Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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Artikel vom 15.12.1998

"Ihr vertretet doch nur Eure Interessen!"

Barbara Lersch-Schumacher und Michael Schumacher antworten auf einen hinterhältigen Vorwurf


Was die Sprache verschweigt ...

"Ihr vertretet doch nur Eure Interessen!" ist ein Argument, das Politiker, Verwaltungsbeamte und Wirtschaftsvertreter Sprechern von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen gerne entgegenhalten. Dabei benutzen sie den Begriff der "lnteressenvertretung" in deutlich abwertender Absicht. Das Wörtchen "nur" signalisiert das. Einer Umweltinitiative vorzuhalten, sie "vertrete ja nur ihre Interessen", stellt deren Glaubwürdigkeit und Seriosität in Frage. Denn das "nur" unterstellt, daß etwas Wesentliches fehlt. - "Ihr vertretet ja nur Eure Interessen!" Rein sprachlich wird so dem Vorwurf Ausdruck verliehen, daß jemand einem Anspruch nicht genügt. "Nur" Interessen zu vertreten, ist demzufolge zu wenig. - Aber: zuwenig wozu? Was kann es sein, was Politik und Wirtschaft von einem Umweltverband mehr erwarten, als "nur Interessen zu vertreten"?

Bezeichnenderweise gibt der Vorwurf selbst auf diese Frage keine Antwort. Sätze, die ihre Voraussetzungen nicht aussprechen, beanspruchen vorraussetzungslose Gültigkeit und Anerkennung. Entweder formuliert ein Sprecher mit ihnen einen Machtanspruch seiner Person, oder er beruft sich auf so etwas wie eine Lehrmeinung oder einen common sense. In beiden Fällen bleibt der Sprecher den Beweis für sein Argument schuldig. In beiden Fällen ersetzt er ihn durch eine Norm. Normen sind Setzungen, die einen Widerspruch in der Sache kategorisch ausschließen. Dabei beruht ihre kommunikative Wirkung auf einem unausgesprochenen Gedanken, an den sie appellieren.

...und was sie verrät.

In unserem Beispiel ist es nicht schwer, den unausgesprochenen Gedanken zu entschlüsseln. Auf den Punkt gebracht, besagt der Vorwurf "Ihr vertretet doch nur Eure Interessen!" in der Regel folgendes: "Euch geht es doch gar nicht um die Umwelt! In Wirklichkeit geht es Euch nur ums Geschäft!" - Auf der Ebene der argumentativen Logik wäre gegen einen solchen Vorbehalt folgendes zu sagen:

1. müßte der, der ihn erhebt, seine Berechtigung in jedem Einzelfall erst einmal nachweisen.

2. müßte er erklären, was er unter dem Begriff "Interesse" eigentlich versteht. Schließlich versteht es sich keinesfalls von selbst, daß "Interesse" nur den ökonomischen Vorteil einer Minderheit meint. Vielmehr versteht man unter "Interessen" ganz allgemein Absichten und Ziele, deren Wahrung für Personen oder Personengruppen nützlich und vorteilhaft ist. Über die Größe und gesellschaftliche Repräsentativität der betreffenden Personengruppe ist damit rein gar nichts gesagt. Die Sprache ist in Bezug auf den Begriff des "Interesses" völlig neutral. Das exzentrische Sonderinteresse einer Einzelperson an einem Privatflugplatz in der Wüste kann mit ihm ebenso bezeichnet werden wie das allgemeine Interesse der Menschheit an der Erhaltung des Planeten Erde.

3. müßte er erklären, warum er den Begriff des "ökonomischen Interesses", auf den er anspielt, so abwertend gebraucht. Sind nicht die Prinzipien von Zweck, Nutzen und Profit allgemein anerkannte Leitprinzipien für das Handeln in unserer Gesellschaft? Und gehört der, der den Vorwurf erhebt, als Parteipolitiker, Verwaltungsbeamter oder Wirtschaftssprecher nicht selbst zur Gruppe derjenigen, die sich einem so verstandenen "Interesse" verschrieben haben? - In dem Fall wäre schon die Tatsache, daß er den Vorwurf erhebt, nicht ohne Pikanterie. Was also berechtigt ihn dazu, von Umweltinitiativen eine andere Handlungsmoral zu verlangen als diejenige, nach der er selbst agiert?

Die Grenzen der Logik: Hier geht’s ans Vorurteil.

