Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 23.07.2012, aktualisiert am 26.07.2012, Alfons Schulte und Wolf von Fabeck:

Offener Brief an den BUND - Gemeinsam gegen Fernleitungs-Stromtrassen

Ergänzungsvorschläge zur Kritik des BUND am Netzentwicklungsplan 2012

Gliederung


Offener Brief

An Herrn Thorben Becker
- Leiter Energiepolitik -
Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin


Sehr geehrter Herr Becker,

mit großer Aufmerksamkeit haben die Energieexperten des SFV die kritische und gründliche Stellungnahme des BUND zum ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2012 (NEP) studiert. Wir hoffen, dass Ihre Stellungnahme zu einer gründlichen Überarbeitung nicht nur des NEP-Entwurfs, sondern insbesondere auch des vorgegebenen Szenariorahmens zum NEP führen wird.

Wir sind uns weitgehend einig, dass weiterer Ausbau der Übertragungsnetze und insbesondere neuer Fernleitungs-Trassen für eine erfolgreiche Energiewende nur in wenigen Ausnahmefällen notwendig sind.
Wir möchten Sie ermutigen, in einigen der von Ihnen aufgegriffenen Kritikpunkte eine noch stringentere Position zu beziehen, die unseres Erachtens durchaus vertretbar wäre.
Um eine Diskussion im größeren Kreise zu diesen Punkten rasch in Gang zu bringen (die uns gewährte Zeit bis zur nächsten Stellungnahme ist ohnehin viel zu knapp bemessen) und weil wir davon ausgehen, dass es
unter unseren Mitgliedern viele Doppelmitgliedschaften (BUND und SFV) gibt, wählen wir die Form eines offenen Briefes. Und um den Eindruck zu vermeiden, dass es uns nur um Kritik um der Kritik willen ginge, lassen Sie uns hier vorab ausdrücklich und anerkennend betonen, dass wir Ihre zahlreichen Hinweise auf Mängel und Inkonsequenzen des NEP dankbar begrüßen.
Falls Sie auf unsere folgenden Überlegungen und Anregungen auch öffentlich antworten möchten, werden wir gerne Ihre Antwort über unsere Medien bekannt machen.

Und zu einem gemeinsamen Gespräch zur Thematik sind wir natürlich ebenfalls bereit.

Es folgt der inhaltliche Teil unseres offenen Briefes:

Unterschiedliche Abschätzung des zukünftigen Strombedarfs

Der BUND geht (Seite 2 unter Punkt 3.) von sinkendem Strombedarf aus. Im gegebenen Zusammenhang halten wir das für eine unglückliche Vorentscheidung.

Die folgende Passage wurde zur Vemeidung von Missverständnissen nachträglich überarbeitet.

Wir beim SFV setzen uns dafür ein, dass im Zuge der Energiewende auch der Verkehrssektor und der Wärmesektor vollständig auf ERNEUERBARE ENERGIEN umgestellt werden. Im Wärmesektor wird man zur Erzeugung der notwendigen Raumwärme in der sonnenarmen (aber windreichen) Jahreszeit vielfach auf elektrische Wärmepumpen zurückgreifen müssen.
Nicht überall lassen sich fossile Brennstoffe durch Sonnenkollektoren ersetzen. Die bisher fossil erzeugte verfahrenstechnische Hochtemperaturwärme wird durch elektrische Hochtemperaturwärme abgelöst werden.
Im Schiffs- und im Kraftfahrzeugverkehr wird sich immer stärker der Batterieantrieb durchsetzen.
Zusätzlich berücksichtigen wir auch noch den erhöhten Strombedarf (wg. des geringen Wirkungsgrads) bei der Bereitstellung eines strategischen Vorrats an synthetisch erzeugtem Wasserstoff, Methan, Methanol und evt. sogar Diesel ("Power to Gas" und "Power to Liquid") aus überschüssiger Wind- und Sonnenenergie. Deshalb stellen wir uns trotz Verbesserung der Effizienz sogar auf eine Verdrei- bis Vervierfachung des Stromanteils in
der Energieversorgung ein. So kommen wir auf etwa den sechsfachen zukünftigen Strombedarf gegenüber dem BUND.


Trotzdem sind wir sicher, dass kein wesentlicher Ausbau von Fernübertragungsleitungen erforderlich sein wird, wenn - wie es auch der BUND vorschlägt - die EE-Erzeugungsanlagen in der Nähe der Stromverbraucher installiert werden. Wir sehen aus dem gleichen Grund auch noch die Notwendigkeit, die von uns für erforderlich gehaltenen Pufferspeicher für Solar- und Windanlagen in der Nähe der Solar- und Windanlagen unterzubringen. Wir gehen allerdings davon aus, dass das Verteilnetz (besser gesagt, das "Energie-Sammelnetz") besonders für die Anbindung von Windparks an die Verbrauchszentren weiter ausgebaut werden muss.


