Divestment: Den fossilen Konzernen den Geldhahn zudrehen

 

Die weltweit tätige Klimaschutz-Organisation 350.org hat sich nach der atmosphärischen CO2-Konzentration benannt, die gemäß den Berechnungen des NASA-Klimaforschers James Hansen gerade noch verträglich für unser Klima wäre: 350 ppm (parts per million). Derzeit liegen wir bei etwa 420 ppm. 350.org nutzt als eines seiner Hauptwerkzeuge die Idee des "Divestment". In unserem Gastbeitrag erklärt die Leiterin der Deutschland-Kampagnen von 350.org diese Idee.

 

― Tine Langkamp

Wenn wir anfangen zu handeln, ist überall Hoffnung

Greta Thunberg

Dieses berühmte Zitat von Greta Thunberg spricht vielen Menschen, die in der Klimabewegung aktiv sind, aus der Seele. Hoffnung ist überall um uns herum, wenn wir die Menschen erleben, die gemeinsam mit uns gegen den zerstörerischen Normalzustand vorgehen. Und diese Hoffnung ist bitter nötig angesichts der immer häufigeren und heftigeren Extremwetter und Klimafolgen weltweit. Die Klimawissenschaft ist sich einig. Überschwemmungen wie die im Ahrtal im letzten Jahr sind nur der Anfang. Überflutungen, Brände, Dürren, Ernteausfälle, Ressourcenkonflikte, zusammenbrechende Ökosysteme und Klima-Kipppunkte können ganze Gesellschaften destabilisieren und das Leben des Menschen im Ganzen gefährden.

Trauer, Wut und Verzweiflung sind ganz normale Reaktionen auf diesen Stand der Dinge. Wir bei 350.org bieten dazu ein Gegenmittel: Hoffnung durch Handeln. 2009 gründete sich die internationale Klimaschutz-Organisation in den USA mit einem Auftrag: Den Aufbau einer weltweiten Klimagerechtigkeitsbewegung mit dem Schwerpunkt auf Kampagnen gegen die größten Klimazerstörer: die Kohle-, Öl- und Gasindustrie.

Ab 2012 konzentrierte sich die Organisation darauf die sogenannte Divestment-Kampagne in viele Länder der Welt zu tragen und Menschen zu empowern, eigene Kampagnen bei sich vor Ort durchzuführen. Divestment bedeutet den Abzug von Investitionen aus ethisch oder ökologisch fragwürdigen Unternehmen. In Deutschland und überall auf der Welt investieren Kirchen, Kommunen, Universitäten und andere Institutionen über Aktien und Fonds in fossile Unternehmen —  es sei denn, sie haben für ihre Geldanlage Ausschlusskriterien entwickelt. Doch das ist nicht die Norm. In Deutschland gründeten sich 2014 die ersten Fossil Free Gruppen und forderten mit öffentlichkeitswirksamen, kreativen Aktionen, Presse- und Lobbyarbeit, ihre Institutionen auf, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen.

Seitdem ist viel passiert. Die Divestment-Bewegung kann auf zahlreiche Erfolge zurückblicken. Weltweit haben sich 1500 Institutionen mit einem Gesamtvermögen von über 39 Billionen US-Dollar der Divestment-Bewegung angeschlossen und investieren nicht mehr in fossile Brennstoffunternehmen. Einer der größten Erfolge der Bewegung ist dabei, dass durch die vielen öffentlichen Kampagnen die soziale Unterstützung für das fossile Geschäftsmodell immer mehr bröckelt. Und es ist ins kollektive Bewusstsein gerückt, dass das fossile Zeitalter Geschichte ist und Kohle, Öl und fossiles Gas ein für allemal im Boden bleiben müssen. 

Wir haben dabei nie erwartet, dass Divestment zu einer konkreten Reduktion von CO2-Emissionen führt, sondern darauf hingearbeitet, dass sich das gesellschaftliche Klima für fossile Unternehmen ändert und so Gesetze wie das Kohleausstiegsgesetz wahrscheinlicher werden. Doch erst 2021 gab es im Hinblick darauf eine Überraschung. Finanzmarktforscher der Uni Augsburg haben Erstaunliches herausgefunden: Wenn Fonds massenhaft dreckige Aktien abwerfen, sinken nicht nur deren Kurse überdurchschnittlich stark - die Unternehmen reduzieren in den folgenden Jahren im Durchschnitt sogar ihre CO2-Emissionen. Und zwar innerhalb von 4  Jahren um 2,3 %.

