Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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vom 05.02.2017, aktualisiert am 08.02.2017, Wolf von Fabeck:

WWF-Maßnahmen zur Begleitung des Kohleausstiegs bis 2035 dienen nicht dem Klimaschutz

Fehlende Speicher gefährden die Sicherheit der zukünftigen Stromversorgung - Fernübertragungsnetze dienen der konventionellen Stromerzeugung

 

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Gliederung


 

Zusammenfassung

Die Energiewende ist seit 2009 durch die Bremspolitik der Bundesregierungen ins Stocken geraten. Nun hat der WWF Deutschland im Januar 2017 publikumswirksam eine Studie zum Kohleausstieg bis 2035 vorgelegt, die allein schon wegen der Jahreszahl 2035 Hoffnungen weckt. Leider zeigt sich allerdings, dass diese Studie eher die Politik der Bundesregierung verteidigt, anstatt neue Wege aufzuzeigen. So fordert die WWF-Studie in Übereinstimmung mit der Bundesregierung und den Stromkonzernen den Ausbau der Fernübertragungsnetze, die bei einer dezentralen Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien nicht benötigt werden.
Es werden jedoch keine wirksamen Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen die Energiewende beschleunigt und zumindest auf nationaler Grundlage umgesetzt werden kann. Solche Maßnahmen fehlen bekanntlich in der Energiepolitik der Bundesregierung und sie fehlen leider auch in der Studie des WWF zum Kohleausstieg bis 2035. Es fehlen z.B. eine schmerzhafte CO2-Steuer auf die fossilen und atomaren Brennstoffe, es fehlen solide Gewinne für Solar- und Windanlagenbetreiber, es fehlt Bürokratieabbau im EEG und es fehlt ein massiver Ausbau dezentraler Batterie- und Langzeitspeicher - hauptsächlich Power to Gas (z.B. mit Methan) und Power to Liquid (z.B. mit Methanol).

 

Professionelle Abwehr-Strategie der Stromkonzerne gegen den öffentlichen Druck zum Kohleausstieg

Die in Deutschland anwachsende Sorge vor dem Zusammenbruch des Klimas führt dazu, dass immer mehr Organisationen eine politische Beschleunigung der Energiewende fordern. Möglicherweise wird dies sogar Auswirkungen auf die Wahlkampfdiskussionen der nächsten Monate haben. Ginge es um die einfache Entscheidung - Fossilausstieg Ja oder Nein - so würde die Mehrheit mit "Ja" stimmen, ganz im Sinne des Pariser Klimaabkommens. Es ist sogar damit zu rechnen, dass die Bevölkerung eine nationale Vorreiterrolle Deutschlands bei der Energiewende fordern könnte.

Die Reaktion der Fossilkonzerne in dieser für sie fast aussichtslosen Situation ist professionell. Sie stimmen dem Wunsch nach einer Beschleunigung der Energiewende öffentlich zu, Sie gründen neue Konzern-Töchter, zB. Innogy als RWE-Tochter, die sich speziell den Erneuerbaren Energien widmen. (Gegenüber ihren Aktionären allerdings erklären sie, dass sie "ihre" Lagerstätten selbstverständlich erst noch vollständig "auskohlen" würden. RWE-Konzernchef Peter Terium im Interview der Frankfurter Rundschau vom. 9.12.2015) . Außerdem finden sich unverdächtige Organisationen, die aufwendige Studien zum Thema anfertigen oder anfertigen lassen.
Diese Studien bekräftigen dann ausdrücklich die Notwendigkeit des raschen Fossil- und Atomausstiegs. Damit gewinnen sie das Vertrauen der besorgten Umweltverbände und der zu beeinflussenden Politiker.

