Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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05.08.2011, Kurt Kreß:

Über den Gebrauchswert von Offshore-Windparks

Die geografischen Unterschiede in der Intensität von Wind und Sonne legen den Gedanken nahe, diese Energien dort zu ernten, wo der Wind am stärksten und dauerhaftesten weht und die Sonne am intensivsten scheint, also z.B. auf Nord- und Ostsee und in Nordafrika. Dadurch bliebe im Wesentlichen die Struktur unserer jetzigen Energieversorgung erhalten, die Stromtrassen, die den Windstrom aus dem Norden und den Solarstrom aus dem Süden aufnehmen und weiterleiten, müssten allerdings entsprechend verstärkt werden.

Dass Europa keinen Solarstrom aus Nordafrika benötigt, versuchte ich im Solarbrief 1/11 siehe S. 28 - Europa braucht weder Atom- noch Wüstenstrom zu zeigen. Wie weit gilt das auch für den Windstrom aus Nord- und Ostsee?

Deutsche Offshore-Windparks

Zur Zeit (August 2011) betreibt Deutschland die beiden Anlagen Alpha Ventus mit 60 MW und Baltic 1 mit 48,3 MW Leistung. Im Bau befindet sich Bard Offshore 1, das nach Fertigstellung 400 MW leisten soll. Von den geplanten 80 Rotoren dieser Anlage wurden von April 2010 bis Mai 2011 erst 18 installiert. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen bis 2030 in Nord- und Ostsee Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von 25 000 MW errichtet werden.

Der technische Aufwand für Bau, Transport, Verkabelung und Wartung von Offshore-Windparks ist sehr groß. So benötigt der Ausbau von Offshore- Parks eigene Häfen, Spezialschiffe für Transport der Anlagen, für Verlegung der Kabel in ein Meter Tiefe im Meeresgrund (z.B. 60 km Seekabel für Baltic 1) sowie Spezialkräne für die bis 100 Tonnen schweren Gondeln. Hinzu kommt die schwierige Wartung der weit entfernten Anlagen. Die Standorte deutscher Offshore-Anlagen wurden so gewählt, dass sie von der Küste aus nicht sichtbar sind. Die Realisierung derartiger Großprojekte können nur finanzstarke Konzerne leisten. Für den Abtransport des erzeugten Stroms fordern sie die politischen Rahmenbedingungen für Ausbau und Verstärkung einer etwa 3600km langen Höchstspannungsleitung durch die Bundesrepublik.

Die Faszination, die diese Offshore-Technik bewirkt, verdrängt leicht die Frage, ob es auch weniger spektakuläre, dafür aber schneller, billiger und effizienter zu realisierende Lösungen des Energieproblems gibt.

Genug Windenergie im Binnenland

Die Befürworter einer dezentralen Energieversorgung halten wegen des großen Potenzials an nutzbarer Windenergie im Binnenland die Seewindparks und die geforderte Verstärkung und Erweiterung des Höchstspannungsnetzes für verzichtbar.

Natürlich weht der Wind in Bayern nicht so stark wie auf See. Aber ist das ein Grund, im Meer Strom zu erzeugen und ihn dann durch lange Seekabel und Überlandleitungen verlustreich quer durch die Bundesrepublik nach Bayern zu transportieren? Einfacher und wesentlich billiger wäre es, in Bayern die Zahl der Windkraftanlagen entsprechend zu erhöhen, - wozu Platz und Wind allemal reichen, vor allem bei Turmhöhen bis 130 Metern -, und so auch eine aufwendige Verstärkung von 3600 km Stromtrassen einzusparen. Das führte dann schrittweise zu einer dezentralen Energieversorgung. Statt die dezentral zur Verfügung stehenden Energien von Sonne und Wind großtechnisch zu sammeln, um sie dann verlustreich wieder zu verteilen, sollte man grundsätzlich die dezentral auftretenden Primärenergien auch dezentral nutzen und so die Struktur der Energieversorgung schrittweise den Eigenschaften der erneuerbaren Energien anpassen 1).

Das beachtliche Potenzial an nutzbarer Windenergie im Binnenland hat Hermann Scheer durch seinen Beitrag "Energieallee A7" 2) veranschaulicht Er zeigte, dass man Windkraftanlagen entlang von Autobahnen preiswerter und wesentlich schneller als Offshore- Anlagen errichten kann. Er berechnete, dass man zum Beispiel entlang der Autobahn A7 mindestens 1251 siedlungsferne Windkraftanlagen der 5MW-Klasse, insgesamt also eine Leistung von 6255 MW installieren könnte. Das entspräche etwa der Leistung von 130 Baltic1-Windparks oder von 16 BARD Offshore 1 - Parks, - und das erst bei einer Autobahn! Wenn es zutrifft, dass die Windausbeute auf See im Schnitt das Doppelte von derjenigen im Binnenland beträgt, wäre die Stromproduktion längs der A7 immer noch 65 bzw. 8 mal so hoch wie diejenige der genannten Offshore-Parks. Da die Autobahnen ohnehin das Landschaftsbild verändern und einen beachtlichen Geräuschpegel erzeugen, haben die Argumente der Windkraftgegner "Verspargelung der Landschaft" und "Geräuschbelästigung" hier weniger Gewicht. Der Bau von Windkraftanlagen entlang der Autobahnen wäre ein Projekt dezentraler Energieversorgung, denn als Investoren kommen ausschließlich Stadtwerke, Bürgerkraftwerke und Privateigentümer infrage. Das bedeutete kurze, verlustarme Leitungen, also eine Entlastung der Höchstspannungstrasse, und eine breite Streuung von Eigentum. Die Erlöse des Stromverkaufs blieben dadurch in der jeweiligen Region.