Zur Durchführung von Sensivitätsanalysen schlägt der BUND (Seite 4 unter b) eine rechnerische Erhöhung der installierten Windleistung auch in Süddeutschland auf 2 Prozent der Landesfläche vor (189 GW > etwa 378
TWh). Diese Menge an Windstrom hält der SFV für viel zu gering. Die Unterschiede erklären sich unter anderem aus den unterschiedlichen Annahmen zum zukünftigen Strombedarf. Wir bitten, dies noch einmal zu
überprüfen. Wir gehen davon aus, dass man bundesweit etwa 10 Prozent der Landesfläche für Windparks vorsehen muss. Dieser Prozentsatz ist nicht unrealistisch. Der Bundesverband Windenergie (BWE) stellt in einer Studie (siehe dort Tabelle auf Seite 1) fest, dass sogar 22,3 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands für Windkraftanlagen technisch geeignet seien. (Es handelt sich nur um eine Feststellung, aber keine Forderung des BWE).
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Wärmekraftwerke in einem System Erneuerbarer Energien

Auf Seite 4 unter b und auf Seite 5 unter c werden vom BUND KWK mit Wärmespeichern zum Ausgleich fluktuierenden Solar- und Windstroms vorgeschlagen. Wir möchten diesen Themenbereich gerne weiter fassen und ihm zwei Präzisierungen voranstellen, die nicht nur KWK, sondern alle Wärmekraftwerke betreffen.

  • Wärmekraftwerke wären für den Übergang in ein System mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien bestens geeignet und vermutlich unverzichtbar, wenn sie später auch mit synthetisch erzeugtem Brennstoff ("Power to Gas" oder "Power to Liquid") betrieben werden können. Das gilt sowohl für KWK-Anlagen als auch für Gas und Dampf-Kraftwerke (GuD) als auch für reine Gasturbinen-Kraftwerke und sogar für Brennstoffzellenaggregate, schließt aber Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke - gleichgültig ob mit oder ohne Wärmeauskopplung - eindeutig aus.
  • Die Gesamtleistung aller zukünftigen Wärmekraftwerke muss ausreichen, um bei Totalausfall von Wind- und Sonnenenergie unter Nutzung eines strategischen Vorrats an EE-Brennstoffen die Energieversorgung aufrecht zu erhalten. Da nach unserer Abschätzung der Strombedarf deutlich zunehmen wird, werden gegenüber heute sogar noch ZUSÄTZLICHE Wärmekraftwerke oder Brennstoffzellen-Anlagen notwendig. Nur wenn es nicht gelingt, diese dezentral und verbrauchernahe zu errichten, würde weiterer Leitungsausbau notwendig werden. Selbst in Regionen ohne Gasanschluss sollten deshalb verbrauchernahe dezentrale (Klein)-Kraftwerke oder BHKW installiert werden, die aus unterirdischen EE-Methanol- oder EE-Diesel-Tanks, die mit Tankwagen befüllt werden, ihren Brennstoff beziehen.

Verbesserungsvorschlag des SFV zum Ausgleich fluktuierender Solar- und Windstromeinspeisungen

Wir verstehen die BUND-Planungen so, dass der Ausgleich der fluktuierenden Solar- und Windeinspeisungen - soweit sie sich nicht (zufällig) in der 20/110 kV-Netzebene ausbalancieren (Seite 3 erster Absatz), durch Einspeisung aus strombedarfsgeführten KWK-Anlagen mit Wärmespeicher (Seite 4, Absatz b)) und Kappen der Spitzeneinspeisungen um 10 Prozent (Seite 5, d) fünfter Absatz) erfolgen soll.

Diesem Verfahren stellen wir unseren SFV-Vorschlag gegenüber. Da sich der Netzausbau immer nach den zu übertragenden Spitzenleistungen richtet, erscheint uns eine Kappung der Spitzeneinspeisungen um nur 10
Prozent zur Entlastung der Stromnetze als völlig unzureichend. Bei der Solarenergie ist an sonnigen Tagen die Spitzenleistung immerhin fast dreimal so hoch wie die Tagesdurchschnittsleistung.

Wir schlagen deshalb eine konstruktive Abregelung der Netzeinspeisung in ALLEN NEU zu installierenden PV-Anlagen nicht nur um 10 Prozent, sondern um 70 Prozent gegenüber der theoretischen PV-Peakleistung
(Gleichstrom-Spitzenleistung) vor. Genauer siehe Vorschlag des SFV zum Speicherausbau.
Selbstverständlich sollen die PV-Betreiber bei der Errichtung eigener Pufferspeicher durch Förderprogramme unterstützt werden, um den tagsüber gespeicherten Überschussstrom dann am Abend und in der Nacht einzuspeisen. Damit werden die Stromnetze vom Nieder- bis zum Höchstspannungsnetz erheblich entlastet. Es besteht dann auch kein sachlicher Einwand mehr gegenüber dem massiven Ausbau von PV-Anlagen insbesondere auf den Dächern der großen Städte in unmittelbarer Nähe der Stromverbraucher.

Einen entsprechenden Vorschlag - mit erheblich größeren Pufferspeichern (vielleicht in Natrium-Schwefel-Technik) - erlauben wir uns auch bezüglich der Windstromeinspeisungen, wobei die konkreten Werte für die
konstruktive Abregelung der Leistungsspitzen erst noch durch Windkraft-Fachleute berechnet werden müssen.

Mit freundlichen Grüßen


Alfons Schulte Wolf von Fabeck
- 2. Vorsitzender - - Geschäftsführer -

SFV-Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan 2012

PS Der SFV hat eine eigene SFV-Stellungnahme zum NEP am 10.07.12 abgegeben.

BUND-Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan 2012

Offizielle Stellungnahme des BUND zum ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2012 (NEP)

BUND-Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan 2012 - nichtautorisierte Textversion



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