Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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24.03.2010, Wolf von Fabeck:

Netzparität alleine ist keine Marktreife

Nur im Mix der Erneuerbaren Energien und mit dezentralisiertem Ausbau von Stromspeichern bei den Stromverbrauchern ist die Energiewende möglich.

Auszug aus einem Brief an einen Solaranlagenbetreiber

Sehr geehrter Solarfreund,

Sie haben berichtet, dass Sie mit Ihrer sehr großen Solarstromanlage in Süddeutschland erstaunliche Gewinne erzielen und deswegen vorschlagen, dass man die Einspeisevergütung senken solle. Dabei denken Sie an die Stromkunden, die kleinen Leute, die die Einspeisevergütung bezahlen müssen. Ihr Vorschlag ehrt Sie und zeigt, dass Ihnen der soziale Zusammenhalt wichtig ist und dass es Ihnen um wichtigere Dinge geht, als nur um das Geldverdienen. Trotzdem möchten wir Ihnen widersprechen.

Kennen Sie die Umfrageergebnisse der letzten Forsa-Umfrage vom Jahresbeginn? Sie zeigen, dass drei Viertel der Befragten (im wesentlichen "kleine Leute") das Geld für die Förderung des Solarstroms gerne bezahlen, weil sie wissen, dass es dem Aufbau einer neuen Technik dient. Die meisten der SFV-Mitglieder gehören auch zu den kleinen Leuten und wünschen Ihnen trotzdem, dass Sie noch viele und große Gewinne erzielen, damit Sie diese möglichst wieder in Sonnen- oder Windenergie investieren können. Also viel Glück bei Ihren Unternehmungen!!! Noch sind die Erneuerbaren Energien nicht über den Berg. Es wäre ein Fehler, mit dem Anschieben aufzuhören, bevor die Bergkuppe erreicht ist, sonst rollt der Karren ins Tal zurück.

Die Solarenergie ist nur ein Teil der Erneuerbaren Energien, aber sie ist ein sehr wichtiger Teil, weil sie an Tagen mit hoher Sonneneinstrahlung die Stromversorgung bei der Versorgung der Klimaanlagen unterstützen kann und weil sie häufig dann einspringen kann, wenn der Wind Pause macht. Noch ist allerdings die Solarenergie preislich im erheblichen Rückstand gegenüber der Windenergie, die einige tausend Jahre Entwicklungsvorsprung hat. Die Unterstützung für die Solarenergie muss deshalb unvermindert weitergehen, damit dieser Rückstand so schnell wie möglich aufgeholt wird.

Auch dann wird es aber nicht darum gehen, dass die Solarenergie alleine auf dem Markt bestehen soll, sondern zumindest in Deutschland kann sie nur im Zusammenhang mit Windstrom, Strom aus Geothermie und Wasserkraft und mit einem intensiven Ausbau von Speichersystemen bei den Endverbrauchern wettbewerbsfähig werden. Auch die Erneuerbaren Energien sind somit auf einen Mix aus verschiedenen Quellen angewiesen.

Die Marktfähigkeit der Erneuerbaren Energien insgesamt ist das entscheidende Ziel. Doch dieses ist noch lange nicht erreicht, wenn die Solarstromkosten die Verkaufspreise des Steckdosenstroms unterschreiten. Das ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung. Es müssen vielmehr drei Voraussetzungen geschaffen werden.

1. Die Netzparität. Diese kann nur erreicht werden durch Massenproduktion. Auch die Preisbildung bei Solaranlagen folgt dem Gesetz der Erfahrungs- oder Lernkurve. Bei jeder Verdoppelung der global kumulierten Stückzahl, vermindern sich die Stückkosten (der kWp-Preis) um 15 bis 20 Prozent. Deswegen brauchen wir immer wieder neue Produktionsanlagen und größere Produktionsanlagen und dazu brauchen wir Nachfrage und noch mehr Nachfrage und dazu brauchen wir entweder ein ordnungspolitisches Gesetz, welches jeden Dachbesitzer zwingt, eine Solaranlage zu errichten, oder eine Steigerung der Einspeisevergütung in einem solchen Maße, dass Jahr für Jahr ein Run auf noch mehr Solaranlagen einsetzt. Dies ist keine maßlose Forderung, sondern entspricht der kühlen Kalkulation, dass wir alleine zum Ersatz eines Atomkraftwerksblocks dreimal soviel Solaranlagen benötigen, wie im letzten Jahr errichtet wurden. Und es gibt in Deutschland weit mehr als nur einen Atomkraftwerksblock zu ersetzen, wie Sie ja wissen. An die Verhinderung des Neubaus von 25 Kohlekraftwerken sollten wir auch noch denken.

2. Eine regionale Strombörse mit Zugang für jeden Netzanschlussnehmer - auch für Anbieter von Solarstrom - ist die zweite notwendige Voraussetzung für Marktfähigkeit. Denn Marktfähigkeit kann sich erst dann ergeben, wenn es einen freien Markt auch für kleine Strommengen gibt, wenn also jeder Solaranlagenbetreiber jedem anderen Anschlussnehmer zu einem frei ausgehandelten Preis Strommengen anbieten und verkaufen kann. Wichtig ist dabei, dass Angebot, Preisermittlung, Verkauf und Abrechnung voll automatisch erfolgen, weil kein Solaranlagenbetreiber für die wenigen Kilowattstunden, die er im Jahr erzeugt, noch einen Stromverkäufer einstellen kann. Mit Hilfe der modernen Computer- und Internettechniken dürfte das lösbar sein. Die Durchsetzung der politischen Forderung ist sicher schwieriger. Sie ist noch nicht einmal exakt formuliert.

3. Dezentralisierung der Stromspeicher. Es muss noch eine weitere Voraussetzung geschaffen werden, eine Voraussetzung technischer Art: Die Verbraucher müssen Strom auf Vorrat kaufen können, immer dann, wenn er billig im Überfluss angeboten wird. Dazu brauchen die Verbraucher sozusagen eine "Tiefkühltruhe", in der sie den bei der regionalen Börse billig eingekauften Strom vor dem raschen Verderb schützen können. Auf Deutsch, die Verbraucher brauchen Speicherbatterien. Woher sollen die kommen? Wenn man bedenkt, dass bereits jetzt an der Strombörse Strom verschenkt und sogar noch Geld dazu angeboten wird, dann wäre das der größte Anreiz, sich einen eigenen Stromspeicher in den Keller zu stellen. Die regionale Strombörse mit Zutritt für jeden Netzanschlussnehmer wäre somit ein perfekter marktwirtschaftlicher Anreiz zur Dezentralisierung der Stromspeicher.

Mit freundlichen Grüßen und dem Wunsch auf eine weiterhin interessante Diskussion, Ihr SFV-Team



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