Mit den Mitteln der formalen Logik kann man schwache Argumente entkräften und falsche Argumente widerlegen. Meistens offenbart sich dabei unterhalb der logischen Ebene eine psycho-logische. Im politischen Meinungsstreit ist sie in der Regel die nachhaltigere. Was nicht zuletzt damit zu tun hat, daß es auf ihr selbst um Interessen geht. Und dabei handelt es sich nicht nur um das Interesse an der Verteidigung des Guten und Wahren. Auf der Ebene der Psycho-Logik ist Sprache nämlich nicht nur ein Mittel, mit dessen Hilfe Aussagen über Sachverhalte gemacht werden. Vielmehr wird die Sprache hier selbst zum Handeln. Unabhängig von ihrem jeweiligen argumentativen Gehalt werden Sätze im Streit der Meinungen und Interessen zu Waffen, mit denen der Gegner getroffen, verletzt und ins Wanken gebracht werden soll. Dabei geht es, je nach Stärke des Affekts, häufig hitzig und folglich weder besonders zimperlich noch besonders rational zu.

Das Fatale bei einem solchen Streit mit Wörtern ist die Tatsache, daß das verletzende Wort auch dann "sitzt", wenn man es rein argumentativ entkräften kann. Unabhängig von seinem jeweiligen sachlichen Gehalt zielt der Vorwurf "Ihr vertretet doch nur Eure Interessen!" auf die Zersetzung der Glaubwürdigkeit seines Adressaten. Der Satz unterstellt nämlich, daß Umweltpolitiker sich an einem anderen Handlungsmotiv ausrichten als demjenigen, auf das sie sich selbst berufen. In einer solchen Lesart kann man den Satz folgendermaßen übersetzen: "Es ist nicht wahr, daß es Euch mit Euren regenerativen Energien um die Natur, die Umwelt, den Globus und das Überleben der Menschheit geht! In Wirklichkeit wollt Ihr Euch nur bereichern!"

Solcherart ins Personale gewendet, ist der Vorwurf schwer zu widerlegen. Wenn jemand mir das, was ich sage, nicht glaubt, kann ich ihn hier und jetzt kaum eines Besseren belehren. Für die Glaubwürdigkeit meiner Person bürgt nämlich nur mein Handeln. Insofern kann ich meinen Gegner zwar daran erinnern, was ich in der Vergangenheit getan habe. Und ich kann ihm einen Handlungsplan für die Zukunft vorlegen. Aber auch damit verlange ich einen gewissen Vertrauenskredit in meine Glaubwürdigkeit. Und wo sich ein Vorurteil erst einmal eingenistet hat, läßt es sich so schnell nicht wieder aus der Welt schaffen. Solcherart treibt der "Interesse"-Vorbehalt Umweltpolitiker ganz unabhängig vom jeweiligen Anlaß der Auseinandersetzung in die Defensive. Bevor sie die Gelegenheit haben, das, was sie meinen, zu entfalten, sollen sie sich für das, was sie meinen, legitimieren.

Fallstricken entgeht man am besten, wenn man sich erst gar nicht in sie verwickeln läßt: Für eine offensive Gegenargumentation

So gesehen, ist der Vorwurf "Ihr vertretet doch nur Eure Interessen!" ein gefährlicher Fallstrick. Greifen wir ihn auf, sind wir nach dem Prinzip "wer sich verteidigt, klagt sich an", unversehens in ihm gefangen. Um dem zu entgehen, sollten wir das "Interesse"-Argument nicht über Gebühr aufwerten. Statt uns von ihm in die Defensive drängen zu lassen, sollten wir es herunterspielen auf das, was es ist: ein billiger Taschenspielertrick von Kleingeistern, deren Phantasie der Vorstellung, daß jemand nach einem anderen Prinzip handeln könnte als sie selbst, nicht gewachsen ist.

Eine offensive Gegenargumentation hat es im wesentlichen mit zwei Aspekten zu tun: Der erste betrifft den politischen Gehalt des Vorwurfs, die zweite seinen wirtschaftlichen. Die erste betrifft den Begriff des "Interesses", die zweite den Sachverhalt des ökonomischen Gewinns.

Warum die Interessen der Umweltbewegung es wert sind, vertreten zu werden.

