Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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20.03.2015, Wolf von Fabeck:

Wer legt die Regeln für den Strommarkt fest?

Editorial des Solarbriefs 1/15

Haben Sie sich schon einmal vergegenwärtigt, dass das Europäische Stromverbundnetz eine riesige Maschine ist, an deren „Schalthebeln“ fast 500 Mio. Menschen Einstellungen vornehmen können? Es handelt sich um eine der größten Maschinen dieser Welt; eine Energieverteilungs-Maschine!

Schon kleine Kinder dürfen diese Maschine bedienen. Sie dürfen das Licht oder den Staubsauger einschalten und siehe da, die Maschine funktioniert wie gewünscht. Eine besondere Ausbildung brauchen die Millionen Bediener nicht und trotzdem funktioniert sie (fast) immer richtig.

Eine beeindruckende Angelegenheit!

Kaum jemand stellt die Frage, nach welchen Regeln das Stromverbundnetz, unsere Elektro-Monstermaschine, eigentlich bedient wird. Müssen die Bediener das Ohmsche Gesetz U = I x R verstehen, oder gar auswendig lernen? Müssen Sie die vorgeschriebene Frequenz von 50 Hertz und die Spannung im Niederspannungsnetz von 230 Volt messen und kontrollieren können? Müssen sie die Sachen, auf deren Beherrschung die Elektrotechniker so stolz sind - die Sache mit der Blindleistung oder der Scheinleistung und dem ganzen Pi Pa Po alle verstehen?

Nein sie müssen es nicht! Die große Maschine ist so genial konstruiert, dass sie wie von selber läuft.
Aber irgend eine Regel müssen die Millionen doch befolgen???

Ja doch. Es gibt da eine einzige kleine Regel für alle Bediener. Wer Strom haben will, muss ihn bezahlen. Ich erwähne diese Regel, weil sie uns den wichtigen Hinweis gibt, dass wirtschaftliche Interessen hinter der reibungslosen Funktion stehen.
Aber fragen wir genauer nach. Wer bestimmt denn, wieviel der Strom kostet und wer den Strom erzeugen und wer damit Geld verdienen darf? Nun das geschieht am „Strommarkt“.

Und wer die Regeln für den Strommarkt festlegt, der ist der eigentliche Chef. Der ist nicht nur Chef vom Strommarkt, sondern der ist Chef vom Großen Ganzen. Denn ohne Energie, das wissen wir, läuft in unserer hochtechnisierten Welt gar nichts mehr.
Der eigentliche Chef war früher der Pharao oder der Kaiser oder irgend ein gottähnliches angebetetes Wesen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Chefs bleiben heutzutage anonym. Das bewahrt sie davor, angebetet und später einbalsamiert, oder für ihre Fehler jemals zur Verantwortung gezogen zu werden.

Fassen wir zusammen: Der Strom fließt natürlich nach physikalischen Gesetzen, aber wo man seinen Fluss beeinflussen kann, wo geregelt und gesteuert wird, geschieht das nach marktwirtschaftlichen Erwägungen! Das Europäische Verbundnetz wird nach MARKTREGELN gesteuert. Es gibt - das sollte man hier ergänzen - nicht nur eine einzige Marktregel.

Die jetzt noch gültigen Regeln des Strommarktes sind zu Zeiten entstanden, in denen Atom- und Kohlestromhersteller ihren Strom gewinnbringend verkaufen durften.

Seine gegenwärtige Funktionsweise ist deshalb - historisch bedingt - atom- und kohlefreundlich, denn er bevorzugt Kraftwerke, die ihre Leistung langfristig im Voraus garantieren können.

Wer nun wie wir aus dringenden ökologischen Gründen einen ungeschmälerten Vorrang der Erneuerbaren Energien vor Kohle- und Atomstrom erreichen will, der muss die vorhandene Marktstruktur durch eine andere Marktstruktur ersetzen. Doch die Lobbymacht wehrt sich gegen eine solche Veränderung, und unbewusst wird sie von allen denjenigen gestützt, die davon ausgehen, dass die derzeitigen Marktregeln alternativlose, sozusagen durch eine höhere Macht vorgegebene Marktregeln seien.

Unsere Botschaft lautet: Alternativlose Marktregeln gibt es eben nicht. Sie richten sich vielmehr danach, welches Produkt den Vorrang haben soll. Die Interessengebundenheit des Strommarktes ist der Öffentlichkeit bisher nur viel zu wenig bewusst.

Wer eine ökologische Energiewende erreichen will, der muss sich deshalb - auch wenn sie ihm eher unwichtig vorkommen - genau mit den Verfahrensregeln des Strommarktes auseinandersetzen. Dazu muss er wissen, dass sie menschengemacht sind und dass nur mit einer Änderung dieser Regeln ein echter Vorrang der Erneuerbaren Energien erreicht werden kann.

Der Strommarkt ist mehr als nur ein Instrument zur Verteilung der monatlichen Stromgebühren an die Stromerzeuger. Der Strommarkt ist DAS zentrale Steuerungsinstrument unserer Stromversorgung überhaupt.

Denn dort wird entschieden, wer Strom einspeisen darf und wer seine Anlagen abregeln muss, wer Geld damit verdienen darf und wer draufzahlen muss.

Mit meinem Aufsatz „Marktdesign Spotmarkt Only“-Überlegungen zur Bereinigung des Stromgroßhandels“ (ab Seite 4 des Solarbriefs) versuche ich für diese Betrachtungsweise Verständnis zu gewinnen.

Ich hoffe, dass es mir gelingt. Zu Detailfragen gibt es dann noch genügend Diskussionsbedarf.

Ihr Geschäftsführer
Wolf von Fabeck



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