Diese Studien haben dann allerdings gefährliche Haken, die leicht übersehen werden:
Angelhaken WvF

  • Der erste Haken: Sie schließen nationale Vorleistungen Deutschlands (wie etwa die erfolgreiche nationale Einführung des EEG 2000 und EEG 2004) aus, indem sie eine solche Möglichkeit verschweigen und andererseits die Notwendigkeit und die Vorteile einer intereuropäischen Zusammenarbeit betonen.
  • Der zweite Haken: Dringend notwendige Maßnahmen zur Stützung der Erneuerbaren Energien werden kleingerechnet oder ganz vergessen, z.B. CO2- und Brennelemente-Steuern, solide Gewinnanreize für Betreiber von Wind- und Solaranlagen, Bürokratieabbau und vor allem der längst überfällige massive Ausbau der dezentralen Strom- und Energiespeicher.
  • Und der dritte Haken: Die sonstigen Begleitmaßnahmen, die diese Studien neben dem Fossil- und Atomausstieg fordern (z.B. den Aufbau eine Reserve aus fossilen Kraftwerken und den Ausbau der Fernübertragungsnetze), bereiten mit hohem finanziellen Aufwand die Verlängerung der konventionellen Stromversorgung vor.

Es ist wie beim Angeln. Der Angel-Haken wird möglichst im Köder versteckt. Und der Köder ist das Versprechen eines raschen Atom- und Fossil-Ausstiegs durch eine unverdächtige Umweltorganisation.


 

Umsetzung der Abwehr-Strategie in der WWF-Studie "Zukunft StromSystem Kohleausstieg 2035"

Hier soll über eine neue Studie vom Januar 2017 berichtet werden, Sie wurde im Auftrag des World Wide Fund of Nature (WWF) - einer der weltweit größten Umweltschutz-Stiftungen - erstellt. Ihr Titel lautet:

Zukunft StromSystem Kohleausstieg 2035 - Vom Ziel her denken

Im Internet findet man sie unter http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Studie_Zukunft_Stromsystem_-_Kohleausstieg_2035.pdf

Die Studie wurde erstellt von
Dr. Felix Chr. Matthes (Öko-Institut)
Lukas Emele (Öko-Institut)
Hauke Hermann (Öko-Institut)
Charlotte Loreck (Öko-Institut)
Frank Peter (Prognos)
Inka Ziegenhagen (Prognos)
Vanessa Cook (Öko-Institut, Übersetzung)

Diese Studie passt gut in das beschriebene Muster. Einerseits gewinnt sie das Vertrauen der klimabesorgten Organisationen durch die optimistische Jahreszahl 2035 für den Kohleausstieg.
Andererseits fehlen auch nicht die drei versteckten Haken

  • Nationale Vorleistungen Deutschlands werden ausgeschlossen
  • Notwendige Maßnahmen zur Stützung der Erneuerbaren Energien werden kleingerechnet oder ganz vergessen,
  • Der Rückfall in die konventionelle Stromversorgung wird vorbereitet.

Diese drei Vorwürfe sollen nachfolgend anhand des Originaltextes der WWF-Studie belegt werden

 

Nationale Vorleistungen Deutschlands werden durch die WWF-Studie abgelehnt

Jeder Gedanke an eine Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz wird in der WWF-Studie von vornherein abgewiesen durch die scheinbar moralisch gestützte Überlegung, dass aus Gerechtigkeitsgründen jedem Mitglied der Weltbevölkerung noch ein gleiches faires CO2-Budget zum Verbrauch zustünde. Die historischen hohen Emissionen des Industrielandes Deutschland sollen dabei nicht berücksichtigt werden. Dies wird als "fair" bezeichnet.