Wolf von Fabeck hat durch eine Überschlagsrechnung 3)nachgewiesen, dass das Potenzial an nutzbarer Windenergie im Binnenland in Verbindung mit dezentralen Speichern sogar für eine Vollversorgung der Bundesrepublik mit Windstrom reichen würde.

Die trotz internationaler Klimakonferenzen stetig wachsende CO2-Konzentration erfordert schnelles Handeln

Meteorologen weisen weltweit auf das enge Zeitfenster hin, das uns zu einer Energiewende ohne CO2-Produktion bleibt. Macht es da Sinn, in eine Energietechnik zu investieren, die noch mindestens 20 Jahre braucht, um einen wesentlichen Beitrag zu unserer Energieversorgung leisten zu können? Diese Zeitspanne will die Regierung durch so genannte Brückentechnologien, etwa durch neue Kohlekraftwerke oder hauseigene Blockheizkraftwerke überbrücken. Wie überflüssig solche "Brücken" wären, wird deutlich, wenn man die Zeit, die für Bau und Installation dieser "Brücken" benötigt wird, mit derjenigen vergleicht, in der man dezentrale Anlagen zur Nutzung von Wind und Sonne installieren könnte, die insgesamt die gleiche Leistung bringen wie die jeweilige "Brücke". Die Daten des BMU (AGEE Stat) zeigen eindeutig, dass keine Energietechnik schneller zu realisieren ist als der Bau von Anlagen zur dezentralen Nutzung regenerativer Energien. Die Summe der Leistungen dieser dezentralen Anlagen ist in Deutschland in der Zeit von 2004 bis 2009 um 21015 MW angewachsen. Diese Leistung entspricht etwa einer Leistung von 21 großen Kohle- oder Atomkraftwerken! In diesen 5 Jahren hätte man wahrscheinlich kein einziges Großkraftwerk fertig stellen können, da deren Planungs- und Bauzeiten in der Regel den Zeitrahmen von 5 Jahren überschreiten. Ein Vergleich der in 5 Jahren installierten Leistung dezentraler Anlagen von 21015 MW mit der Leistung von Alpha Ventus und Baltic 1 (s. o.), sowie mit der erst nach 20 Jahren fertig gestellten Offshore-Leistung von 25000 MW verdeutlicht nochmals den großen Unterschied in den Fertigungszeiten.

Für eine ausreichende Energieversorgung geht es aber nicht nur um die Leistung einer Anlage in MW, die sie unabhängig von Wind und Sonne besitzt, sondern um den tatsächlich erzeugten Strom in MWh, der nur fließ, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Die Stromerzeugung dieser dezentralen Anlagen wuchs in Deutschland in der Zeit von 2004 bis 2009 von 57529 GWh auf 96700 GWh. Das bedeutet pro Jahr eine durchschnittliche Zunahme von 7834 GWh Strom aus erneuerbaren Energien, Tendenz steigend. Zum Vergleich:

Der Neubau eines großen Kohlekraftwerkes mit einer Leistung von 1000 MW und 7500 Volllaststunden erzeugt erst nach einer Bauzeit von etwa 5 Jahren 7500 GWh Strom pro Jahr. Es ist unbegreiflich, wie man angesichts dieser Zahlen, die für jeden im Internet nachprüfbar sind, behaupten kann, dass wir wegen einer drohenden Stromlücke neue Kohlekraftwerke bauen müssen!

In Anbetracht der genannten Vorzüge der Nutzung von Windkraft im Binnenland ist die finanzielle Bevorzugung von Offshore-Anlagen gegenüber Onshore-Anlagen [link, 4]) durch unsere Regierung nicht nachvollziehbar. Wegen der finanziellen Mehrbelastung durch den beachtlichen technischen Aufwand beträgt die Einspeisevergütung des Offshore-Stroms mehr als das Doppelte derjenigen für Strom aus Windkraftanlagen an Land. In der EEG-Novelle heißt es zur Begründung dieser Bevorzugung u.a.: Offshore-Anlagen werden bedingt durch ihre Lage über einzelne recht lange Anschlussleitungen angeschlossen, die mit hohem Aufwand errichtet werden und schwer zugänglich sind." Mit der Logik dieser Begründung könnte man dem Besitzer einer teuren Limousine mit hohem Spritverbrauch wegen seiner dadurch auch hohen finanziellen Aufwendungen einen Teil seiner Kfz-Steuer erlassen. Nein, wir brauchen weder teure Limousinen noch teure Offshore-Windparks.

Fazit: Vor allem aus geografischen Gründen (lange Küsten, geringe Meerestiefen) mögen Offshore-Windparks in Ländern wie Dänemark und England einen gewissen Gebrauchswert haben. In der Bundesrepublik ist der Bau weiterer Offshore-Anlagen aus den oben genannten Gründen sicher verzichtbar.


Literatur:
1) Siehe z.B. Hermann Scheer: In "Wind des Wandels", Ponte Press, Bochum 2007, S. 7 "Andere Quellen" andere Strukturen".

2) Eine ausführliche Beschreibung des Projektes "Energieallee A7" findet sich in der Zeitschrift "Solarzeitalter" von EUROSOLAR, Nr. 3/9, S.21 f und 2/10, S. 31 f.

3) Siehe "Solarbrief" 4/07, Zeitschrift des Solarenergie-Fördervereins Deutschland e.V., S. 18 f.

4) Siehe "Solarbrief" 2/11, S. 23.



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