Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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25.08.2015, Rüdiger Haude:

Grundlastkraftwerke können Versorgungssicherheit nicht mehr garantieren

Polen muss wegen Hitze Kohlekraftwerke abschalten – Die Agentur dpa hält das aber nicht vom üblichen Solar-Bashing ab

Mitte August brachten die Zeitungen eine dpa-Meldung zu aktuellen Problemen bei der Stromversorgung. Es handelt sich um ein Paradebeispiel für die Demagogie, mit der diese Frage vor allem von konservativen Medien behandelt wird. Eine Demagogie, die nicht nur ärgerlich ist, sondern brandgefährlich! Unter Überschriften wie „Sommer macht Strom teurer“ wird folgende Begründung für die witterungsbedingte Strompreisentwicklung gegeben.

Die wochenlange Hitzewelle wird die deutschen Stromverbraucher mit zweistelligen Millionenkosten belasten. Die Gründe dafür: Eine sehr hohe Produktion von Sonnenstrom aus Photovoltaik-Anlagen im Norden, viele Ökostromexporte nach Südosteuropa und enorme Probleme in Polen, wo der Strom knapp ist.“(1)

Auf zwei Aspekte muss hier eingegangen werden.

1. Der wichtigste Grund für steigende Preise ist für dpa und die abdruckenden Blätter bzw. Internetseiten ein steigendes Angebot. Das stellt die marktwirtschaftlichen Gesetze auf den Kopf. Der Grund liegt darin, dass konventionelle Kraftwerke, die aus Gründen der Netzstabilität abgeregelt werden müssen, obwohl sie lange im Voraus ihren (nun nicht mehr zu produzierenden) Strom an der Termin-Börse verkauft haben, hierfür entschädigt werden. Solche „Redispatch“-Maßnahmen sind in der Tat bei der extremen Wetterlage dieses Sommers häufiger durchzuführen als sonst.

Dispatch ist ein Fremdwort für Kraftwerkseinsatzplanung. Diese erfolgt nach betriebswirtschaftlichen Überlegungen der Kraftwerksbetreiber (z.B. RWE Power) für jede Stunde des Folgetages und wird den Übertragungsnetzbetreibern mitgeteilt. Die Kraftwerksbetreiber entscheiden, welches ihrer Kraftwerke und mit welcher Leistung es eingeschaltet werden soll und welches ausgeschaltet bleiben kann. Die Entscheidung erfolgt derzeit ohne Rücksicht darauf, ob der Strom dann über große Entfernungen transportiert werden muss oder in derselben Region verbraucht werden kann.

Wenn die Übertragungsnetzbetreiber feststellen, dass ihre Leitungen die geplante Strommenge an irgend einer Stelle nicht übertragen können, dass dort also ein Engpass entsteht, dann korrigieren sie die Einsatzplanung. Die Korrektur wird Redispatch genannt. Die Übertragungsnetzbetreiber weisen ein Kraftwerk vor dem Engpass an, seine Produktion zu drosseln und weisen ein Kraftwerk hinter dem Engpass an, seine Produktion zu erhöhen. Redispatch verkürzt also den Stromtransport. Beide Kraftwerke erhalten eine Entschädigung für die ihnen aufgezwungene Änderung des Einsatzplanes. Diese wird auf die Netznutzungsgebühren umgelegt.

Ausführlicher wird das erklärt unter www.next-kraftwerke.de

Der Schluss, welcher daraus zu ziehen ist, lautet freilich nicht, dass „die hohe Produktion von Sonnenstrom“ für diese Zusatzkosten verantwortlich ist, sondern das Überangebot von Strom aus fossilen und atomaren Kraftwerken, die bei wachsendem Angebot sauberen, regenerativen Stroms zunehmend systemwidrig werden.

dpa schreibt außerdem, der viele Strom verstopfe „die Leitungen“, und zitiert einen Vertreter des Netzbetreibers 50Hertz, wonach der geplante Ausbau der Fernübertragungsleitungen innerhalb von Deutschland die Probleme lindern könne. Dass es gerade in sehr sonnigen Wochen auch volkswirtschaftlich um ein Vielfaches günstiger wäre, die großen anfallenden Solarstrommengen zeitlich zu verschieben (nämlich in die dunkle Nacht), statt örtlich (nämlich in Gegenden, wo die Sonne ebenso stark scheint), wird nicht mit einer Silbe erwähnt.