Beleg auf Seite 7 der Studie - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV: "Aus Analysen zu den Voraussetzungen für die Einhaltung der 2°C-Schranke für die Temperaturerhöhung auf globaler Ebene lassen sich auf der Basis transparenter Verteilungskonzepte sowohl für Deutschland als auch für den deutschen Stromsektor klare CO2-Emissionsbudgets ableiten. Dieses Konzept der Emissionsbudgets für ein spezifisches Land (hier abgeleitet auf der Basis eines globalen Pro-Kopf-Ansatzes und ohne Berücksichtigung historischer Emissionen) sowie einen spezifischen Sektor (hier auf der Basis etwa proportionaler Emissionsminderungen in den verschiedenen Sektoren) erweist sich als produktiver Ansatz, um auf Ebene kleinerer Handlungsräume den jeweils fairen Beitrag zur Erreichung der globalen Ziele zu identifizieren. Bei einem Emissionsbudget für Deutschland in der Größenordnung von knapp 10 Mrd. t CO2 für den Zeitraum von 2015 bis 2050 ergibt sich für den deutschen Stromsektor ein entsprechendes Emissionsbudget von 4,0 bis 4,2 Mrd. t CO2."

"Ohne Berücksichtigung historischer Emissionen" ... eine solche Regelung soll fair sein? Dieser missglückte Exkurs in die Ethik fordert zum Widerspruch heraus. Angesichts der Tatsache, dass schon jetzt Millionen von Klimaflüchtlingen unterwegs sind - wobei die verzweifelte Flucht nicht selten mit dem Tode endet, ist das Beharren auf Nutzung eines Emissionsbudgets - noch dazu ausdrücklich ohne Berücksichtigung historischer Emissionen - eines Kulturstaates unwürdig. Die einzige akzeptable Lösung kann hier sein: Deutschland ergreift national alle Maßnahmen, die ihm möglich sind, um auf eine CO2-freie Technik umzusteigen. Sind wir dazu nicht sogar ethisch verpflichtet?

Die WWF-Studie allerdings schließt einen nationalen Alleingang Deutschlands aus.

Beleg, S.48 der Studie - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV: "Für das europäische Umfeld wird langfristig bis zum Jahr 2050 eine an den Zielen der Energiewende orientierte Umgestaltung des Energiesystems unterstellt, die durch ambitionierte Ziele hinsichtlich der Reduktion der Treibhausgasemissionen und des Ausbaus der erneuerbaren Energien gekennzeichnet ist. Dies basiert auf der Annahme, dass eine ambitionierte deutsche Klimaschutzpolitik nur eingebettet in ein entsprechendes internationales und europäisches Umfeld realistisch ist."

Der Solarenergie-Förderverein sieht das anders und verweist dazu auf die beeindruckenden Erfolge des national eingeführten EEG in den Jahren 2000 bis 2010.

 

WWF will Speicher durch Verzicht auf Strom, oder durch Stromimporte oder durch fossile Reservekraftwerke ersetzen

Am Anfang einer Studie zum raschen Kohleausstieg müsste eigentlich eine nüchterne Analyse stehen, die die wichtigsten Hindernisse gegen die rasche Umsetzung der Energiewende identifiziert. Doch diese Analyse fehlt. Stattdessen greift die WWF-Studie auf ein weit verbreitetes Vorurteil zurück, das da lautet: "Netze sind billiger als Speicher". Wie unsinnig dieses Vorurteil ist, sei nachfolgend dargestellt.

Solar- und Windenergie sind fluktuierende Energiequellen. "Fluktuierend" bedeutet zeitliche Schwankungen des Leistungsangebots zwischen Null und erheblichem Überangebot. Stromspeicher können Überangebote für Zeiten des Leistungsmangels ausgleichen. Doch Stromspeicher sind derzeit noch teuer. Es ist ein Denkfehler, daraus zu schließen, dass man statt der teuren Stromspeicher die (angeblich billigeren) Stromnetze ausbauen könne. Der Unterschied zwischen Stromspeichern und Stromleitungen ist, dass die Speicher Leistungen zeitlich verschieben können, während die Stromnetze Leistung örtlich verschieben. Fast ist es peinlich, solche einfachen Erkenntnisse niederzuschreiben, aber die Denksportler im Bundeswirtschaftsministerium kommen - unter welchem Zwang auch immer - zu dem Denkfehler, dass man das Fehlen von Stromspeichern durch den Bau von (nicht ganz so teuren) Stromleitungen ersetzen könne und damit sogar Geld sparen würde. Sie begründen das wie folgt: Stromspeicher und Stromnetze könne man mit dem selben Oberbegriff bezeichnen, nämlich als "Flexibilitäten", und sie ziehen daraus freudig den Schluss, dass man zwei Dinge mit gleichem Namen gegeneinander austauschen könne. Solch eine irrige Schlussfolgerung bezeichnet man in der Logik zu recht als "sophistisch"

