. Abgesehen davon, dass uns das wie eine Sabotage am Klimaschutz erscheint, ist auch die Frage von Interesse, bei welchen Technologien gebremst wird.

Bei Offshore-Windanlagen soll offenbar nicht gebremst werden, im Gegenteil! Von Jahr zu Jahr sollen mehr Offshore-Anlagen erbaut werden. Ständiges Wachstum ist bis 2020 vorgesehen. Die im EEG 2009 vorgesehene Vergütung von 15,0 Cent gegenüber 9,2 Cent für Windstrom von Land bestätigt diesen Eindruck (Bild 2).

Wachstum der Offshore-Windkraft: Zahlen aus BMU-Leitsudie 2008

Wachstum der Offshore-Windkraft: Zahlen aus BMU-Leitsudie 2008


Wir begrüßen das geplante Wachstum der Offshore-Windenergie, mahnen aber gleichzeitig dringend einen Ausbau der Strom Transportnetze an. Immerhin haben die Netzbetreiber schon seit 2000 erhebliche Probleme, bei Starkwind die Windenergie aus den Küstenregionen zu den Verbrauchern zu transportieren.

Bremsen bei den dezentralen Energien Sonne und Wind an Land

Für die Photovoltaik ist kein jährliches Wachstum vorgesehen. Ab 2009 sollen die Solarinstallateure sogar jedes folgende Jahr weniger Anlagen installieren, bis der jährliche Zubau auf 1000 MW jährlich gesunken ist (Bild 3). Dieser Planung entspricht auch die beschleunigte Absenkung der Einspeisevergütung im EEG 2009.

Zubau der Photovoltaik: Zahlen aus BMU-Leitstudie 2008

Zubau der Photovoltaik: Zahlen aus BMU-Leitstudie 2008

Der jährliche Zubau von Windanlagen an Land soll - wie bereits seit 2002 - auch zukünftig weiter zurückgehen. Einen objektiven Grund gibt es dafür nach unserer Auffassung nicht, denn es gibt noch mehr als ausreichend Flächen, die derzeit allerdings durch windfeindliche Verwaltungsbestimmungen gesperrt sind. Solche Bestimmungen ließen sich bei entsprechendem politischen Willen durch eine Ergänzung im Bundesbaugesetz ändern. Einen Hinweis auf diese Möglichkeit vermissen wir in der Leitstudie. Erst ein kleiner Bruchteil der geeigneten Acker- und Wiesenflächen - besonders in Süddeutschland und Hessen - trägt schon eine Windanlage. Und Windenergie entlastet sogar die Strompreise infolge des Merit-Order-Effekts.

Leitstudie 2008: Geplanter Zubau an Windanlagen im Binnenland

Leitstudie 2008: Geplanter Zubau an Windanlagen im Binnenland

Wieviel Windenergie in Deutschland installiert werden könnte, lässt sich leicht abschätzen. Wir haben es im Solarbrief 4/07 erläutert. Hier nur ein paar Stichworte zur Erinnerung (Bild 4):

Wind -Flächenbedarf

Wieviel Windenergie kann in Deutschland installiert werden?


Man nimmt wegen der störenden Luftverwirbelung hinter den Windanlagen üblicherweise einen Abstand von 8 Rotordurchmessern in Hauptwindrichtung und 4 Rotordurchmessern quer zur Hauptwindrichtung an. Da die Leistung einer Windanlage vom Rotordurchmesser abhängt, kann man nach diesem Verfahren grob ermitteln, wie viel Windleistung auf einer vorgegebenen Fläche installiert werden kann. (Quelle: http://www.sfv.de/artikel/2007/Potenti2.htm) Das Ergebnis: Moderne Windräder auf einem Drittel der deutschen Acker- und Weideflächen könnten jährlich eine Strommenge erzeugen, die dem Doppelten des jetzigen deutschen Strombedarfs entspricht.

Dabei sind Windanlagen in Wäldern noch nicht einmal mit berücksichtigt. (Bild 5)

Windkraftanlagen im Wald

Windpark Nordschwarzwald: 14 Anlagen, gesamt 28 MW
Quelle: Friedemann Lichtner, MFG Management & Finanzberatung AG, Karlsruhe

Windpark Nordschwarzwald: Viele Menschen glauben hier an eine Fotomontage, doch der Windpark Nordschwarzwald existiert tatsächlich. Auf der Internetseite der Gemeinde Simmersfeld http://www.simmersfeld.de/windpark.htm finden Sie weitere Informationen.

Windenergie (an Land) dämpft die Strompreise

Windenergie ist auch nicht mehr zu teuer. Im Gegenteil, sie dämpft nach Auskunft von Vattenfall bereits seit zwei Jahren wegen des Merit-Order-Effektes den Anstieg der Strompreise. Wie es kommt, dass Windstrom den Preisanstieg bremst, sehen Sie unter

Handelt die Bundesregierung im Interesse der Umwelt oder der Energiewirtschaft?

Irritiert sind wir insbesondere über die unterschiedliche Planung für Windenergie an Land und Windenergie offshore. Noch einmal: Wir freuen uns über den vorgesehenen weiteren Ausbau offshore und über die Tatsache, dass Windstrom auf See nach dem neuen EEG 2009 mit 15 Cent ausreichend bezahlt werden soll. Aber wir protestieren gegen die Benachteiligung der Windenergie an Land.

Die nicht nachvollziehbaren Schrumpfungsplanungen für Windanlagen an Land gegen alle ökonomische Vernunft sowie die vorgesehene Stagnation bei der Photovoltaik zeigen eine einseitige Diskriminierung der Erneuerbaren-Energien-Anlagen der Bürger. Offenbar haben sich die Verfasser der Leitstudie durch die vehemente Ablehnung der Windenergie an Land durch die Energiewirtschaft beeinflussen lassen. Diese Ablehnung ist überall zu spüren.

Erinnert sei hier z.B. an den Hetzartikel der "Windmühlenwahn" im SPIEGEL vom 29.03.04.
Und bereits vor der letzten Bundestagswahl äußerte ein einflussreicher Politiker aus Bayern, er habe persönlich nichts gegen die Windenergie, aber er wolle seine politische Karriere nicht gefährden.

Alle Graphiken dieses Beitrages stammen aus der Vortrags-Foliensammlung "100 % Erneuerbare Energien" von Wolf von Fabeck, die unter http://www.sfv.de/artikel/2008/100__erneuerbare_energien_-_eine_machbare_vision.htm als Powerpoint-Version - auch in Farbe - heruntergeladen werden und in für Jeden in eigenen Vorträgen zum Thema gern genutzt werden kann.



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