Einsparpotenzial beim Mieterstrom? 1500 Solarteur-Arbeitsjahre


Nicht immer ist die allerkleinste Lösung auch die allerbeste. Wenn man in einem Vielparteien-Gebäudekomplex die Anzahl der Wechselrichter, Zähler usw. reduzieren kann, lassen sich in der Summe große Einsparungen an Arbeitsaufwand realisieren. Unser Gastautor, der viel Erfahrung mit der PV-Anlagen-Projektierung auf Mehrfamilienhäusern mitbringt, hat es durchgerechnet.

 

― Rolf Weber

In diesem Artikel möchte ich auf eine bisher nach meinem Kenntnisstand kaum genutzte Ressource der Energiewende im Bereich der Photovoltaik hinweisen: Die Reduzierung der eingesetzten Geräte sowie der Solarteur-Arbeitsstunden beim Bau einer neuen Photovoltaik-(PV)-Anlage bei Mieterstromprojekten auf Doppelhaushälften, Mehrparteien- und Reihenhäusern. Wie das geht? Durch einen gemeinsamen Anschluss und gemeinsame Messtechnik für alle verbauten Einzelanlagen. Meiner Einschätzung zufolge liegt das Einsparpotential bei 3,6 Millionen Geräten, 1,2 Millionen Zählerschränken und 1.500 Solarteur-Arbeitsjahren.


Nehmen wir für die Erläuterung der Einschätzung folgendes Beispiel: In einem Reihenhaus, bestehend aus vier Gebäuden und einem durchgehenden Dach, passen auf jedes Gebäude PV-Anlagen mit 8 kWp. In jedem Gebäude wohnen sechs Mietparteien. Jedes der Gebäude hat einen eigenen Stromanschluss zum Niederspannungsnetz. Solche Gebäude sind in unserer Region für die Vermietung von Wohnraum die Regel. Um allen 24 Mietern der vier Gebäude Mieterstrom anbieten zu können, wird in jedem der Gebäude die sogenannte Summenzählung realisiert. Damit werden vier PV-Anlagen zu je 8 kWp mit 4x Wechselrichtern und 4x Zählerschränken, die jeweils 4x Einspeisezähler und 4x Überwachungsgeräte beinhalten, installiert.


Es ginge auch ressourcenschonender. Statt vier PV-Anlagen wird nur eine PV-Anlage mit 4 * 8 = 32 kWp gebaut. Die Summenzählung wird vom Niederspannungs-Hausanschluss in den 10 kV-Transformator, mit dem die Niederspannungsleitung der Gebäude verschaltet ist, verlegt. Für die damit verbundene Nutzung von vielleicht 10 Meter öffentlicher Niederspannungsleitung wird eine pauschale Verteilnetzvergütung von 1 ct./kWh berechnet.


Sollte die PV-Anlage so gebaut werden, wird nur 1x Wechselrichter (allerdings ein größerer), 1x Zählerschrank mit 1x Einspeisezähler und 1x Überwachungsgerät benötigt. An Arbeitszeit würde je Anlage eingespart: Für die Netzantrags- und schriftlichen Inbetriebnahme-Aufwände rund 0,5 Std., für den Installations- und physischen Inbetriebnahme-Aufwand je Wechselrichter rund 1 Std., für jeden Zählerschrank mit Einspeisezähler und Überwachungsgerät rund 2,5 Std. − Insgesamt also 4 Std. je Anlage. Bei drei eingesparten Anlagen sind das folglich 12 Solarteurs-Arbeitsstunden, die eingespart würden.

Bundesweites Einsparpotenzial: 3,6 Millionen Geräte, 1,2 Millionen Zählerschränke und 1.500 Solarteur-Arbeitsjahre

Rolf Weber

Abb 1 — Auf dem Bild sind sechs der inzwischen rund 130 Photovoltaikanlagen der BEG-58 zu sehen. Vier davon auf Doppelhaushälften und zwei davon auf Reihenhäusern mit je drei Gebäuden. Je Doppelhaushälfte/Reihenhaus wurde eine PV-Anlage errichtet. Die Anlagengröße variiert von 30 kWp bis 61 kWp. Insgesamt sind 273 kWp installiert. Foto: BEG-58 • 

Ein Beispiel aus der Praxis


Seit 2010 haben wir bei der BürgerEnergieGenossenschaft (BEG-58) rund 130 PV-Anlagen gebaut. Davon wurden 37 auf Doppelhäusern, 24 auf Reihenhäusern mit je 3 Gebäuden und 4 auf Reihenhäusern mit je 4 Gebäuden gebaut. Da bei uns Klimaschutz oberste Priorität hat, wird ausschließlich eine PV-Anlage auf Doppelhaushälften und Reihenhäuser gebaut. Damit ergibt sich ein realisiertes Einsparpotential von 37 + 2 * 24 + 3 * 4 = 97. Von uns wurden also 97 Wechselrichter, 97 Zählerschränke, 97 Einspeisezähler und 97 Überwachungsgeräte eingespart. An Arbeitszeit wurde eingespart: 97 * 4/8 = 48,5 Solarteur-Arbeitstage.