Wir können leider nicht mehr über diesen Fehlschluss lachen, denn bundesweit werden inzwischen Milliarden von Euro in Höchstspannungsleitungen investiert, die (anders als die Stromspeicher) bei deutschlandweiter Windstille überhaupt keinen Windstrom liefern können.

Bereits im Jahr 2014 hat die AGORA Energiewende mit der gleichen sophistischen Verwechslung von Speichern und Netzen den Kurs des BMWi bestimmt. Ihr damaliger Direktor Rainer Baake (mit grünem Parteibuch) wurde damals von Sigmar Gabriel als Staatssekretär und zuständig für Energiefragen ins BMWi berufen. Dort lieferte er die Argumente zum Ausbau der Fernübertragungsnetze anstelle des rechtzeitigen Ausbaus von Stromspeichern. Siehe dazu auch die damalige Stellungnahme des SFV unter http://www.sfv.de/artikel/vernachlaessigung_des_klimaschutzes_durch_agora_energiewende.htm

Auch der WWF setzte schon damals auf Stromnetze statt auf Stromspeicher. Damals war es Regine Günther, Leiterin Klima- und Energiepolitik, WWF Deutschland (heute ist sie für die Bündnisgrünen Senatorin in Berlin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz). Der WWF hat seine Auffassung zum Thema Speicher oder Netze nicht revidiert.

Beleg Seite 3 der WWF-Studie - Vorwort von Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz, WWF Deutschland - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV:
"Die Studie führt ebenfalls vor Augen, dass die Anstrengungen sich nicht auf den Kohleausstieg beschränken dürfen. Mit ihm muss der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze in den Fokus rücken."

Hier ist immer noch keine Rede von Stromspeichern!

Nach den Erkenntnissen des SFV ist in technischer Hinsicht das Fehlen von Strom- und Energiespeichern das größte Hindernis beim Umstieg auf die Erneuerbaren. Das Problem der hohen Speicherkosten ließe sich nach unseren Erfahrungen lösen. Glücklicherweise können wir dazu an die Lösung eines ähnlichen Problems erinnern, bei dem wir selbst beteiligt waren. Zur Erinnerung: Die überraschenden Erfolge durch die kostendeckende Einspeisungsvergütung für Solarstrom in den Jahren 2000 bis 2009 haben gezeigt, dass nationale Anstrengungen erhebliche globale Erfolge zeitigen können. Die durch die deutsche Nachfrage angeregte globale Massenproduktion senkte die Kosten für die Kilowattstunde Solarstrom von 2 DM/kWh auf inzwischen etwa 15 Cent/kWh weltweit. Der jährliche Zubau neuer Solarstromanlagen überstieg bereits 2010 die 7 Gigawatt. Das ursprünglich stärkste Gegenargument gegen die Photovoltaik - ihr angeblich unbezahlbarer Preis - haben wir seitdem nie wieder gehört. Ähnlich könnte es mit der defätistischen Behauptung gehen, die Strom- und Energiespeicher seien unbezahlbar. Ein nationales Markteinführungsprogramm für Stromspeicher könnte das dramatische Fehlen von Strom- und Energiespeichern beenden, doch wird es weder von der Bundesregierung noch von der WWF-Studie unterstützt.

In der WWF-Studie taucht das Wort "Speicher" über 60 mal auf. Dem durchführenden Öko-Institut ist die Bedeutung der Speicher also durchaus bewusst. Von Maßnahmen zum Fördern des Speicherausbaus ist allerdings nicht die Rede. Auch geht das Öko-Institut davon aus, dass die installierte Leistung der Kurzzeitspeicher in der untersuchten Zeit von 2015 bis 2050 nicht ein einziges Mal erhöht werden wird.