Auf der politischen Ebene geht es darum, den Begriff des "Interesses" gegen den ihm von den Kritikern zugeschriebenen anrüchigen Beigeschmack des Partikularen, Vereinzelten und Nicht-Repräsentativen zu verteidigen. Etwas sehr Wichtiges steht dabei auf dem Spiel: die Anerkennung von Umweltpolitik als Politik. Letztendlich ist nämlich etwas, das "nur" einem Einzelinteresse nützt, nur privat. Es erfüllt die Allgemeinheitsbedingungen des Politischen nicht. Insofern kann es von der Politik übergangen werden. Es ist für sie nicht von "Interesse". Demgegenüber gilt es, den allgemeinen Begriff von "Interesse", dem eine globale Umweltpolitik verpflichtet ist, als ursprünglichen Begriff von "lnteressenspolitik" zu rehabilitieren. Aus welcher ökologischen Perspektive wäre dies souveräner möglich als aus der einer globalen ökologischen Denkweise? Schließlich ist das vitale Interesse am Überleben unserer Gattung immun gegenüber dem Vorwurf, ein Interesse zu sein.

Also: Wir betreiben Interessenpolitik! Aber sicher! Umweltpolitik, so wie wir sie verstehen, vereinigt unzählige Interessensperspektiven zu einem gemeinsamen Interessenhorizont. Nur einige dieser Perspektiven seien exemplarisch genannt:

l Wir betreiben Politik im Interesse unserer Kinder und der nachkommenden Generationen - weil wir schonend mit den begrenzten Ressourcen unserer Erde umgehen!

l Wir betreiben Politik im Interesse von Flora und Fauna - weil wir durch Nutzung der regenerativen Energien den Schadstoffausstoß drastisch verringern wollen!

l Wir betreiben Politik im Interesse der Gesundheitsreform - weil die Kosten für die Behandlung umweltbedingter Zivilisationskrankheiten drastisch sinken, wenn deren Ursachen beseitigt werden!

l Wir betreiben Politik im Interesse der Kunst - weil auch Kunstwerke, selbst in klimatisierten Räumen, unter den Umweltkontaminationen leiden. Und all die Kunst- und Naturdenkmäler im ungeschützten Außenraum erst recht.

l Wir betreiben Politik im Interesse der Arbeitslosen - weil in den nächsten Jahren im Umweltschutz rund eine Million neuer Arbeitsplätze entstehen können, ein großer Teil davon in den Bereichen Klimaschutz und Energie!

Nicht zuletzt betreiben wir Politik im Interesse derjenigen, die uns Interessenpolitik vorwerfen - weil wir uns für eine nachhaltige und ressourcenschonende Energie- und Umweltpoltik einsetzen und es damit auch unseren Gegnern ermöglichen, vor dem Ausstoß des nächsten Vorwurfs tief durchatmen zu können!

· Mit einem Wort: Wir betreiben Politik im Interesse unserer Erde, im Interesse dessen, was auf ihr lebt, was auf ihr geschehen ist und sich auf ihr noch entwickeln könnte - wenn nicht eine kurzsichtige Politik und eine fehlgeleitete Wirtschaftsdoktrin der Sonderinteressen das kaputt macht, was das allgemeine Interesse gebietet!

Warum es notwendig ist, mit ökologischen Produkten und Technologien Geld zu verdienen.

Auf der ökonomischen Ebene geht es darum, den Begriff des "Nutzens" und "Gewinns" gegen den ihm von den Kritikern zugeschriebenen Beigeschmack des Unmoralischen und Unerlaubten zu verteidigen: Selbstverständlich gibt es auch im Handlungsfeld von Umweltinitiativen und -vereinen handfeste wirtschaftliche Interessen. All die innovativen Unternehmen, die sich den Interessen einer ökologischen Technologieentwicklung und einer nachhaltigen Energiewirtschaft verschrieben haben, wollen überleben. Ein Wirtschaftsunternehmen, sei es klein, mittelständisch oder groß, muß über kurz oder lang schwarze Zahlen schreiben. Glücklicherweise sind Unternehmen, die im Umweltbereich neue Ideen entwickeln, neue Konzepte umsetzen und neue Produkte auf den Markt bringen, heute nicht mehr chancenlos. Doch auch sie setzen sich den Gesetzen des Marktes aus und müssen, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen zu können, um zu forschen und neue Produkte zu entwickeln, herzustellen und zu vertreiben, ökonomisch handeln.

Nicht ob dabei ein ökonomischer Profit abfällt, ist hier die Frage, sondern zu wessen Nutzen und in wessen Interesse dies geschieht. Was für die Politik gilt, gilt in gleicher Weise für die Wirtschaft: So wenig es ehrenrührig sein kann, Interessen zu vertreten, sowenig darf das Erwirtschaften von Geld ein verbotenes Tun sein! Welches Interesse sollten wir schließlich daran haben, ein überlegenes Produkt darum zu unterdrücken, weil man damit auch Geld verdienen kann?


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