Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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21.01.2013, Rüdiger Haude:

Angegorene Ananas

Dieser Tage ist es genau ein Jahr her, dass der damalige RWE-Vorsitzende Jürgen Großmann sich bei einer Energietagung des „Handelsblatt“ mit der Ansicht zu Wort meldete, die Förderung von Solarenergie in Deutschland sei genauso absurd „wie Ananas züchten in Alaska“. (1) Wir wollen uns aus Anlass des Jahrestages dieses Zitat etwas genauer anschauen.

Großmann begründete seinen Vergleich damals mit der Behauptung, Solarenergie trage im Vergleich mit anderen regenerativen Energiequellen nur sehr wenig zur Stromproduktion bei. Diese Begründung stimmte Anfang 2012 schon nicht mehr. Im Vorjahr war der Anteil der Photovoltaik an der Stromproduktion um 60 Prozent gestiegen, auf 3,2 Prozent der Gesamtstromerzeugung in Deutschland. 2012 stieg dieser Anteil trotz der massiven Kampagne der Großmanns und Röslers gegen die Solarenergie, und trotz der gesetzgeberischen Kürzungsorgien, auf 4,6 Prozent, also erneut um ungefähr 44 Prozent. (2)

Hätte aber Großmanns Begründung (geringer Anteil der Sonnenenergie an der Stromproduktion) gestimmt, dann wäre seine Schlussfolgerung erst recht höchst anfechtbar gewesen. Es ist ja die Prämisse der Förderung der regenerativen Energien, dass sie noch zu klein waren, um am Markt zu bestehen – übrigens gegen hochsubventionierte Energieformen wie Kohle und Atom, die Herr Großmann verteidigt wie ein Ananasfarmer in Alaska seine Gewächshäuser. Was den RWE-Manager zu seinem agrikulturellen Vergleich veranlasste, war natürlich die Aussicht, dass die Solarenergie in naher Zukunft auch ohne Förderung wettbewerbsfähig sein könnte, weil die Anschub-Unterstützung durch das EEG die Herstellungskosten schon hat zusammenschmelzen lassen wie Schnee an einem Frühlingstag.

Man muss den Ananas-Vergleich Großmanns „intertextuell“ lesen. Natürlich wusste der Atom- und Kohle-Lobbyist, von wem er sich dieses Bild borgte. Es war Franz Josef Strauß, der sich 1968 damit zu seiner politischen Zukunft geäußert hatte. „Was mich angeht, so würde ich lieber Ananas in Alaska züchten als Bundeskanzler sein“, sagte der CSU-Mann damals, elf Jahre bevor er seine Kanzlerkandidatur für die Wahlen von 1980 in der Union durchsetzte. (3) Strauß hat dieses Bild später noch öfter bemüht. Noch im Mai 1979 sagte er vor dem Bayerischen Landtag: „Sie können davon ausgehen, daß Ananas in Alaska zu züchten für einen Naturfreund wie mich einen höheren Reiz hat als Bundeskanzler zu werden.“ (4) Aber zwei Monate später war er dann Kandidat, und begründete das damit: „Die Energiekosten sind viel zu hoch gestiegen, um überhaupt noch davon träumen zu können, Gewächshäuser in Alaska zu betreiben.“ (5)

Daraus ist erstens zu lernen, dass die Halbwertszeit der Absurditäts-Unterstellung, die in dem Ananas-Vergleich liegt, relativ überschaubar ist. Zweitens zeigt sich, dass für eine Entkräftung dieses rhetorischen Mittels energiewirtschaftliche Entwicklungen sich gut bewährt haben. Die gestiegenen Energiekosten, für die 1979 ja kaum die erneuerbaren Energien verantwortlich gemacht werden konnten, bedrücken die Weltgesellschaft heute noch stärker. Ihre Ursachen – endliche Ressourcen der konventionellen Energiequellen, monopolistische Konzernstrukturen und politisches Unvermögen, z.B. Energieeffizienz oder regenerative Energiequellen zu fördern – gelten auch heute, teilweise haben sie sich seit damals noch verschärft.

In diesem Zusammenhang enthält Großmanns Aufgreifen des alten Strauß-Zitats eine beunruhigende dialektische Wendung. Die von ihm und seinesgleichen weltweit durchgesetzte Energiepolitik ist ja bekanntlich hauptverantwortlich für den weltweiten Klimawandel, der bereits heute vor allem in einer bedrohlichen Erderwärmung resultiert. Der Meeresspiegel steigt, weil die Bestände an Inland-Eis überall auf dem Planeten abschmelzen. Auch in Alaska. Das Züchten von Ananas dort ist vielleicht bald längst nicht mehr so absurd, wie der launige Vergleich unterstellt. Dann hätte Großmann recht behalten: Die Förderung der Sonnenenergie in Deutschland ist genauso (wenig) absurd wie die Ananaszucht in Alaska. Aber das ist keine lustige Aussicht. Wir müssen also die Sonnenenergie fördern, auch damit den „knorrigen“ (6) Politikern und Wirtschaftsleuten einer ihrer Lieblingsvergleiche erhalten bleibt. Dafür empfiehlt es sich, Großmann und seinesgleichen nicht nach Alaska zu schicken, sondern in die Wüste.

Quellen

1) http://www.topagrar.com/news/Energie-News-Grossmann-Photovoltaikfoerderung-so-sinnvoll-wie-Ananas-zuechten-in-Alaska-686486.html(19.1.2013); http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/handelsblatt-energietagung-grossmann-mahnt-europaeische-energiepolitik-an/6076310.html (19.1.2013)

2) http://www.unendlich-viel-energie.de/de/wasserkraft/detailansicht/article/95/strommix-in-deutschland-2012.html (19.1.2013)

3) http://www.flensburg-online.de/zitate-franz-josef-strauss.html (19.1.2013). Fast wortgleich in Capital 1/1969; vgl. Klaus Staeck (Hrsg.): Einschlägige Worte des Kandidaten Strauß. Göttingen 1979. S.153

4) Staeck (wie Anm. 3), S.161

5) Staeck (wie Anm. 3), S.161. Vgl. auch http://www.fjs.de/fjs-in-wort-und-bild/zitate.html (19.1.2013)

6) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/im-portraet-juergen-grossmann-ein-mann-und-seine-meinung-11024500.html (19.1. 2013)



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