Beleg: auf Seite 120 bis 127 der Studie. Dort finden sich 7 Tabellen mit den geplanten Leistungen der diversen Stromerzeuger. Bei sämtlichen sieben untersuchten Varianten der möglichen Entwicklung wird in Zeile 12 über 35 Jahre lang unverändert von einer Gesamtleistung der "Kurzzeitspeicher PSW u.a." von 9 Gigawatt ausgegangen. Ein Zubau bei den Kurzzeitspeichern ist ganz offensichtlich nicht vorgesehen.
Schlimmer noch: Langzeitspeicher kommen in keiner Einzigen der sieben Varianten vor. Sie werden totgeschwiegen.

Anmerkung: Für die Glättung kurzfristiger Angebotsschwankungen sind Kurzzeitspeicher geeignet, z.B. die üblichen Lithium-Ionen-Batterien, die auch in Elektroautos Verwendung finden. Zur Überbrückung längerer Dunkelflauten reicht die Kapazität dieser Kurzzeitspeicher nicht aus. Für Langzeitspeicher sind chemische Energiespeicher angesagt. Bekanntestes Beispiel ist "Power to Gas", d.h. Erzeugung von Methan aus dem CO2 der Atmosphäre oder die Wasserstoff-Hydrolyse. Das Methan kann man in die deutschen Gasleitungen einspeisen, die es bis zu den unterirdischen Gasspeicher weiterleiten.
Ein zweites Beispiel ist die Erzeugung von Methanol (Power to Liquid) aus dem CO2 der Atmosphäre. Dies lässt sich dezentral in Tanks - ähnlich den Heizöltanks - im privaten Bereich lagern. In Island wird Methanol bereits künstlich hergestellt.

 

Ein weiterer Mangel der WWF-Studie fällt auf: die Unbestimmtheit und die sinnwidrige Addition solcher Begriffe wie "Reserven", "DSM", "Importe" und "gesicherte Leistung"

Beleg: auf Seite 120 der WWF-Studie: In der dort gezeigten Tabelle werden in Zeile 13 die Begriffe zusammenaddiert: "Reserven, DSM, Importe". In Zeile 15 stellen sie dann den Löwenanteil der "gesicherten Leistung".

Die vier Begriffe sollen nun genauer erläutert werden:

  • Die verfügbare gesicherte Leistung ist wichtig, wenn wetterbedingt besonders viel Strom gebraucht wird, das Stromangebot aber knapp wird, z.B. in Wochen mit Minus-Temperaturen, fehlendem Sonnenschein und schwachem Wind.
  • DSM ist eine Abkürzung für "Demand Side Management" und heißt auf Deutsch "Bedarfsanpassung". Dazu ein Beispiel aus einem anderen Bereich: Wenn es nicht genug zu Essen gibt, dann vermindert man seinen Nahrungsbedarf. Damit ist die Ernährung angeblich "gesichert". Das Demand-Side-Management (DMS) kann bei der erwähnten Wetterlage nicht helfen, denn die Fahrer von Elektroautos müssen wegen der kalten Temperaturen mehr Strom tanken als an wärmeren Tagen und die Wohnungsbesitzer wollen nicht ausgerechnet in solch kalten Zeiten auf ihre Wärmepumpe zur Heizung und Warmwasserbereitung verzichten. Und sollen Industrie und Gewerbe ihre Mitarbeiter während dieser Wochen in Zwangsurlaub schicken?
  • Stromimporte: Dem Leser bleibt es überlassen, sich vorzustellen, wie viele (besser gesagt, wie wenige) Stromimporte wohl in einer Folge von drei Winterwochen ohne Wind aber mit Temperaturen unter minus 10 Grad aus dem benachbarten frierenden Ausland noch möglich sind.
  • Reserven: Damit sind im wesentlichen stillgelegte Fossilkraftwerke gemeint. Da keine Langzeitspeicher in der Tabelle auf Seite 120 vorgesehen sind, würde die erwähnte ungünstige Hochdruck-Winter-Wetterlage den Rückgriff auf die bereits stillgelegten Fossilkraftwerke (die in Zeile 13 als "Reserven" bezeichnet werden) erzwingen. Der Kohleausstieg bis 2035 wäre damit rückgängig germacht! Die Stromwirtschaft lässt danken!

