Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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20.08.2018, Lea Heuser:

Folgen des Braunkohletagebaus im Rheinland

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Seit fast 200 Jahren wird im Rheinischen Revier Braunkohle abgebaut, seit den 1890er Jahren wird sie zur Stromerzeugung genutzt. Riesige Löcher fressen sich durchs Rheinland, verschlucken Wälder, Dörfer und Straßen, entwurzeln Bäume, Tiere und Menschen. 2006 lag der Flächenverbrauch der deutschen Braunkohletagebaue bei mehr als 2.300 Quadratkilometern. 300 Dörfer wurden bisher für den Tagebau umgesiedelt, 100.000 Menschen verloren ihr Zuhause und ihre Ackerflächen. Für eine von Landwirtschaft abhängige Region ist dies ein unvorstellbarer Einschnitt, nicht nur auf den unmittelbar enteigneten Flächen sondern auch im Umland. Rund um die Tagebaue wird bis in Tiefen von mehr als 500 Metern Grundwasser abgepumpt. Dadurch trocknen ehemals fruchtbare Böden aus und es kommt zu weiträumigen Bodensetzungen im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern.

Allein in Garzweiler pumpt RWE jedes Jahr weit über 100 Millionen Kubikmeter Wasser ab. Das entspricht dem sechsfachen Wasserverbrauch der Großstadt Mönchengladbach. Deutschlandweit senkte sich bereits auf einer Fläche von ca. 6.000 Quadratkilometern das Grundwasser ab und die Wasserqualität der betroffenen Regionen verschlechterte sich deutlich. Wenn ein Tagebau ausgebeutet ist und die Pumpen abgeschaltet werden, steigt das Grundwasser wieder an. Dadurch werden in den nächsten 40 Jahren Bergschäden in Höhe von 180 Millionen Euro erwartet. Die Umwandlung von Restlöchern in gigantische Seen birgt unkalkulierbare Folgen und wirkt angesichts der nötigen Wassermenge und der bei steigenden Temperaturen absehbaren Wasserknappheit geradezu absurd.

Braunkohletagebaue Inden und Hambach

Die Ausmaße des Rheinischen Braunkohlerevier: Stand 2018
Quelle: Thomas Römer/OpenStreetMap data, Wikipedia CC BY-Sa2.0, aktualisiert von Todde Kemmerich

 

Mit Haus Paland in Borschemich und dem Immerather Dom wurden in den letzten Jahren auch bedeutende Baudenkmäler dem Erdboden gleich gemacht. Aber es geht viel mehr verloren als sichtbare Zeugen früherer Zeiten. Nur 5% der archäologischen Fundstätten werden vollständig untersucht, bevor sie unwiederbringlich in Tagebaulöchern verschwinden.

Immerather Dom 7

Immerather Dom, Foto: SFV

Die weitreichendsten Folgen hat der Abbau und die Verbrennung der Braunkohle eindeutig für das Weltklima. Durch den Ausstoß von Treibhausgasen trägt die Braunkohleverstromung massiv zum Klimachaos bei. Knapp 30% der nordrhein-westfälischen CO2-Emissionen stammen aus Braunkohlekraftwerken. Und natürlich leidet auch vor Ort die Luftqualität. Die Feinstaubbelastung der gesamten Region liegt deutlich über den EU-Grenzwerten. Dazu kommen beunruhigende Quecksilberemissionen. Allein die Kraftwerke in Neurath und Niederaußem stießen 2011 und 2012 jährlich jeweils 497 Kilogramm dieses Nervengifts aus.

Gegen all diesen Wahnsinn wehren sich seit bald sechs Jahren Aktivistinnen und Aktivisten, die in den noch vorhandenen 10% des Hambacher Waldes zahlreiche Baumhäuser und ein Wiesencamp errichtet haben. Durch ihre Anwesenheit wollen sie die Rodung des Restwaldes und ein weiteres Fortschreiten des Tagebaus verhindern. Und noch immer wächst die Unterstützung aus der Bevölkerung. Neue Support-Strukturen bilden sich in immer mehr umliegenden Städten, Aktionsformen werden diskutiert und ausprobiert. Diese reichen von der Versorgung der Waldbesetzung über Demonstrationen und symbolische rote Linien bis hin zu zivilem Ungehorsam wie Aktionen in den Gruben und der Unterwanderung von Veranstaltungen mit Informationsflyern über die Machenschaften von RWE.

Der Konzern plant, bis 2045 das rheinische Braunkohlerevier komplett auszubeuten. Die Tagebaue Hambach und Garzweiler II wären dann ausgekohlt. Ginge es nach RWE, würden aber sogar noch neue Kraftwerke gebaut, anstatt nach und nach alte vom Netz zu nehmen und den überfälligen Kohleausstieg einzuleiten. Um die leider längst gescheiterten deutschen Klimaziele zu erreichen, müsste ein vollständiger Ausstieg eigentlich inerhalb der nächsten zehn Jahre abgeschlossen werden.

Seit Anfang Juni arbeitet die Kohlekommission der Bundesregierung daran, ein endgültiges Ausstiegsdatum zu finden. Oben auf der Agenda stehen Themen wie Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung. 2013 waren Deutschlandweit rund 16.410 Menschen im Braunkohleabbau beschäftigt, die dank der Energiewende genug neue Arbeit im Bereich regenerativer Energien finden dürften. Ihre Zukunft wird in den Diskussionen der Kommission dennoch höher gehängt als der Klimaschutz, der das Schicksal der gesamten Weltbevölkerung bestimmt.

Anderswo wird der Kohleausstieg ernster genommen. Das Vereinigte Königreich will seine 12 Kraftwerke bis 2025 abschalten. Frankreich kündigte an, bis 2021 alle Kraftwerke zu schließen. In den Niederlanden sollen ältere Kraftwerke bis 2024 und neuere bis spätestens 2029 vom Netz gehen. Erst 2015 nahm RWE dort das Kohlekraftwerk Eemshaven in Betrieb, das nun bis 2030 wieder stillgelegt werden muss.

Es ist dringendst an der Zeit, dass auch Deutschland sich auf ein möglichst baldiges Datum festlegt. Die Folgen der Braunkohle sind bereits jetzt mehr als verheerend und die allermeisten Schäden irreparabel.



Zur Autorin:

Lea Heuser ist Kommunikationswissenschaftlerin und Aktivistin in der Klimaschutz- und Friedensbewegung. Als Sprecherin vertritt sie die Initiative Fossil Free Aachen (ehem. Divest Aachen) und den Aachener Friedenspreis e.V., zudem bloggt sie u.a. zu Klima, Frieden und Vielfalt.



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