Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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30.03.2011, Kurt Kreß:

Europa braucht weder Atom- noch Wüstenstrom

Soweit sich Politiker weltweit überhaupt um den Schutz des Klimas und der Umwelt bemühen, scheinen sie fast ausschließlich an großtechnische Lösungen und globale Vereinbarungen zu denken.

Als ein Beispiel sei die im Herbst 2009 gegründete Industrie-Initiative (DII) GmbH genannt, der 12 Unternehmen und die Desertec-Foundation angehören. Sie planen gemeinsam den Bau riesiger solarthermischer Anlagen in der Sahara sowie die zugehörigen, Kontinente überspannenden Leitungen und Seekabel. Durch diese soll der „saubere Strom aus der Wüste“ über tausende von Kilometern nach Europa transportiert werden.

Als Motivation dieses Zusammenschlusses von Konzernen und Banken zur Verwirklichung des Unternehmens Desertec sind wohl vor allem wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. So freut sich der SIEMENS-Chef Peter Löscher über den Einstieg in die Solarthermie „im großen Stil“: „Diese Idee kommt zur rechten Zeit und auch mit Blick auf das mutmaßliche Milliardengeschäft Desertec“ (Frankfurter Rundschau vom 10. Sept. 09).

Vor der Entwicklung einer immer gigantischere Ausmaße annehmenden Technik warnte schon 1973 E. F. Schumacher in seinem Bestseller „Small is Beautiful“ [1]. Er forderte eine „Rückkehr zum menschlichen Maß“, die Entwicklung einer dezentral strukturierten Technik, deren Gebrauchswert der an ihr arbeitende Mensch für sich oder für eine überschaubare Gemeinschaft unmittelbar erkennt. Dies Erkennen ist die eigentliche Motivation für seinen Arbeitseinsatz.

Im Gegensatz zu den von finanzstarken Unternehmen geplanten großtechnischen Anlagen wie Desertec oder auch riesige Offshore-Windparks werden Anlagen zur dezentralen Nutzung regenerativer Energien meist von einzelnen Kommunen, Stadtwerken, Bürgerkraftwerken oder von Privatleuten entworfen und betrieben. Diese Anlagen zur dezentralen Nutzung von Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme erzeugen Strom und Wärme dort, wo diese Energien gebraucht werden. Dezentral angeordnete Speicher können den unregelmäßig anfallenden Energiefluss ausgleichen. Für beides reichen kurze, verlustarme Leitungswege, also ein dezentraler Ausbau des Leitungsnetzes, was zu einer Entlastung überregionaler Netze führt. In Verbindung mit Computer gestützten Leitständen, sog. virtuellen Kraftwerken, die Angebote und Nachfrage dezentral erzeugter Energie aufeinander abstimmen, entsteht so eine dezentrale Energieversorgung mit einer breiten Streuung von Eigentum [2].

Die uns in Europa zur Verfügung stehenden regenerativen Energien reichen durchaus für eine Vollversorgung. Voraussetzung ist allerdings, dass die Politik nicht durch restriktive Maßnahmen, etwa durch die radikale Absenkung der Einspeisevergütung für Solarstrom oder durch starke Begrenzung der Nutzung von Windenergie im Binnenland den Ausbau der hierzu nötigen Anlagen behindert.
Ein Plan von EUROSOLAR versucht hier gegenzusteuern [3]. Er zeigt, wie man Wind- und Sonnenenergie entlang von Autobahnen und Ferntrassen ernten kann. Hermann Scheer rechnete vor, dass man z.B. entlang der Autobahn A7 mindestens 1251 siedlungsferne Windkraftanlagen der 5 MW-Klasse, insgesamt also eine Leistung von 6255 MW installieren könnte. Das entspräche etwa der Leistung von 6 großen Kohle- oder Kernkraftwerken. Der Bau von Windkraftanlagen entlang der Autobahnen wäre ein Projekt dezentraler Energieversorgung, denn als Investoren kommen nur Stadtwerke, Bürgerkraftwerke und Privatpersonen infrage. Dadurch blieben die Erlöse aus dem Stromverkauf in der jeweiligen Region.

Eine flächendeckende dezentrale Energieversorgung ist sicherer als riesige Energieversorgungswerke, da im Gegensatz zu diesen ein Ausfall kleiner Anlagen leicht auszugleichen ist. Vor allem, und das ist heute das Entscheidende, ist eine dezentrale Energiebereitstellung sehr viel schneller zu realisieren als das Desertec-Projekt, vor dessen Baubeginn langwierige Untersuchungen und schwierige Verträge mit zahlreichen, teils unberechenbaren Regierungen abzuschließen sind.