 

Die WWF-Studie nimmt für sich in Anspruch, dass sie eine Beschleunigung des EE-Ausbaus fordert, doch das Gegenteil ist der Fall

Beleg auf Seite 9 der WWF-Studie - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV: "Ein erstes strategisches Schlüsselelement bildet die Beschleunigung des Ausbaus der Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien auf das mit dem EEG 2014 und dem Netzentwicklungsplan 2030 ursprünglich angestrebte Niveau."

Von einer "Beschleunigung" des EE-Ausbaus ist im EEG 2014 nicht die Rede. Das EEG 2014 beschleunigte nicht den Ausbau der Stromerzeugung auf Basis der Erneuerbaren Energien, sondern führte Obergrenzen ein. §1 Abs.2 EEG 2014 bestimmt: 40 bis 45 Prozent des Bruttostromverbrauchs bis zum Jahr 2025, sowie 55 bis 60 Prozent des Bruttostromverbrauchs bis zum Jahr 2035. Das sind völlig ungerechtfertigte Obergrenzen! Außerdem wurden für die Windenergie zusätzliche Vergütungsverminderungen vorgesehen für den Fall, dass der Ausbaukorridor überschritten werden würde. "Atmender Deckel" auch für die Windenergie, § 46a EEG 2014.

Auch der Hinweis auf den Netzentwicklungsplan 2030 (siehe vorhergehenden Kasten) gereicht der WWF-Studie nicht zur Ehre. (Der Netzentwicklungsplan 2030 muss durch die ÜBERTRAGUNGS-Netzbetreiber vorgelegt werden. Es handelt sich also um die Übertragungsnetze.)


Noch ein Kritikpunkt: Fachleuten, die sich mit den Fragen der Energiewende befassen, ist bewusst, welche katastrophalen, ja vielfach tödlichen Folgen ein Blackout (Stromausfall) haben würde. Aus Sicht eines Ingenieurs, der gelernt hat, Maschinen und Systeme mit einer gehörigen Sicherheitsmarge zu planen, ist das vorgesehene - zu knapp geschneiderte - Berechnungsverfahren nur als verantwortungslos zu bezeichnen.

Beleg Seite 120 bis 127 der WWF-Studie. Dort ist jeweils in Zeile 15 die "gesicherte Leistung" angegeben. Diese ergibt sich aus der Addition der Leistungen der noch vorhandenen fossilen Kraftwerke plus der Kurzzeitspeicher plus der Reserve plus DSM plus der Kurzzeitspeicher. Es fragt sich wie lange diese angeblich "gesicherte Leistung" zur Verfügung steht. Nach spätestens einer Stunde sind die Kurzzeitspeicher geleert. Wenn dann kein Wind aufkommt und keine Sonne scheint, können die Kurzzeitspeicher nicht mehr gefüllt werden. Sie dann noch als "gesicherte Leistung" zu rechnen, ist reichlich verwegen.

