Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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14.12.2006, Wolf von Fabeck:

Speichern oder Importieren?

Denkanstöße zum Ausgleich wetterbedingter Angebotsschwankungen und zur Nutzung der Biomasse bei einer Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien

Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromversorgung nimmt immer weiter zu. Schätzungsweise liegen sie jetzt im Jahresmittel bei knapp 13 Prozent. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem bei gutem Sonnenschein und stürmischen Wind bundesweit alle konventionellen Kraftwerke abgeschaltet werden könnten. Eine Vollversorgung mit Erneuerbaren im Stromsektor ist allerdings erst dann erreicht, wenn auch bei Windstille und trübem Himmel der Strom vollständig aus Erneuerbaren Energien stammt. Wir wollen heute genauer über die Frage nachdenken, woher an solchen Tagen unser Strom kommen wird. Dazu wollen wir die folgenden Lösungsmöglichkeiten gegeneinander abwägen:

1. Erneuerbare Energie importieren
2. Biomasse als "Lückenfüller" nutzen,
3. Überschüssige Erneuerbare Energie speichern, um sie in Mangelzeiten zu nutzen.

**** Zu Erstens:
Lassen Sie mich mit einem kommunalen Beispiel beginnen - mit den Stadtwerken Aachen. Deren Vorstand steht - anders als der SFV - auf dem Standpunkt, man solle Sonne dort ernten, wo die Sonne zuverlässig scheint („leider nicht in Aachen“) und den Wind dort, wo er stärker weht ("leider auch nicht in Aachen“). Aber Biomasse könne man nur 80 km entfernt von Aachen in der Umgebung von Kerpen ernten und daraus entstand dann ein kühnes Projekt, für das die Stadtwerke (STAWAG) sogar einen Solarpreis bekommen haben. Die STAWAG errichtete in Kerpen eine Biogas-Anlage zur Umwandlung von Mais und Gülle in Biogas. Das Biogas sollte ins Erdgasnetz der RWE eingespeist werden. In Aachen sollte dem Erdgasnetz eine äquivalente Gasmenge entnommen werden und daraus in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme erzeugt werden. Doch leider, dieses zukunftsweisende Projekt, Bioenergie über kommunale Grenzen hinweg nach Aachen zu "importieren", ist vorläufig oder sogar endgültig an einem ganz trivialen Hindernis gescheitert. Die Biogasanlage in Kerpen wurde zwar fertiggestellt und befindet sich derzeit in der Inbetriebnahme, doch RWE erschwerte durch immer weitere Anforderungen an die Einspeiseverfahren die Einspeisung des Biogases in sein Erdgasnetz. Die STAWAG sieht sich deshalb vorläufig gezwungen, die Anlage nur mit reduzierter Leistung zu fahren und das Gas in einem Schiffsdiesel zur Stromerzeugung ohne Wärmeauskopplung zu nutzen. Für die STAWAG bedeutet das eine verlorene Investition und erheblichen finanziellen Schaden. Der Umweltschutz bleibt auf der Strecke.
Wir lernen daraus: Import bei leitungsgebundenen Energien bedeutet Abhängigkeit vom Goodwill der großen Übertragungsnetzbetreiber. Und dass diese keine Freunde der Erneuerbaren Energien sind, wissen wir nicht erst seit dem geschilderten Streit zwischen RWE und STAWAG.

Fazit: Wer auf Importe von leitungsgebundenen Erneuerbaren Energien setzt, muss sich der Verfügungsgewalt über die großen grenzüberschreitenden Strom- bzw. Gasleitungen sicher sein.
Die Vorstellung, eine Umstellung auf 100% Erneuerbare Energien notfalls auch im nationalen Alleingang durchführen zu können, hat die deutsche Umweltbewegung erheblich beflügelt. Eine argumentative Konzentration auf den Import von Erneuerbaren Energien wirkt auf viele Umweltfreunde entmutigend: Nach dem Motto, wenn wir auf das Ausland angewiesen sind, können wir bis zum St. Nimmerleinstag warten.

Das Entstehen einer demokratischen Volksbewegung für die Solarenergie wird erschwert, wenn nicht mehr die Bevölkerung, sondern nur große Unternehmen in der Lage sind, die erforderlichen Investitionen und internationalen Vertragsbeziehungen zu handhaben. Die Motivation der Bürger wird vermindert nach dem Motto: Wir selber brauchen uns nicht mehr anzustrengen, die Großen werden es schon machen.
Für manche Politiker bedeutet die Verlagerung ihrer Agenda ins Ausland eine willkommende Ausrede zur Vernachlässigung des EEG.

Auch hier zur Einstimmung ein Beispiel: Die Stadtwerke Schwäbisch Hall haben sich für den Import von Pflanzenöl aus tropischen Regionen zum Antrieb ihres Blockheizkraftwerks entschieden. Derzeit wird nun aber die Öffentlichkeit beunruhigt durch die Befürchtung, dass zugunsten von Palmölplantagen weiterer tropischer Regenwald abgeholzt werden wird. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall bestreiten zwar, dass die Produktion speziell des von ihnen eingekauften Palmöls auf brandgerodetem Regenwaldboden erfolgt. Dies könnten sie durch sorgfältige Zertifizierung ausschließen. Doch diese Argumentation kann die Bedenken der Umweltschützer nicht ausräumen, denn sie lässt zwingende wirtschaftliche Zusammenhänge außer Betracht: Jede zusätzliche Nachfrage nach Palmöl treibt die Preise in die Höhe. Höhere Preise für Palmöl stellen einen Anreiz zur Vergrößerung der Anbauflächen dar. Und Vergrößerung der Anbauflächen ist in den Lieferländern am billigsten durch Brandrodung von Regenwald zu erreichen. Wer Palmöl importiert, beteiligt sich somit - natürlich ungewollt - an einer modernen Art des Kolonialismus. Gemeint ist nicht Kolonialismus mit Hilfe überlegener militärischer Macht, sondern Kolonialismus ganz friedlich-global mit überlegener Finanz-Macht. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz belohnt den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen zur Stromerzeugung mit einem so hohen finanziellen Anreiz, dass die Aufkäufer von nachwachsenden Rohstoffen den ausländischen Markt geradezu leersaugen können. In Deutschland mit seinen strengen Forst- und Landwirtschaftsgesetzen ist dies kein Problem. In vielen Entwicklungsländern dagegen wird einem Ausverkauf der Biomasse nichts entgegengesetzt. Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben. Bei ausreichendem finanziellen Angebot würden in manchen Entwicklungsländern von den dortigen Wirtschaftsbossen sogar noch die Lebensmittel der Bevölkerung zur Energiegewinnung nach Deutschland geschickt.