Diesen Zeitvorteil beim Ausbau dezentraler Strukturen zeigen eindeutig die Daten des Statistischen Bundesamtes oder des BMU (AGEE-Stat). So wuchs z.B. die Summe der Leistungen dezentraler Anlagen, die nur mit Erneuerbaren Energien betrieben werden, in Deutschland in der Zeit von 2004 bis 2009 um 21.015 MW. Dieser Leistungszuwachs innerhalb von 5 Jahren entspricht etwa einer Leistung von 21 großen Kohle- oder Atomkraftwerken! In diesen 5 Jahren hätte man aber kein einziges Großkraftwerk fertig stellen können, da deren Planungs- und Bauzeiten in der Regel den Zeitrahmen von 5 Jahren überschreiten.
Diese Zahlen zeigen eindeutig, dass keine Energietechnik schneller zu realisieren ist als der Bau von Anlagen zur dezentralen Nutzung regenerativer Energien. Von diesen Energien gibt es in Europa mehr, als wir benötigen. Wir brauchen also weder Strom aus der Sahara noch aus der Nordsee, auch keine Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken oder neue Kohlekraftwerke!

Nun nochmals zum Thema Wüstenstrom, zu Afrika und den Afrikanern. Die Völker Nordafrikas zeigen uns gerade ihr Verständnis von Mitgestaltung und Mitbestimmung, also von Demokratisierung. Über das, was in ihrem Land geplant und gebaut wird und wie weit das ihre Interessen betrifft, müssen zuerst einmal sie selbst entscheiden. Dass das die an Desertec beteiligten Konzernen und Institutionen anders sehen, belegen eindeutig die für Desertec geplanten HGÜ-Leitungen und Seekabel, die von den Anlagen zur Stromerzeugung in Nordafrika alle nach Norden Richtung Europa führen [4]. Die Völker Afrikas südlich der Sahara spielen bei diesen Plänen sowieso keine Rolle. Natürlich braucht ganz Afrika unsere Hilfe, vor allem unsere Technik, um seine intensiv scheinende Sonne und starken Winde nutzen zu können, für Strom und an den Küsten auch zur Produktion von Trinkwasser. Wegen der meist fehlenden, auch gar nicht benötigten Infrastruktur kommt für ganz Afrika nur eine dezentral organisierte Energieversorgung infrage, die Sonne und Wind dort nutzt, wo Strom, Wärme und Trinkwasser benötigt werden. Da in vielen Dörfern keine Netze für die Verteilung des Solar- oder Windstroms existieren, reicht, wo nötig, die Verlegung kurzer Leitungen bzw. Erdkabel. Auch für die Versorgung ganzer Siedlungen und Städte genügen einige solarthermische Anlagen von 50 bis 100 MW in deren Umgebung, für die man keine verlustreichen und schwierig zu wartenden Überlandleitungen benötigt.

Statt die dezentral zur Verfügung stehenden Energien von Sonne und Wind großtechnisch zu sammeln, um sie dann wieder verlustreich zu verteilen, sollte man grundsätzlich die dezentral auftretenden Primärenergien auch dezentral nutzen, und zwar weltweit.

Zum Autor:

Kurt Kreß ist Physiker. Er bildete Physiklehrer aus und ist Mitautor von Physikbüchern der Verlage Diesterweg und Westermann

Zu einem eng verwandten Thema siehe auch seinen Beitrag Über den Gebrauchswert von Offshore-Windparks

Graphik: Desertec-Foundation

Literatur:

1) Ernst Friedrich Schumacher: „Small is Beautiful“, Blond & Briggs, London 1973 und „Die Rückkehr
zum menschlichen Maß“, 3. Auflage, 2001, Stiftung Ökologie und Landbau, Bad Dürkheim
2) Siehe: www.kombikraftwerk.de; „Plan für eine emissionsfreie Welt bis 2030“ in „Spektrum der Wissenschaft“, 12/09, S. 8of; www.sfv.de/artikel/2007/powerpo.htm; Hermann Scheer in "Energieautonomie, S. 54ff und in „Der energethische Imperativ“, S. 48 ff
3) Eine ausführliche Beschreibung des Projektes „Energieallee A7“ findet sich in der Zeitschrift „Solarzeitalter“ von EUROSOLAR, Nr. 3/9, S.21 ff und 2/10, S. 31ff.
4) Siehe: de.academic.ru/dic.nsv/dewiki/1300966 (unter „Potential der Sonnenenergie); www.clubofrome.
de/desertec.html Hermann Scheer †, Auszug aus seinem letzten Buch: „Der energet(h)ische Imperativ“
Wenn etwa ein Viertel des Desertec-Stroms nach Deutschland fl ießen würde, um hier einen 15-prozentigen Beitrag zur Stromversorgung zu leisten, wäre dafür nach der simulierten Kostenschätzung ein anteiliger Investitionsaufwand von 100 Milliarden Euro erforderlich. Vergleichen wir das mit den seit 2000 im Rahmen des deutschen EEG realisierten Investitionen von insgesamt 96 Milliarden Euro für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in Deutschland, die innerhalb von 10 Jahren zu einem Stromversorgungsbeitrag von 13 Prozent geführt haben, so zeigt sich: Das „Großvorhaben“ des EEG war deutlich schneller realisierbar und keineswegs kostspieliger, als das Desertec-Projekt zu werden verspricht. Die 96 Milliarden Euro repräsentieren im Übrigen zahllose kleine und mittlere Investitionen, und sie belegen eindrucksvoll, bei wem das Einführungstempo liegt und wie das Investitionskapital für erneuerbare Energien aktiviert



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