Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 31.07.2009, aktualisiert am 10.09.2009, Wolf von Fabeck:

Verfehlen wir den Atomausstieg - eine ernüchternde Bilanz

Ein nationaler Notfallplan ist unumgänglich

1. Zusammenfassung

Der Solarenergie-Förderverein Deutschland beharrt auf dem Atomausstieg.

Doch fromme Wünsche alleine genügen nicht. Der Stromverbrauch in Deutschland ist in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen - im Gegenteil! Die Tausend Energiespar-Appelle haben nichts bewirkt. Es wäre unrealistisch, darauf zu hoffen, dass die nächsten tausend Appelle mehr bewirken. Der wegfallende Atomstrom (zur Zeit 22 Prozent des deutschen Stromverbrauchs) muss also irgendwie durch anderen Strom ersetzt werden. Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt, dass prinzipiell der Ersatz von Kohle- und Atomstrom durch Strom aus Erneuerbaren Energien möglich ist. Allerdings kann der Atomstrom bei planmäßiger Abschaltung der Atomkraftwerke nur dann durch Strom aus Erneuerbaren Energien ersetzt werden, wenn das Ausbautempo von Wind- und Sonnenenergie erheblich gesteigert - genauer gesagt - wenn es VERVIERFACHT wird.

In Kapitel 2 rechnen wir vor, wieso es zu einer Vervierfachung kommen muss.

In Kapitel 3 zeigen wir, dass weltweit genügend Solarmodule und Windanlagen angeboten werden, dass aber nicht genügend Käufer vorhanden sind.

In Kapitel 4 erläutern wir, welche Gesetzesänderungen notwendig sind, damit sich mehr Käufer für Solarstromanlagen finden.

In Kapitel 5 geht es darum, wie die Binnennachfrage nach Windanlagen erhöht werden kann.

2. Berechnung des erforderlichen Ausbautempos für Sonne und Wind

Wir wollen keinen Neubau von Kohlekraftwerken als Ersatz für die bisherigen Atomkraftwerke, denn die Gefahren des Klimawandels halten wir für genauso schlimm wie die Gefahren der Atomenergie. Unsere Aufgabe besteht deshalb darin, dass wir die wegfallende Atomenergie vollständig durch Erneuerbare Energien ersetzen müssen. Und zwar in Deutschland selbst. Exporte von Solar- und Windanlagen (so erfreulich sie auch sind!) zählen nicht mit, wenn der Wegfall von Atomkraftwerken in Deutschland durch heimischen Wind- und Solarstrom ersetzt werden soll!

Derzeit deckt die Atomenergie in Deutschland etwa 22 Prozent des jährlichen Strombedarfs.
Wenn die Erneuerbaren Energien hierzulande den Wegfall der Atomenergie ausgleichen sollen, müssen sie also bis zum Jahr vor dem endgültigen Atomausstieg 2021 (in 12 Jahren) um etwa 22 Prozentpunkte (des jährlichen Stromverbrauchs) mehr Strom erzeugen als heute. Im Durchschnitt sind das also jedes Jahr knapp zwei Prozentpunkte mehr (22% : 12 = 1,8%).

Welche Erneuerbaren Energien kommen dafür in Frage?

Wasserkraft kann nicht mehr wesentlich gesteigert werden. Biomasse kann nur noch einen kleinen zusätzlichen Anteil erbringen. Steigerungen sind im Wesentlichen also nur bei Wind und Solar möglich.

Diese beiden - Wind und Sonne - bringen zusammen derzeit 8 Prozent des Strombedarfs.
Bis 2022 (Abschaltung des letzten deutschen Atomkraftwerks) also in 12 Jahren, müssten sie dann 8 + 22 = 30 Prozent bringen.

Wiederholen wir noch einmal: Im Durchschnitt bedeutet das jedes Jahr zwei Prozentpunkte mehr Strom aus Wind und Solarenergie.

Ein solch schnelles Wachstum der Stromproduktion aus Sonne und Wind hat es bisher in Deutschland noch nicht gegeben. Zur Orientierung überschlagen wir einmal, wie hoch das Wachstum der Stromproduktion aus Wind und Sonne bisher war:

  • Bei der Windenergie sollten wir nicht das Wachstum des letzten Jahres zu Grunde legen, denn das war jämmerlich. Den höchsten Zuwachs in absoluten Zahlen gab es nicht im letzten Jahr, sondern im Jahr 2002. Damals wurden innerhalb eines Jahres 3300 MW neu installiert (zu den Ursachen für die dann folgende Flaute siehe Kapitel 5). Wir behalten diese 3300 MW als Ermutigung im Gedächtnis, möchten aber für die folgende Abschätzung auch nicht den höchsten Wert zu Grunde legen.

Wir wählen deshalb den Durchschnittswert. Die Stromerzeugung aus Wind ist in den Jahren von 1990 bis 2009 (also in 19 Jahren) von Null auf 7 Prozent angestiegen. Für die folgende Rechnung legen wir deshalb einen jährlichen Durchschnitts-Zuwachs der Stromproduktion von einem halben Prozent zu Grunde.

