Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 01.10.2016, aktualisiert am 11.10.2016, Wolf von Fabeck:

Regionalisierung und Dezentralisierung - Entfernungsabhängige Netzentgelte

Verbrauchernähe erhöht die Versorgungssicherheit und vermeidet Fernübertragungsleitungen

Wärmekraftwerke produzieren Strom mit einem positiven Skaleneffekt, d.h. sie arbeiten um so wirtschaftlicher, je größer sie sind. Das hat technische, organisatorische und politische Gründe und führte letztlich zur Bildung der großen Energiekonzerne. Großkraftwerke setzen gut ausgebaute Ferntransportleitungen voraus, mit denen der zentral gewonnene Strom zu den dezentral verteilten Verbrauchern weitergeleitet werden kann. Der von der Bundesregierung vorangetriebene Ausbau zusätzlicher Ferntransportleitungen demonstriert ihren Willen zur Zentralisierung.

Die wirkungsvollste Gegenmaßnahme gegen den Klimawandel ist die von uns geforderte totale Umstellung der Energieversorgung auf die dezentralen Erneuerbaren Energien Sonne und Wind und ihre Stromspeicher. Diese Umstellung entspricht nicht den Interessen der konventionellen Energiewirtschaft, denn
- die Stromproduktion in Solarstromanlagen arbeitet kaum mit einem positiven Skaleneffekt, d.h. Strom aus PV-Großanlagen ist nicht wesentlich billiger als Strom aus Dachanlagen. Diese Technik ist auch für "Privatleute" lohnend.
- der Ausbau der dezentralen Erneuerbaren Energien entwertet die gesamte technische Infrastruktur der konventionellen Energiewirtschaft
- der Ausbau der Erneuerbaren geschieht im wesentlichen unter Beteiligung der Bevölkerung und in einem Tempo, auf das die Energiewirtschaft wenig Einfluss hat.

Die Interessengegensätze sind so groß, dass eine Einigung im Konsens ausgeschlossen scheint.

Den eigentlichen Grund für die Ablehnung der dezentralen Erneuerbaren Energien nennt die konventionelle Energiewirtschaft mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung nicht. Stattdessen argumentiert sie mit einem angeblichen preislichen Vorteil zentralisierter Lösungen: Solarenergie solle man dort ernten, wo die Sonne scheint, im Süden - und Windstrom dort, wo der Wind weht, nämlich in Norddeutschland und auf See. Und dazu brauche man neue Fernübertragungs-Trassen von der Küste bis nach Bayern und Baden-Württemberg. Diese Behauptung wurde in den vergangenen Jahren viele tausend mal wiederholt, ist jedoch trotzdem falsch. Die Trassen können die Versorgung von Süddeutschland mit Windstrom nicht leisten. Um das herauszufinden, braucht man sich nur eine einzige Frage selbst zu beantworten:

  • Wer soll, wenn bei Dunkelheit in Mitteleuropa nur wenig Wind weht, bei einer "Dunkelflaute" also, den Strom aus Wind- und Solarenergie liefern?

Fragt man beharrlich weiter, so stößt man schließlich auf des Pudels Kern. Die neuen Fern-Trassen sollen Fossilstrom, genauer Braunkohlestrom, in Deutschland verteilen. Zugeben wird das die Bundesregierung niemals, weil sonst die Rechtsgrundlage für die Enteignung bzw. Teilenteignung der betroffenen Grundstückseigentümer in Frage gestellt sein könnte, denn nach Artikel 14 Abs. 3 Grundgesetz gilt: "Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig..." Braunkohlestrom wird nach dem Pariser Abkommen aber wohl kaum noch als gemeinwohlfördernd anerkannt.

Gründe für Dezentralisierung und Regionalisierung

Verbrauchernähe ist die Stärke von Wind- und Solaranlagen und der dazugehörigen Strom- und Energiespeicher. Eine VDE-Studie „Der Zellulare Ansatz“ aus dem Jahr 2015 (kostenpflichtig) bestätigt die Vorteile und die Machbarkeit dieses Konzepts. Dessen Vorteile machen sich im Wettbewerb noch mehr bezahlt, wenn der wirtschaftliche Aufwand, Strom über weitere Entfernungen zu transportieren, in entfernungsabhängigen Netzentgelten berücksichtigt wird. Volkswirtschaftlich wird damit der Aufwand des Netzausbaus minimiert, die Fehlinvestition in zusätzliche Fernübertragungs-Trassen wird verhindert. Regionale Endkundenversorger - z.B. Stadtwerke - werden dann wegen der entfernungsabhängigen Netzgebühren steigendes Interesse am Bezug von preiswertem Solar- und Windstrom aus der Region haben. Das Ergebnis wird sein, dass es zu mehreren Preiszonen in Deutschland kommen wird. Die Politiker, die in Süddeutschland den Windkraftausbau verhindert haben, müssen dann der Bevölkerung erklären, warum in Regionen mit wenig Windrädern der Strom teurer ist.


Hinzu kommt mit der Regionalisierung eine bessere Beherrschbarkeit möglicher Umstellungspannen, weil sie dann in den anderen Regionen vermieden werden können. Selbst ein Total-Blackout könnte dann regional eingegrenzt werden.

Äußerst wichtig ist - wie bereits oben angedeutet - auch die Tatsache, dass bei einer dezentralen Energiewende Akteure gewonnen werden, die sich an regionalen Projekten in eigener Initiative beteiligen.

In diesem Zusammenhang soll sogleich ein mögliches Missverständnis zum Begriff "Bürger-Energie" aufgeklärt werden. Nicht nur Privatleute, sondern auch potente Kapitalgeber und Großkonzerne sind notwendig, insbesondere im Bereich der Produktions- und Erhaltungs-Infrastruktur. Man denke z.B. an große Stromspeicher-Fabriken, die allein durch den positiven Skaleneffekt zur Verbilligung der neuen Technik einen wichtigen Beitrag leisten.

Bürger-Energie und Produktions-Infrastruktur
Bürgerenergie und Produktions-Infrastruktur

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Fabriken zur Herstellung von Speicherbatterien oder Solarmodulen oder Windkraftanlagen wird man sicher nicht als typische Projekte der Bürger-Energie ansehen, trotzdem brauchen wir sie. Die Bezeichnung "Bürger-Energie" ist nicht ausschließend zu verstehen. Sie drückt den Stolz darüber aus, dass sich auch Bürger durch den Bau eigener Anlagen beteiligen können und durch ihre aktive Nachfrage sogar das Tempo bestimmen. Eine vollständige Umstellung der Energieversorgung setzt die Mitwirkung der ganzen Gesellschaft voraus.




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