Eine Überprüfung des EEG auf die Frage, wie ein Ausverkauf der Biomasse in Entwicklungsländern vermieden werden kann, wäre anzumahnen. Ggf., ist die Energiegewinnung aus Biomasse ausschließlich auf inländische Rohstoffe zu beschränken.

**** Zu Zweitens:
Auch in Deutschland wird immer mehr Pflanzenöl zur Energiegewinnung abgezweigt. Die Tatsache, dass der Preis für deutsches Speiseöl aus Raps in zwei Jahren etwa um 30 % gestiegen ist, deutet darauf hin, dass es derzeit nicht gelingt, das Angebot entsprechend der wachsenden Nachfrage zu vergrößern. Dies ist für uns ein Anlass, generell über das Potential der Biomasse aus dem eigenen Land nachzudenken. Für welche Verwendungen möchten die Pioniere der Energiewende zukünftig Biomasse nutzen! Zählen wir die Verwendungsmöglichkeiten auf. Da ist erstens die Treibstoffversorgung. Biomasse soll konventionelle Treibstoffe ersetzen. Zweitens soll die Wärmeversorgung mit Biomasse erfolgen. Holzpellets sind schon jetzt groß im Kommen. Drittens sollen die jahreszeit- und wetterbedingten Lücken der Stromversorgung durch Biomasse gedeckt werden; das sind die oben erwähnten Zeiten, in denen Sonne und Wind keine oder zu geringe Beiträge liefern. Zwar will kaum ein Umweltfreund alle drei Bedarfsarten, Treibstoff, Wärme und Strom mit Bioenergie decken, aber der eine reklamiert die Biomasse für den Treibstoff, der andere für den Strom, der dritte für die Wärme. Es dürfte knapp werden. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch beim Energiepflanzenanbau auf ökologische Vertretbarkeit achten müssen, was bei der Potentialabschätzung mit berücksichtigt werden muss.

Mit Biomasse werden wir deshalb das eingangs geschilderte Problem nicht vollständig lösen können. Die Begrenztheit des Potentials sollte außerdem dazu führen, dass Biomasse nur noch in hoher Effizienz genutzt wird.

Die Verbrennung von Biomasse zur Wärmeerzeugung ohne Kraft-Wärmekopplung, genauer gesagt, ohne wärmegeführte Kraftwärmekopplung, sollte möglichst rasch beendet werden.
Die energieaufwändige Umformung von Pflanzenöl in Biodiesel sollte überprüft und ggf. eingestellt werden.

**** Zu Drittens:
Bevor wir uns über die Möglichkeiten der Speicherung Gedanken machen, sollten wir zunächst abschätzen, ob es denn überhaupt genügend Überschüsse aus Erneuerbaren Energien im eigenen Land gibt, die gespeichert werden könnten. Und da sieht es gut aus. Groß sind die Potentiale von Sonne und Wind im eigenen Land. Würde man alle Dächer, Fassaden und Lärmschutzwände in Deutschland mit heutiger Solartechnik bestücken, könnte man im Jahresmittel knapp die Hälfte des gegenwärtigen jährlichen deutschen Strombedarfs decken. Dabei sind noch nicht einmal Freiflächenanlagen mitgerechnet. Mit Windanlagen allein im Binnenland könnte man im Jahresmittel sogar den ganzen Strombedarf decken, wenn die derzeitigen Begrenzungen der Anlagenhöhe in einigen Bundesländern, z.B in NRW auf 100 Meter, aufgehoben werden, die Zahlung der Einspeisevergütung nicht mehr von einer Mindestwindgeschwindigkeit abhängig gemacht würde und die Baugenehmigungen nach den gleichen Privilegien wie bisher bei Kohlekraftwerken erfolgen würden. Besonders südlich der Mainlinie schlummert noch ein ungeheures Potential.

Ein großer Vorteil des Prinzips Speichern gegenüber dem Prinzip Energieimport wurde bisher noch nicht erwähnt, nämlich die Erhöhung der Versorgungssicherheit.
Das Prinzip Speicherung erhöht die technische Versorgungssicherheit. Jede Speicherung wirkt wie ein effizientes Notstromsystem.
Energieimporte über das „Nadelöhr“ Fernleitungen vermindern dagegen die technische Versorgungssicherheit

Zusammenfassung

Aus technischen, politischen, psychologischen und ethischen Gründen ist das Prinzip Speicherung von Erneuerbaren Energien dem Prinzip Import von Erneuerbaren Energien vorzuziehen. Die Weiterentwicklung von Speichern, insbesondere von Stromspeichern sollte mit großem Nachdruck betrieben werden.



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