  • Die Neuinstallation von Solarstromanlagen betrug im Jahr 2007 nach Angaben des BMU 1100 MW. Diese 1100 MW entsprechen einem Zuwachs der Stromerzeugung von 1 TWh. Das entspricht bei einem Stromverbrauch von 500 TWh einem Zuwachs von 0,2 Prozentpunkten.

Wenn wir das Ziel - Zunahme der Stromproduktion aus Sonne und Wind auf zwei Prozent jährlich - erreichen wollen, müssten entweder (bei Verzicht auf Solarenergie) die jährlichen Zubauraten bei der Windenergie in jedem der vor uns liegenden 12 Jahre durchschnittlich vervierfacht werden, oder es müssten (bei Verzicht auf die Windenergie) die Zubauraten bei der Solarenergie durchschnittlich verzehnfacht werden. Natürlich wäre eine Kombination der Zuwächse bei Wind- und Solarenergie sinnvoller, z.B. eine Verdoppelung des Zuwachses bei der Windenergie und eine Verfünffachung bei der Solarenergie.

Eine Anmerkung noch zum Schluss. Da wir nicht nur aus der Atomenergie, sondern wegen des Klimawandels auch aus den fossilen Energien aussteigen müssen, sind die hier dargestellten Forderungen eine Mindestforderung. Mit der linken Hand lässt sich die Aufgabe nicht lösen.

Der Ernst der Lage erfordert ein nationales Notprogramm!

3. Können so viel Anlagen überhaupt hergestellt werden?

Ob Deutschland (ohne Bau neuer Kohlekraftwerke) aus der Atomenergie aussteigen kann, hängt wie gesagt davon ab, dass rechtzeitig genügend neue Anlagen zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien - also Solarstromanlagen und Windanlagen - aufgebaut werden. Jedes Jahr doppelt soviel Windanlagen und fünfmal so viel Solaranlagen wie im bisherigen Durchschnitt! Wohlgemerkt: Nicht irgendwo auf der Welt, sondern hier bei uns in Deutschland! Am naheliegendsten ist es natürlich, die dafür benötigten Wind und Solaranlagen von deutschen Firmen zu kaufen. Doch wenn diese die auf das Doppelte oder gar auf das Fünffache erhöhte Nachfrage nicht decken können, dann ermöglicht der globalisierte Markt den Import von Solar- und Windanlagen aus aller Welt. Weltweit werden Wind- und Solaranlagen im Überfluss angeboten. Der mangelnde Absatz ist - klimapolitisch gesehen - eine Tragödie und die Gründe sind ganz unterschiedlich. Wir denken z.B. an die Absatzkrise der weltgrößten Windfirma Vestas in Dänemark aufgrund unsinniger politischer Einschränkungen in ihrem Heimatland und in England. Oder an die Absatzkrise des niederländischen Solarzellen-Herstellers Solland, oder an die Flaute am spanischen Solarmarkt. Jedenfalls Solar- und Windanlagen gibt es derzeit in ausreichender Menge, wenn man bereit ist, den geforderten Preis zu zahlen.

Die entscheidende Frage kommt nun am Ende dieses Kapitels: Welche Land- und Hauseigentümer in Deutschland sollen in den nächsten Jahren all diese neuen Wind- und Solaranlagen kaufen, um sie bei sich zu installieren?

4. Wer soll die neuen Solaranlagen kaufen?

Wachstum ist nur möglich, wenn sich jedes Jahr mehr Menschen als im Vorjahr zum Kauf einer Solaranlage entschließen. In einigen süddeutschen Regionen ist das in diesem Jahr durchaus der Fall. Installateure schaffen es dort teilweise kaum, all die Aufträge, die sie erhalten, abzuarbeiten. Das Bild ist allerdings uneinheitlich. In anderen Regionen Deutschlands - z.B. im Osten oder im Norden besteht eher eine Flaute beim Bau von Solarstromanlagen. Und in vielen Fällen entsteht der Eindruck, dass der Bau von Solaranlagen auf Einfamilienhäusern (also in der Größenordnung bis 5 kW) eher vernachlässigt wird, weil für die Installateure der Aquisitionsaufwand im Vergleich zum Gewinn erheblich zu hoch ist (Diese Entwicklung ist übrigens schon seit Jahren zu beobachten).
Eines aber ist jetzt schon sicher. Eine Steigerung des Zubaus, noch dazu auf ein Vielfaches des Vorjahres, gar auf ein Fünffaches, ist ohne Änderung des Anreizes, sprich der Einspeisevergütung, nicht zu erwarten. Die Zubauzahlen der Bundesnetzagentur für das erste Halbjahr ergeben etwa ein Drittel des Zubaus im Jahr 2008.

