Seit über 20 Jahren engagiert sich die Energieagentur Regio Freiburg für den Klimaschutz und hilft, die Folgen des Klimawandels zu meistern – mit kompetenter Beratung, der Umsetzung von Pilotprojekten, mit Informationskampagnen und der Vermittlung von Know-How. Ihre Kund*innen sind Kommunen, Unternehmen, Kirchen und Menschen mit Wohneigentum. Doch wie können Letztgenannte im Mehrfamilienhaus eine PV-Anlage auf dem gemeinsamen Dach umsetzen und am besten an den eigenproduzierten Strom gelangen?
 

― Energieagentur Regio Freiburg

 

PV auf Mehrfamilienhäusern: welches Betriebskonzept passt am besten?

 

In Deutschland werden mittlerweile mehr Häuser mit zwei oder mehr Wohneinheiten als Einfamilienhäuser gebaut – eine energetisch sinnvolle Entwicklung. Denn potenziell sinkt dadurch der Energieverbrauch pro Kopf und auch der Anteil an versiegelter Fläche wird weniger. Noch besser für Klima und Geldbeutel ist es, wenn die Dachflächen außerdem für Photovoltaikanlagen genutzt werden. 


Vor allem bei Hausbewohner*innen, die den eigenen Solarstrom selbst nutzen, dient eine Photovoltaikanlage nicht nur der Umwelt, sondern ist auch wirtschaftlich sehr interessant. Profitieren können potenziell alle – Menschen im Wohneigentum, wie auch Mieter*innen –, vorausgesetzt, die zu stellenden Weichen sind bekannt. Auf den ersten Blick scheinen manchmal die Eigentumsstruktur oder die unterschiedlichen Bedürfnisse oft sehr bunter Wohneigentümergemeinschaften (WEG) einen Strich durch die Rechnung zu machen. „Doch meistens gibt es für alle eine gute Lösung“, versichert der PV-Experte Johannes Jung von der Energieagentur Regio Freiburg (EARF). 


PV-Leitfaden für Mehrfamilienhäuser – eine Hilfe zur Selbsthilfe


Johannes Jung berät PV-interessierte Menschen telefonisch und persönlich zu allen Fragen rund um die Erzeugung von Sonnenstrom. In Mehrfamilienhäusern (MFH) ist die Entscheidung für eine Photovoltaik-Anlage mit besonders vielen Fragen behaftet. Um kompetent durch diesen Prozess zu leiten und Ängste zu nehmen, haben Jung und seine Kolleg*innen einen Leitfaden erarbeitet, der die Möglichkeiten für PV auch in Häusern mit mehreren Wohneinheiten aufzeigt, quasi eine Hilfe zur Selbsthilfe. 
Federführend bei der Entwicklung des Leitfadens war Laura Meiser, die bei der EARF das PV-Netzwerk Südlicher Oberrhein betreut. Immer ein Ohr am Markt, weiß sie: „Mit Wegfall der EEG-Umlage zum 1. Juli 2022 und weiteren geplanten Verbesserungen wird der Betrieb einer Photovoltaik-Anlage auf Mehrfamilienhausdächern noch attraktiver.“ 


Welche Möglichkeiten stehen Menschen mit Wohneigentum und/oder deren Mieter*innen zur Verfügung, PV-Strom auf dem vom eigenen Dach zu produzieren?


Mieterstrom per Contracting


Bei großen MFH mit deutlich mehr als 15 Wohneinheiten ist vor allem der klassische Mieterstrom (mit oder ohne Mieterstromförderung) im Rahmen eines Contractings der sinnvollste Betrieb einer PV-Anlage. Die WEG muss nicht selbst investieren, denn die Anlage gehört dem Contractor. Von ihm bezieht die WEG einen Mischstrom aus Eigen- und Fremdstrom. Infolge der gestiegenen Stromeinkaufspreise können viele Contractoren Neukund*innen zurzeit allerdings keine finanziell attraktiven Stromverträge anbieten. 