Die Stärke der Divestment-Bewegung liegt nicht nur in ihren Erfolgen, sondern vor allem in ihrer Theorie des Wandels. Es wird nicht ein einzelnes Unternehmen wie RWE herausgepickt, sondern die ganze Industrie in den Fokus gestellt. Die Kampagne funktioniert nur im Team. Sie stärkt also das kollektive Handeln und das politische Verständnis von Menschen, die sich oft zum ersten mal für Klimaschutz engagieren. Menschen, die an Divestment-Kampagnen teilgenommen haben, tauchen auch in anderen Orten der Klimabewegung auf und bringen dort ihre Erfahrungen erneut ein. Die Divestment-Bewegung ist global. Dadurch inspiriert sie. Man kann von vielen anderen Menschen lernen und fühlt sich als Teil eines größeren Ganzen.

Die Stärke der Divestment-Bewegung liegt nicht nur in ihren Erfolgen, sondern vor allem in ihrer Theorie des Wandels. Es wird nicht ein einzelnes Unternehmen wie RWE herausgepickt, sondern die ganze Industrie in den Fokus gestellt.

Tina Langkamp

Für 350.org war es immer wichtig, dass jede:r mitmachen kann - ganz unabhängig von der Erfahrung, Herkunft oder Identität. Wir haben aktiv Wege in die Klimabewegung aufgezeigt, Trainings und Vernetzungstreffen angeboten und den Fokus auf kollektives Empowerment gelenkt. Das sind Merkmale, die wir auch in unseren anderen Kampagnen immer wieder stärken.  Zum Beispiel in unserer Kampagne zu fossilen Finanzen. Noch immer stecken Banken Milliarden in den fossilen Kohle-, Öl- und Gassektor. Sie finanzieren damit Klimachaos weltweit, zerstören Gemeinden und Ökosysteme im globalen Süden und machen sich zu Handlangern der Industrie. Die größte deutsche Privatbank, die Deutsche Bank ist dabei mit traurigen Rekorden ganz vorne. Die Deutsche Bank hat zwischen 2016 und 2020 über 74 Milliarden US-Dollar in fossile Energien gesteckt – und beispielsweise die Vertreibung von indigenen Menschen unterstützt. Allein 2020 flossen über 9 Milliarden US-Dollar an Kohle- Erdgas- und Erdölunternehmen. Und das, obwohl die Deutsche Bank Teil der Net Zero Banking Alliance ist. Doch das heißt in diesem Fall bloß Greenwashing in schönster Manier.

Viele kleinere Institutionen wie Städte und Universitäten haben bereits divestiert. Nun sind die großen Player,  die Banken dran. Sie müssen in naher Zukunft daran gehindert werden, die fossile Industrie zu finanzieren, die mit ihren Projekten, meist im globalen Süden, Umwelt- und Menschenrechte mit Füßen treten. Ob beim Bau der größten Rohöl-Pipeline EACOP in Ostafrika oder Fracking in Argentinien. Wir bei 350.org versuchen die Verbindungen zum Widerstand vor Ort aufzubauen und unsere internationalen Kolleg:innen unterstützen vor Ort. Es ist dabei wichtig, die neokolonialen Strukturen fossiler Finanzen aufzudecken. Sie unterstützen weiterhin, was im Kolonialismus an der Tagesordnung war: Die Ausbeutung und Zerstörung von Menschen und Ökosystemen im globalen Süden.

Die Europäische Zentralbank und Regierungen spielen eine zentrale Rolle beim Ende fossiler Finanzierung, denn es ist unwahrscheinlich, dass profitorientierte Banken schnell und umfangreich aus dem profitablen fossilen Geschäft aussteigen. Nun ist wieder kollektives Handeln gefragt, und es machen sich immer mehr Menschen überall auf der Welt auf den Weg, um den Druck auf Regierungen und Zentralbank zu erhöhen, private Banken klimagerecht zu regulieren. Alle, die auf einem nicht von Chaos geschüttelten Planeten leben wollen, sollten ihnen Glück wünschen und mit ihrem kollektiven, transnationalen Handeln zum Klimaschutz beitragen.

 

Jetzt mitmachen!

Die Deutsche Bank finanziert Klimachaos!

Die Deutsche Bank hat zwischen 2016 und 2020 über 74 Milliarden US-Dollar in fossile Energien gesteckt. Sie ist die größte Privatbank Deutschlands und bekannt für Investitionen in klimaschädliche und menschenrechtsverletzende Projekte.

Der Druck zeigt erste Wirkung: Im Mai hat sich die Deutsche Bank aus der Finanzierung der ostafrikanischen Erdöl-Pipeline EACOP zurückgezogen!

 

Was kannst du tun:

  1. Die Petition von 350.org unterschreiben,
  2. Einen Brief an die Deutsche Bank senden,
  3. bei der Kampagne unterstützen.

 

Alle Infos: 

www.350.org/de/deutsche-bank-stop-funding-fossil-fuels/

 

Tine Langkamp

Schon seit Jahren kämpft sie für den Rückzug von Investitionen in fossile Brennstoffe. Seit 2013 ist sie als Organizerin und Campaignerin bei 350.org.