Wieviele Solaranlagen in diesem Jahr 2009 tatsächlich gebaut worden sind, wird sich erst zum Ende des Jahres zeigen, wenn die Bundesnetzagentur die Meldungen der Solaranlagenbetreiber auswertet. Und
wenn dann der Zubau auch nur um die Hälfte gegenüber dem Zubau des Vorjahrs zugenommen haben sollte, wird die Einspeisevergütung noch weiter gesenkt (§ 20 Absatz 2a EEG 2009). Diese Bestimmung bremst - schon jetzt absehbar - in kurzsichtiger Weise den erforderlichen Zuwachs bei der Solarenergie! Insbesondere wirkt sich der gegenwärtige hohe Zubau bei Freiflächenanlagen infolge der Rückkopplung durch § 20 Absatz 2a EEG negativ auf die Einspeisevergütung für Hausdachanlagen aus, was vermutlich im Gesetzgebungsverfahren überhaupt nicht bedacht wurde.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wie ein völliger Zusammenbruch des Zubaus von Solaranlagen ab dem Jahr 2015 vermieden werden kann, wenn von einem Jahr auf das andere die Einspeisevergütung für neue Freiflächenanlagen wegfällt, ohne dass die Einspeisevergütung für Hausdachanlagen erhöht wird, ist uns völlig unerfindlich!

Aus diesen Gründen ist eine erhebliche Verbesserung des EEG erforderlich. Insbesondere muss die Einspeisevergütungen für Hausdachanlagen bis 10 kW so stark angehoben werden, dass die Hauseigentümer von sich aus die Initiative ergreifen und nicht erst noch von den Installateuren geworben werden müssen. Der plötzliche Ansturm auf die Installationsbetriebe wird sich verkraften lassen. Schließlich könnten normale Elektroinstallateure eine Zusatzausbildung machen und in Zusammenarbeit mit Solarinstallateuren und Dachdeckern die Aufgabe der Montage übernehmen, wie das in Süddeutschland immer häufiger der Fall ist.

5. Wie kann die Nachfrage nach Windanlagen erhöht werden?

Bei der Windenergie endete das Wachstum des Zubaus abrupt im Jahr 2002. Der wichtigste Grund für die Beendigung des Wachstums war eine Änderung in § 35 des Bundesbaugesetzbuchs im Jahr 1997. Diese Änderung regelte einerseits die Privilegierung der Windenergie im Außenbereich, gab aber gleichzeitig den Gebietskörperschaften ein Rechtsinstrument in die Hand, mit dem sie den Ausbau der Windenergie fast auf Null herunterbremsen können.
Zum besseren Verständnis folgen hier auszugsweise die Bestimmungen:


§ 35 Bauen im Außenbereich

(1) Im Außenbereich ist ein Vorhaben nur zulässig, wenn öffentliche
Belange nicht entgegenstehen, (...) und wenn es (...)
(...)
5. der Erforschung, Entwicklung oder Nutzung der Wind- oder
Wasserenergie dient
(...)
(3) Eine Beeinträchtigung öffentlicher Belange liegt insbesondere vor,
wenn das Vorhaben
(...)
5. Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege, (...) oder die
natürliche Eigenart der Landschaft und ihren Erholungswert
beeinträchtigt oder das Orts- und Landschaftsbild verunstaltet,
(...)
Öffentliche Belange stehen einem Vorhaben nach Absatz 1 Nr.
2 bis 6 in der Regel auch dann entgegen, soweit hierfür durch Darstellungen im Flächennutzungsplan oder als Ziele der Raumordnung eine Ausweisung an anderer Stelle erfolgt ist.

Entscheidend ist der letzte Satz. Hier geht es um die sogenannten "Windvorrangsgebiete".
In jedem Landkreis bzw. in jeder Kommune, die ein Windvorrangsgebiet ausgewiesen hat, wird durch diese Entscheidung der Bau von Windanlagen an anderer Stelle automatisch untersagt.

In NRW (nach Übernahme der Regierungsverantwortung durch Schwarz-Gelb) und in Hessen unter reiner CDU-Regierung werden in Windenergie-Erlassen der Landesregierung die Kommunen und Landkreise ausdrücklich aufgefordert, diese Verhinderungs-Möglichkeit durch Ausweisung von Windvorrangsgebieten zu nutzen. Teilweise wurden in Hessen und Baden-Württemberg dann sogar besonders windschwache Gebiete als Windvorrangsgebiete ausgewiesen, mit der Folge, dass nicht einmal dort Windanlagen errichtet werden, weil sie dort total unwirtschaftlich gewesen wären.

6. Schlussfolgerung

Umweltfreunde, die für den Atomausstieg kämpfen und sich für den Fortgang der Energiewende einsetzen, sollten die oben erläuterten beiden Verzögerungsursachen kennen und dagegen ihre Stimme erheben:

  • Einspeisevergütung für Solarstrom-Hausdachanlagen erheblich erhöhen und
  • im Bundesbaugesetz die Ausschlusswirkung von Windvorrangsgebieten streichen.



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