Bundesweites Einsparpotential


Gemäß Abbildung 2 unten ("Wohngebäude und darin befindliche Wohnungen...") sind insgesamt 5% der Gebäude im Besitz von privatwirtschaftlichen Wohnungsunternehmen (1,7%), Kommunen und kommunalen Wohnungsunternehmen (1,7%) und Wohnungsgenossenschaften (1,6%). Gemäß Tabelle (siehe Abb.  2 unten) gab es 18.367.576 Gebäude. 5% von 18.367.576 sind 918.379 Gebäude. Um der Größenordnung der potenziellen Mieterstromgebäude näher kommen zu können, gehe ich schätzungsweise davon aus, dass es sich im Durchschnitt um Reihenhäuser mit jeweils 3 Gebäuden handelt. Damit rechne ich mit einem Einsparfaktor von 2 je Reihenhaus. Als von der Lage und Ausrichtung her geeignete Reihenhäuser schätze ich 600.000 der 918.379 ein.


Damit ergibt sich ein Einsparpotential von jeweils 2 * 0,6 Mio. = 1,2  Mio. Wechselrichtern, Zählerschränken mit Einspeisezählern und Überwachungsgeräten. Also 3,6 Mio. weniger benötigte Geräte und 1,2 Mio. weniger Zählerschränke! So ergibt sich ein Einsparpotential von 4 * 0,6 Mio. = 2,4 Mio. Solarteur-Arbeitsstunden. Bei einer Solarteur-Jahresarbeitsleistung von 1.600 Std. ergibt sich daraus ein Gesamt-Einsparpotential von 1.500 Solarteur-Arbeitsjahren. Wenn wir davon ausgehen, dass die 600.000 Anlagen innerhalb der nächsten 10 Jahre gebaut werden sollen, dann würde die im Augenblick knappste Personalkapazität der Solarteure um rund 150 Solarteure pro Jahr erhöht!


Zusatzargument: Unsere Energiegenossenschaft hat Dachnutzungsverträge mit sieben Wohnungsgesellschaften. Im Rahmen der Diskussionen zu Mieterstrom ist uns folgendes Argument entgegengebracht worden: Wenn sie auf den geeigneten Dächern Photovoltaikanlagen bauen und Mieterstrom anbieten, an den daneben stehenden Gebäuden mit ungeeigneten Dächern aber keine Photovoltaik-Anlage bauen, wie soll ich das meinen Mietern erklären? „Du bekommst Mieterstrom und Du nicht!“ Dies ist für die Wohnungsgesellschaft nicht akzeptabel. Mit dem obigen Lösungsansatz erübrigt sich dieses Argument.

Abb 2 — Gebäude- und Wohnungsbestand - Erste Ergebnisse der Gebäude- und Wohnungszählung 2011 (Statistische Ämter des Bundes und der Länder). Online hier zu finden • 

Einschränkungen


Durch den Bau nur einer PV-Anlage auf Reihenhäuser werden die Strings länger. Das heißt, es werden mehr Kupferkabel benötigt. Wenn die gesamte Leistung einer Reihenhaus-PV-Anlage nur über einen Hausanschluss in das öffentliche Netz eingespeist wird, könnte es vereinzelt dazu kommen, dass dieser Hausanschluss ertüchtigt werden muss. Dies war bei der BEG-58 bei einem 4er-Reihenhaus der Fall. Dies erhöht den Aufwand. In solchen Fällen könnte auch auf zwei Anlagen für das 4er-Reihenhaus ausgewichen werden. Bei Reihenhäusern mit Schrägdächern müssen die Strings beim Übergang zum nächsten Gebäudedach ggf. mit Brandschutzwickeln gesichert werden. Auch das erhöht den Aufwand. Nach jeweils acht Jahren müssen die Einspeisezähler neu geeicht werden. Dies erhöht das Einsparpotential. Wenn mehr Geräte im Einsatz sind, werden auch mehr Geräte im Laufe von 20 Jahren einen oder mehrere Defekte haben. Dies erhöht abermals das Einsparpotential. Obige Zusammenstellung ist bereits komplex genug. Der Einfachheit halber gehe ich davon aus, dass sich die Effekte gegenseitig in etwa aufwiegen.

Rolf Weber

Gründete 2010 mit anderen klimabewegten Menschen aus der Region Hagen und Ennepe-Ruhr-Kreis die BEG-58.