Vier Möglichkeiten für eigene PV auf dem Mehrfamilienhaus


Möchte eine WEG selbst in eine PV-Anlage investieren, gibt es in deutschen Mehrfamilienhäusern (MFH) vier grundlegende Betreibermodelle. Welches verwendet wird, richtet sich nach den Gegebenheiten vor Ort:


1. Kollektive Selbstversorgung


Bei kleineren WEG mit großem Zusammenhalt ist die sogenannte „kollektive Selbstversorgung“ über eine gemeinschaftliche PV-Anlage am wirtschaftlichsten. Durch die Zusammenlegung auf einen gemeinsamen Strombezugszähler können Kosten für einzelne Stromzähler eingespart werden. Dieses Betriebskonzept profitiert von dem „Wegfall“ der EEG-Umlage ganz besonders, da in diesem Zuge auch die entsprechenden Melde- und Messzählerpflichten entfallen. 


2. Die Allgemeinstromversorgung


Bei Wohnanlagen mit recht kleiner Dachfläche und/oder einem hohen Verbrauch von Allgemeinstrom, z.B. durch eine Aufzugsanlage, eine Wärmepumpe oder eine gemeinsam betriebene Wallbox, bildet die sogenannte Allgemeinstromversorgung eine attraktive Betriebsart der gemeinsamen Photovoltaik-Anlage. Der Umsetzungsaufwand bleibt bei dieser Variante sehr gering. Der Nachteil: Der PV-Strom kann nicht in die einzelnen Wohnungen geliefert und dort selbst genutzt werden. 

 

3. Einzelanlagen auf WEG-Dächern

 

Gibt es Unstimmigkeiten in der WEG oder wollen nur einzelne Eigentümer*Innen in eine PV-Anlage auf dem Dach investieren, ist es möglich, Einzelanlagen zu betreiben. In diesem Fall installieren die jeweiligen Eigentümer*innen technisch voneinander getrennte PV-Anlagen und versorgen sich in der eigenen Wohnung mit selbst produziertem Solarstrom. Selbst Mieter*innen könnten diese Anlage mieten und selbst nutzen oder aber eine eigene Balkon-PV-Anlage betreiben. 


4. Der komplette Eigenstrom ins öffentliche Netz


Eine Volleinspeisung verursacht wenig Aufwand, erlaubt aber nicht, selbst produzierten Strom in den Wohnungen oder für Allgemeinstrom zu nutzen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses Betriebskonzept heute wegen der geringen Einspeisevergütungen nicht attraktiv. Sollten sich jedoch die Vergütungssätze für Volleinspeisungsanlagen infolge der EEG-Novelle erhöhen, kann diese Betriebsvariante bei Anlagen auf großen Dächern, z.B. auf Gewerbedächern und auf Freiflächen, finanziell wieder interessant werden. 

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Abb. 2 ― Übersicht über die unterschiedlichen Betriebskonzepte für Menschen mit Wohneigentum oder Mieter:innen  •

Ein Leitfaden für alle


Johannes Jung und Laura Meiser stehen mit ihrem persönlichen Ziel, möglichst vielen Menschen den Zugang zu einer eigenen PV-Anlage zu erleichtern, nicht allein. Der Leitfaden „Betriebskonzepte für Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern“ entstand im Rahmen der bundesweiten Kampagne „WEG der Zukunft“, die die Energieagentur Regio Freiburg angeschoben und organisiert hat. Interessierten steht deshalb der Leitfaden kostenlos zum Download zur Verfügung. Er umfasst alle Betriebskonzepte mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Verweise auf Beschlussvorlagen und Musterverträge. Auch bieten Erklärvideos wichtige Informationen für die Umsetzung von PV-Anlagen auf Mehrfamilienhäusern. Denn, so das Credo der beiden PV-Expert*innen: „Von selbst produziertem Sonnenstrom profitieren einfach alle – der eigene Geldbeutel, das Klima, das eigene Wohlbefinden.“

Broschüre: 

Betriebskonzepte für Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern
Infobroschüre zu Betreibermodellen mit Anleitung. Energieagentur Regio Freiburg. www.earf.de/pv-mehrfamilienhaus

Von selbst produziertem Sonnenstrom profitieren einfach alle – der eigene Geldbeutel, das Klima, das eigene Wohlbefinden.

Johannes Jung und Laura Meiser

Energieagentur Regio Freiburg

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Abb. 1 ― Matthias Gindele, Geschäftsführer der Hausverwaltung Hartmann Hausverwaltung GmbH und Bastian Bach von Solarbau Freiburg  eG (v.l.n.r.).  Foto: Energieagentur Regio Freiburg  •