Wie beliebig und unverbindlich, ja nichtssagend die Überlegungen der Studie bleiben, ergibt sich auch aus folgendem Text

Beleg Seite 62 der WWF-Studie - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV: "Aus der überschlägigen Versorgungssicherheitsbewertung ergibt sich die Notwendigkeit, für den Zeithorizont 2020 knapp 23 GW, für 2025 ca. 45,5 GW und ab 2030 etwa 50 bis 55 GW weitere Kraftwerksleistung zu sichern. Diese Kapazitäten können durch die Übernahme stillzulegender Kraftwerke in Reserven, durch nachfrageseitige Flexibilität, durch die Verfügbarmachung ausländischer Kraftwerkskapazität, durch neu zu errichtende Gasturbinenkraftwerke, durch Portfolioeffekte der (europäischen) Windkraftwerksflotte sowie durch zusätzliche Stromspeicher etc. bereitgestellt werden, wobei sich die Struktur der entsprechenden Beiträge im Zeitverlauf deutlich ändern kann bzw. wird (größere Rolle von Kapazitätsreserven und des Auslands in der kürzeren Perspektive und steigender Beitrag von Stromspeichern in der mittleren und längeren Frist). Auch wenn diese Liste möglicher Optionen zeigt, dass prinzipiell ein breites und dynamisches Portfolio von (technischen) Maßnahmen zur Gewährleistung eines sehr hohen Niveaus an Versorgungssicherheit verfügbar gemacht werden kann, bildet der Gesamtumfang der Versorgungssicherheitsmaßnahmen eine wichtige Referenzgröße zum Vergleich der anderen Szenarien."

Konsequenzen aus diesen vagen Überlegungen zieht die WWF-Studie allerdings nicht. Den Speicherausbaus zieht sie erst in "mittlerer und längeren Frist" in Erwägung. In den Tabellen mit konkreten Zahlenwerten auf den Seiten 120 bis 127 fehlen - wie bereits erwähnt - die Langzeitspeicher vollständig und die Kurzzeitspeicher bleiben sogar noch innerhalb von 35 Jahren in ihrer Leistung unverändert bei dem völlig unzureichenden Leistungswert 9 GW.

Beschreibender Text der WWF-Studie und die in ihr gerechneten Zahlenwerte sind somit nicht konsistent.

 

Der Rückfall in die konventionelle Stromversorgung wird durch den Zubau von Fernübertragungsleitungen vorbereitet

Noch einmal der bereits erwähnte Beleg auf Seite 9 der WWF-Studie - Hervorhebung (Unterstreichung) durch SFV: Ein erstes strategisches Schlüsselelement bildet die Beschleunigung des Ausbaus der Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien auf das mit dem EEG 2014 und dem Netzentwicklungsplan 2030 ursprünglich angestrebte Niveau.

Die geplanten und bereits im Bau befindlichen Stromnetze sind für die Stromversorgung aus den in Reserve gehaltenen konventionellen Kraftwerken erforderlich.

 

Wo gibt es Interesse für die WWF-Studie?

Die ungelösten Klimaprobleme in Verbindung mit dem aufkommenden Wahlkampf verhelfen der WWF-Studie zu großer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, bei den Umweltorganisationen und bei den politischen Parteien. Es ist zu hoffen, dass die im vorliegenden Beitrag angedeutete Kritik von den Entscheidungsträgern aufmerksam gelesen wird.

  • Interesse für die WWF-Studie kommt unter anderem von der Linkspartei. Diese Studie wurde bei der Tagung der Linkspartei am 28.01.2017 in Essen in der Zeche Zollverein in einem Workshop ausführlich vorgestellt. Allerdings gab es bei der Vorstellung heftige Kritik an den ethischen Grundlagen sowie mehrfache Kritik am Fehlen des Speicherausbaus.
  • Die Klima-Allianz Deutschland, die ihrerseits nach eigener Aussage von mehr als 100 Organisationen unterstützt wird, veröffentlichte die Studie mit dem ausdrücklichen Zitat des Auftraggebers: "Für eine kosteneffiziente und erfolgreiche Energiewende ist der Netzausbau ein essentielles Instrument und muss entsprechend forciert werden"


Bitte teilen Sie mir mit, welche weiteren Organisationen oder Personen sich mit der WWF-Studie befassen.

Wolf von Fabeck
Geschäftsführer im Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV)
sfv-fabeck@gmx.de



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