Stromspeicher statt „Grundlastkraftwerke“ und Fernübertragungsleitungen – diese Weichenstellung wäre volkswirtschaftlich dringend geboten, gefällt aber freilich weder den großen Netzbetreibern (und damit verbandelten Stromkonzernen), noch der konservativen Presse, die automatisch Partei für Konzerninteressen zu ergreifen pflegt. Es ist aber ärgerlich, dass die bedeutende Nachrichtenagentur dpa sich zu dieser Einseitigkeit hinreißen lässt.

Es geht hier aber nicht einfach um eine freie Entscheidung für dieses oder jenes Stromversorgungssystem. Es geht tatsächlich darum, ob und wie eine sichere Stromversorgung in Zukunft überhaupt denkbar ist - weil nämlich das herkömmliche System bei den steigenden Temperaturen des Klimawandels zunehmend versagt. Dies wird anhand des zweiten wichtigen Punktes überdeutlich, der aus dem Eingangszitat abzuleiten ist.

2. Warum gibt es „enorme Probleme in Polen, wo der Strom knapp ist“? Polen hat seine Stromversorgung fast ausschließlich auf dem Brennstoff Kohle aufgebaut, die uns auch in Deutschland als unverzichtbar, weil „grundlastfähig“, verkauft werden soll. Kohle ist im Stromsektor der Hauptverursacher des Treibhauseffekts, der das Klima auf der Erde verändert und im Wesentlichen die Temperaturen steigen lässt. In einer bitteren Ironie wirkt dieser Klimawandel nun auf die Kohleverstromung zurück. Kohlekraftwerke benötigen Kühlwasser, das nicht zu warm sein darf. Am 12. August schreibt die „Frankfurter Allgemeine“ zur Lage in Polen:

Der Strommangel kommt vor allem daher, dass die Kraftwerke nicht mehr mit Wasser gekühlt werden können. Nachdem die Temperaturen in einigen Städten am Wochenende bis auf 38 Grad gestiegen sind, führen manche Flüsse nur noch wenig Wasser – und der Rest heizt sich auf.“(2)

Bei steigenden Temperaturen erhöht sich der Bedarf an Kühlwasser, während das Wasserangebot sinkt; und die Rückleitung von stark erhitztem Kühlwasser in die Flüsse verbietet sich schon aus Gründen des Umweltschutzes – ein Aspekt, der sich ebenfalls verschärft, wenn weniger und wärmeres Wasser in den Flüssen ist.

Für die polnische Volkswirtschaft folgt im August 2015 hieraus, was die FAZ (ebenfalls aufgrund einer dpa-Meldung) mit folgenden Worten beschreibt: „Stahlwerke stellen die Produktion ein, Dünger-Fabriken drosseln die Arbeit – und selbst Ikea musste zeitweise eine Filiale schließen und darauf verzichten, Köttbullar zu kochen.“ Lassen wir dem FAZ-Schreiber die Verniedlichung des „selbst Ikea“ einmal durchgehen. Die beunruhigende Schlussfolgerung, die aus dieser polnischen Erfahrung zu ziehen ist, lautet: Unter den Bedingungen des Klimawandels sind thermische Kraftwerke (übrigens auch Atomkraftwerke) in den gemäßigten Breiten im Sommer nicht mehr sicher zu betreiben. Das gilt also auch für das deutsche System der Stromproduktion. Kraftwerke, die heute wegen "Redispatch" gedrosselt werden, müssen bald vielleicht schon abgeschaltet werden, weil sie nicht mehr gekühlt werden können. Statt Stromüberschuss dann also – Strommangel?

Ein Stromversorgungssystem, das sich auf diese fossilen und nuklearen Energiequellen verlässt, gefährdet die Versorgungssicherheit.

Wenn eine Agentur in dieser Lage ihren Bericht so verfasst, dass bei den Lesern der Reflex ausgelöst wird, die Solarenergie sei mal wieder an allem Schuld, dann darf man das wohl verantwortungslos nennen. Gerade die Sonne bietet für die heißen Sommermonate kommender Zeiten die Energie, die dann dringend benötigt wird. Wohl dem Land, das diese Energie dann in ausreichendem Umfang ernten und speichern kann.


1 Hier zitiert nach Soester Anzeiger, 17.8.2015; wortgleich u.a. auch auf focus.de am 16.8., auf welt.de am 16.8., auf bild.de usw.

2 http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/energiepolitik/polens-stromversorgung-geraet-wegen-hitze-in-gefahr-13746679.html




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